Vielen Menschen fällt es in der Pandemie schwer, die nötige Kraft zur Bewältigung des Alltags aufzubringen. (Symbolfoto)
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Vielen Menschen fällt es in der Pandemie schwer, die nötige Kraft zur Bewältigung des Alltags aufzubringen. (Symbolfoto)

Corona-Pandemie

»Alle kommen an ihre Grenzen«

  • vonChristina Jung
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Seit 15 Monaten leben wir unter dem Einfluss der Pandemie. Mittlerweile fällt es vielen Menschen schwer, die nötige Kraft zur Bewältigung des Alltags aufzubringen. Jutta Becker (45), Beraterin beim Verein für psychosoziale Therapie, sieht akuten Handlungsbedarf. Sie sagt, es ist Zeit für unkonventionelle Hilfen.

Zu Beginn der Corona-Krise haben viele die Veränderungen als Entschleunigung empfunden. Mittlerweile zehren die Einschränkungen an den Kräften der Menschen. Welche Probleme werden an Sie herangetragen?

Insgesamt sehen wir eine deutliche Verschärfung im psychosozialen Bereich. Ängste und depressive Stimmungen nehmen zu, je länger die Krise dauert. Zudem die Belastung von Eltern, Kindern und Jugendlichen und die von Menschen in systemrelevanten und helfenden Berufen, die quasi durchgearbeitet haben.

Sehen Sie da akuten Handlungsbedarf?

Auf jeden Fall. Schon vor der Pandemie haben Menschen teilweise sehr lange auf Therapieplätze gewartet. Während der Krise hat sich das verschärft. Ich erhalte Rückmeldung von Menschen, die gesagt bekommen, ohne akute Suizidalität bekommt man keinen Platz in einer Klinik. Das erfordert ein umgehendes Eingreifen. Außerdem benötigen die genannten Berufsgruppen mehr Unterstützung als den Applaus zu Beginn der Krise. Es braucht Beratung, Begleitung und sicher auch einen anderen Status in dieser Gesellschaft.

Was müsste geschehen?

Eine Nachsteuerung im sozialen Bereich insgesamt. Es müssen mehr Hilfen installiert werden. Es müssen Unterstützungsmechanismen geschaffen werden für Familien und psychisch belastete Menschen.

An welche Art von Hilfen und Unterstützungsmechanismen denken Sie?

Denkbar sind hier viele Möglichkeiten. Es braucht schnelle, vielleicht auch unkonventionelle Hilfe in dieser sehr besonderen Zeit. Erreichbare Ansprechpartner, kurze Wege und schnelle Bearbeitung sind wichtig.

Wie helfen Sie derzeit Menschen, beispielsweise wenn sie eigentlich dringend einen Therapieplatz benötigen?

Wir beraten ja schon immer während der Wartezeit auf einen solchen. Das machen wir jetzt natürlich weiter, aber die Beratung ändert sich dahingehend, dass wir über unsere Strategien und Unterstützungsmöglichkeiten nachdenken müssen .

Nämlich?

Häufigere Termine im Beratungszentrum oder Hilfe über das betreute Wohnen beispielsweise, das kommt auf die Art der Belastung an. Bei Familien ist der Kontakt zu allen Partnern wie Jugendamt, Kita oder Schule von großer Bedeutung. Diese Kooperation ist derzeit noch wichtiger als vor der Pandemie.

Warum?

Informationen müssen schnell weitergegeben werden. Wenn Erzieher oder Lehrer sich um ein Kind oder einen Jugendlichen sorgen, ist es wichtig, diese Sorgen ernst zu nehmen und dem nachzugehen. Wenn es keine Präsenzzeiten in Kita oder Schule gibt, ist es wesentlich schwieriger, sich ein Bild von den Kindern oder Jugendlichen zu machen.

Vor einem Jahr haben Sie uns schon einmal Rede und Antwort gestanden. Wie hat sich die Situation seitdem verändert?

Je länger die krisenhafte Belastung dauert, desto mehr schwinden die Ressourcen. Anfangs hatten viele vielleicht noch gute Ideen - was unternehme ich, wer kann mich unterstützen. Aber über einen so langen Zeitraum ist das nicht gut aufrechtzuerhalten. Eltern, Kinder, Jugendliche, Fachleute - alle kommen an ihre Grenzen.

