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Stefan Schröder ist seit 1996 Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Allendorf/Lumda. FOTO: JWR

Alltag von Pfarrern

Beistand mit Abstand: Seelsorge in Zeiten von Corona

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Zum Pfarrberuf gehört auch, Menschen engen Beistand zu leisten. Doch wie funktioniert Seelsorge während der Corona-Krise? Auch Stefan Schröder, Pfarrer in Allendorf/Lumda, muss nun umdenken.

Gefühlt gehen die Uhren im beschaulichen Allendorf/Lumda manchmal etwas langsamer als anderswo, aber an den Glocken liegt es sicher nicht. Sie läuten im Turm der evangelischen Kirche stets verlässlich, schon seit langem. "Das Schulläuten morgens um halb acht, dann um 10 Uhr, um 12, 15, 17 und um 20 Uhr", erläutert Pfarrer Stefan Schröder. Außerdem hallt Geläut zu besonderen Anlässen durchs Dorf: bei Sterbefällen, Geburten und natürlich zu den Gottesdiensten.

Bei außergewöhnlichen Ereignissen ertönen diese Glocken von Zeit zu Zeit außerhalb der Regel, am 11. September 2001 zum Beispiel. Nun ist es wieder soweit: Ab dem heutigen Freitag wird in der evangelischen Kirche auch um 18 Uhr geläutet - so wie in vielen Orten im Dekanat und wie bislang schon in der selbstständig evangelisch-lutherischen Gemeinde in Allendorf.

Das Läuten zur Sonderzeit ist ein lautes Zeichen dafür, wie außergewöhnlich die aktuelle Krise ist und dass sie alle betrifft. "Es geht jetzt darum, dass wir uns verbinden", sagt Schröder, der seit 1996 Pfarrer in Allendorf ist. Er ist sicher: "Das wird wahrgenommen." Ein akustisches Signal, bei dem sich keiner physisch nahe kommt.

Seelsorge in Zeiten von Corona: Kreativität ist gefragt

Per Handzettel werden die Haushalte über das Läuten informiert. "Wir laden die Menschen dazu ein, eine Kerze ins Fenster zu stellen und dazu vielleicht ein Gebet zu sprechen", sagt der Pfarrer. Er hofft, dass möglichst viele mitziehen. "Rituale sind gerade zurzeit wichtig, und die Krise kann auch Kreativität fördern", findet er.

Auch Schröders Alltag hat sich nun gravierend gewandelt: Die Gottesdienste fallen aus, die Konfirmation ist vorerst auf den 30. August verlegt. Seelsorge ist in Zeiten des Abstandsgebots ein besonders schwieriges Unterfangen. Wie kann ein Pfarrer unter diesen Bedingungen für seine Gemeinde da sein? Kürzlich hat sich Schröder mit Kollegen aus dem Dekanat per Videochat darüber ausgetauscht. Zwar laufe die alltägliche Hilfe, gerade für Ältere, vielerorts gut an. Doch die Kirche müsse nun kreative Wege der Seelsorge finden, sagt er.

Rund 1550 Mitglieder zählt die evangelische Kirchengemeinde in Allendorf. Grob geschätzt seien vielleicht 600 von ihnen älter als 65, so Schröder. Gerade für Senioren ist es eine schwierige Zeit: Sie gelten als Risikogruppe, vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus gilt es vor allem sie zu schützen. Und Schutz bedeutet dieser Tage vor allen Dingen Abstand. Enkel kommen nicht mehr vorbei, direkte Kontakte liegen teils auf Eis.

