Hagen Lubig ist pädagogischer Leiter auf Burg Nordeck und nun vertretungsweise auch Leiter der Einrichtung. FOTO: JWR
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Hagen Lubig ist pädagogischer Leiter auf Burg Nordeck und nun vertretungsweise auch Leiter der Einrichtung. FOTO: JWR

Jugendhilfe-Einrichtung

Burg Nordeck: Kein Lagerkoller während Corona-Lockdown

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Während des Corona-Lockdowns waren viele Einrichtungen geschlossen. Am Jugendhilfe-Standort Burg Nordeck war es umgekehrt: Besuche zu Hause und Ausflüge wurden abgeblasen. Nun liegt der Fokus auf einer neuen Wohngruppe.

Für viele Akteure der Jugendhilfe waren die vergangenen Monate besonders herausfordernd, der Kontakt zu jungen Menschen unter Corona-Bedingungen oft schwer zu halten. Dieses Problem hatten die Verantwortlichen in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Burg Nordeck nicht. "Wir sind relativ entspannt durch die Krise gekommen", sagt Hagen Lubig, pädagogischer Leiter der Einrichtung, die von der Lebenshilfe-Tochter proLiberi getragen wird. Lubig ist zurzeit vertretungsweise auch Einrichtungsleiter. Das weiträumige Gelände rund um die Burg habe sich bewährt, sagt er, es bietet den Kindern und Jugendlichen auch in Corona-Zeiten viel Freiraum. "In anderen Einrichtungen, etwa mitten in einer Stadt, war das sicher viel schwieriger", vermutet Lubig.

Auf andere Freiheiten mussten die Bewohner dagegen vorübergehend verzichten. Üblicherweise fahren sie am letzten Wochenende eines Monats nach Hause, manche, je nach Vereinbarung, auch häufiger. "Wir haben die Heimfahrten gestoppt", blickt Lubig auf die Wochen zwischen Mitte März und Anfang Mai zurück. Sofern Eltern auf den Besuch zu Hause bestanden hätten, sei dies zwar möglich gewesen, "aber dann gab es erstmal keine Rückkehr".

Burg Nordeck: Über Wochen quasi in Quarantäne

Ein Großteil der Bewohner der Einrichtung besucht Schulen in der Nähe, während der Schulschließungen fiel der Unterricht natürlich auch für sie aus. Sie wurden von den Schulen mit Aufgaben versorgt und von Mitarbeitern in Nordeck bei den Hausaufgaben betreut. Nicht zuletzt seien übergangsweise auch Besuche und Ausflüge außerhalb des Geländes abgesagt worden, sagt Lubig.

Über Wochen befanden sich die Kinder und Jugendlichen also quasi in Quarantäne, das betont offene Konzept auf Burg Nordeck musste wegen Corona pausieren. "Wir haben dafür gesorgt, dass wir ein relativ geschlossenes System haben - und die Kinder und Jugendlichen haben wirklich gut mitgemacht", lobt Lubig. Der berühmte "Lagerkoller" sei ausgeblieben.

Komplett abgeschlossen war die Einrichtung allerdings nicht - denn das Personal wohnt nicht hier. Zwei Corona-Verdachtsfälle bei Mitarbeitern hätten sich nicht bestätigt, so Lubig. Unterm Strich habe man die Hochphase der Corona-Einschränkungen gut überstanden, "keiner hat Panik geschoben".

Burg Nordeck: Insgesamt 29 Bewohner

Für einige Bewohner hat sich das Lernen während der Lockdown-Phase kaum verändert. Auf Burg Nordeck werden etliche junge Menschen betreut, die als Schulverweigerer gelten. Einige, so Lubig, hätten Sozialphobien oder verhielten sich aggressiv, "manche haben einfach nur Angst vor der Schule".

Elf der insgesamt 29 Bewohner des Burggeländes sind zwar offiziell an der Sophie-Scholl-Schule in Gießen angemeldet, werden im Alltag aber von "Flex-Coaches" in Nordeck betreut. "Es geht erstmal nicht primär darum, sie zum Abschluss zu bringen, sondern wieder Interesse für das Lernen an den Tag zu legen. Die Bindung zu den Coaches ist das zentrale Element", sagt der pädagogische Leiter.

Das auf Individualität ausgelegte Konzept der "Flex-Fernschule" habe sich auch in der Corona-Zeit bewährt. Auf Burg Nordeck hat man schon Erfahrung mit Wissensvermittlung ohne Präsenzunterricht in Klassen, während dies für viele Schulen während der Schließungen eine ganz neue Herausforderung war. Doch an neuen Herausforderungen mangelt es auch auf Burg Nordeck nicht. Anfang Juni wurde eine "Jungen-Intensivgruppe" mit Eins-zu-eins-Betreuung eröffnet, aktuell sind vier von sechs Plätzen belegt. "Die Zielgruppe sind Kids, die Aggressionsprobleme haben", erläutert Lubig.

Burg Nordeck: Neue Intensivgruppe für Jungen

Zum neuen Team für diese Gruppe gehöre auch ein Fitness-Coach, Sport sei ein verpflichtendes Element für die Bewohner. Lubig: "Die Idee ist, über Körperlichkeit auch Selbstvertrauen hervorzurufen." Es gehe darum, durch das Spüren des eigenen Körpers auch die Auseinandersetzung mit sich selbst zu befördern. "Zum Beispiel: Was passiert, bevor ich schlage? Was triggert mich?" Da gelte es, auf den eigenen Körper zu hören und Methoden zu entwickeln, um ohne Gewalt zu reagieren.

Genügend Möglichkeiten, um sich sportlich abzureagieren, gibt es auf dem weiten Gelände allemal. Das ehemalige Schwimmbad wird zurzeit umgerüstet. Mit bestelltem Material sollen die Jungen aus der Intensivgruppe laut Lubig dort bald zu Werke gehen, geplant sei ein Multifunktions-Sportraum.

Nach wie vor befindet sich die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung also im Wandel. Doch bald stehen erst einmal die Sommerferien an, dann ist laut Lubig ein Großteil der Bewohner nicht auf dem Gelände. "Dann fährt hier einiges runter" - nicht wegen Corona, sondern absehbar und geplant.

Zusatzinfo: Wohnen auf der Burg

Momentan sind alle Wohngruppen der Einrichtung in Gebäuden am Fuße der Burg untergebracht. Laut Leitung ist die Kapazitätsgrenze fast erreicht. Das umgebaute Dachgeschoss des Burggebäudes befinde sich nun im Stadium der Bauabnahme, spätestens im Herbst soll eine weitere Gruppe einziehen. Eine weitere Etage der Burg soll ebenfalls bezugsfertig gemacht werden, allerdings frühestens im kommenden Jahr. jwr

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