Welche Sorgen beziehungsweise Ängste haben sich verstärkt, welche abgenommen?

Mit zunehmender Information hat die Angst vor dem Unbekannten abgenommen. Aber viele andere Sorgen und Ängste nehmen zu. Das Erleben, dass die Pandemie nicht »einfach« einzudämmen ist, hat viele Menschen verunsichert. Sich an Regeln zu halten und dennoch nicht immer (und sofort) den gewünschten Erfolg zu erzielen - das kann angstauslösend sein. Im weitesten Sinne sich als ohnmächtig zu empfinden. Die Angst vor eigener Ansteckung, aber auch andere Menschen anzustecken ist größer geworden. Und natürlich Sorgen und Ängste aufgrund der unklaren wirtschaftlichen Situation. Und das wirkt sich auch gesamtgesellschaftlich aus. Die Schere geht immer weiter auseinander. Die Ungleichheit wird noch größer. Die sowieso belasteten Familien sind noch belasteter, sozial Benachteiligte sind noch stärker benachteiligt.

Ist damit auch eine mögliche Zunahme an Gewalt zu erklären?

Ja, wobei ich diesbezüglich keine aktuellen Zahlen habe. Aber wenn eine Familie wenig Strategien für den Umgang mit schwierigen Situationen hat, dann verschärft sich die Lage, wenn sie 24/7 aufeinandersitzt. Generell nehmen Schwierigkeiten innerhalb von Familien und Partnerschaften zu, wenn die Menschen belasteter sind. Süchte, psychische Belastungen, Gewalt - das alles wird nicht besser mit andauernder Krise.

Wird das Beratungszentum auch häufiger kontaktiert als vor der Pandemie?

Einerseits haben wir eine Zunahme an Anfragen im psychosozialen Bereich. Es besteht allerdings auch die Sorge, dass bestimmte Missstände nicht auffallen. Dort nämlich, wo Menschen von anderen Stellen wie Schulen oder Kitas, die in der Pandemie nicht durchgängig von allen Kindern und Jugendlichen besucht wurden, an uns verwiesen werden. Hier sind die Kontakte nicht so angestiegen, wie wir es erwartet hatten.

Mit Blick auf die Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche schlagen Experten schon länger Alarm. Sie hatten vor einem Jahr eine Kausalität zwischen Corona und einer nachhaltigen Belastung der Kinder und Jugendlichen verneint. Sehen Sie das heute anders?

Nein. Denn in der psychischen Belastung gibt es keine Kausalität. Wir können nicht davon ausgehen, dass jemand bei einer bestimmten Anzahl an Belastungsfaktoren eine Depression oder Ängste entwickelt. Aber natürlich machen die Dauer und das Maß der Belastungsfaktoren etwas aus. Das steht außer Frage. Die Sorge darum ist verständlich und die teile ich.

Pubertierende sind zu Beginn der Krise aus Ihrer Sicht unproblematischer mit dieser umgegangen. Würden Sie diese Aussage heute noch mal so treffen?

Mit einer plakativen Aussage tue ich mir hier schwer. Damals hatten wir beobachtet, dass diese Altersgruppe mit Themen wie Video- oder Telefonkonferenzen wesentlich lockerer umging als teilweise ihre Eltern, die sich plötzlich im Homeoffice befanden. Viele chatteten ohnehin schon mit ihren Freunden und taten das einfach weiter. Aber das ist natürlich keine Fähigkeit, die auf Jahre ausgelegt ist. Wir alle sind soziale Wesen und brauchen Kontakte.

Wenn Eltern optimistisch sind, können auch Kinder besser mit der Situation umgehen. Allerdings fehlt vielen Müttern und Vätern im Hinblick auf eine nicht enden wollende Dauerbelastung mittlerweile der nötige Optimismus. Was raten Sie ihnen?

Ich rate ihnen nach wie vor, den Blick auf ihre Ressourcen zu legen und sie zu bündeln. Zu schauen, was gut geht, Strukturen und Termine einzuhalten. Da, wo Familien auf engem Raum zusammen sind, ist es wichtig, für den einzelnen Freiräume zu schaffen und auf sich selbst zu achten.

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