Seelsorge in Zeiten von Corona: Glaube ohne Gottesdienste

Unter den älteren Gemeindegliedern seien vielleicht 100 alleinstehende, teils verwitwet, schätzt der Pfarrer. Für manche sind Gottesdienste ein wichtiger Anker. Den gibt es vorerst nicht mehr. Was brauchen ältere, einsame Menschen zurzeit am dringendsten? Auch Pfarrer Schröder weiß das nicht ganz genau. "Ich bin in diesen Tagen selbst noch nicht kontaktiert worden, die Alarmglocken läuten noch nicht", sagt er mit Blick auf möglichen Bedarf an Seelsorge. Einige, bei denen er davon ausging, dass es für sie nun besonders schwierig werden könnte, habe er angerufen. Doch die allermeisten hätten dankend abgewunken.

"Wir haben hier auf dem Dorf noch eine gewisse Stabilität, weil die Strukturen noch vorhanden sind", sagt Schröder. "Arztpraxen und Lebensmittelgeschäfte sind geöffnet, viele helfen sich gegenseitig aus." Der Pfarrer hat den Eindruck, dass die Hilfsbereitschaft zurzeit groß ist. Doch in die Freude darüber mischen sich auch Bedenken, dass dem neuen sozialen Miteinander auf Dauer der lange Atem fehlen könnte, je länger die Krise mit all den Einschränkungen anhält. Wie lange das sein wird, kann im Moment niemand sagen.

Der Allendorfer Pfarrer ist auch für zwei Pflegeheime in Lollar zuständig. Dort gelten nun strikte, zeitlich sehr begrenzte Besuchsregeln. Die Frage, wie es den Bewohnern momentan geht, bereitet dem Seelsorger selbst Sorge. "Die Altenheime sind jetzt Trutzburgen, die Menschen sind quasi hermetisch abgeschlossen." Vor den Mitarbeitern in den Heimen und dem, was sie gerade jetzt leisten, habe er großen Respekt.

Seelsorge in Zeiten von Corona: Einsamkeit in Pflegeheimen

Schon in "normalen" Zeiten sei es für die Kirche kaum möglich, alle Bewohner zu betreuen. Und natürlich haben auch nicht alle das Bedürfnis danach. Doch der Gedanke liegt nahe, dass Einsamkeit dieser Tage gerade in den Heimen stärker als sonst um sich greift.

Ein Patentrezept dagegen hat auch der Pfarrer nicht. "Ich habe die Idee, dass wir als Kirche jetzt jedem, der dort Geburtstag hat, eine Karte schicken", sagt Schröder. Er findet wichtig, nun Zeichen zu senden, dass die Bewohner nicht vergessen werden; dass andere an sie denken, auch wenn Besuche rarer werden.

"In Notfällen dürfen wir als Seelsorger die Beschränkungen auch übersteigen und zu den Menschen kommen", informiert Schröder. Pfarrer müssen jetzt ganz praktisch entscheiden, wie sie trotz Abstandsgebots und Kontaktvermeidung Beistand leisten können. Wie sollen sie etwa mit der Aussegnung von Verstorbenen umgehen? Auch darüber sei bei der Dekanatskonferenz gesprochen worden. Das Ergebnis: "Nur draußen, im geschlossenen Sarg", sagt Schröder. Trauergespräche führe er nun telefonisch.

Seelsorge in Zeiten von Corona: Nicht aus demselben Kelch trinken

Eine weitere Herausforderung im pastoralen Alltag: das Hausabendmahl für kranke oder alte Menschen. Auch dafür fänden sich vielleicht Lösungen, meint Schröder, etwa mit Einzelkelchen. Gemeinsam aus einem Kelch zu trinken - das gehört in der kirchlichen Praxis eigentlich selbstverständlich dazu. Ein uraltes Zeichen der Verbundenheit. Nun ist es, bis auf Weiteres, zum fast undenkbaren Risiko geworden.

Schröder hofft, dass die Krise auch eine Zeit der inneren Einkehr wird; des Nachdenkens darüber, was wirklich wichtig ist. "Ich sehe auch positive Aspekte, werden wir die weitertragen?" Bis man darauf eine Antwort geben kann, wird es wohl noch dauern. Etwa so lange, wie in Allendorf die Glocken eine tägliche Sonderschicht einlegen.

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