Antibiotika überstehen auch Biogasanlage

Multiresistente Keime in Bächen und Seen – seit dem Tod von drei Menschen in Frankfurt vor zwei Jahren werden die Forderungen nach einer flächendeckenden Untersuchung der Gewässer lauter. Im Kreis Gießen erfolgt diese bislang nicht (die Gießener Allgemeine berichtete).

Multiresistente Keime in Bächen und Seen – seit dem Tod von drei Menschen in Frankfurt vor zwei Jahren werden die Forderungen nach einer flächendeckenden Untersuchung der Gewässer lauter. Im Kreis Gießen erfolgt diese bislang nicht (die Gießener Allgemeine berichtete).

Suche nach Ursachen

Doch auch die Suche nach den Ursachen hat an Stellenwert gewonnen. Unter anderem stehen Kläranlagen in Verdacht, da hier resistente Bakterien mit dem geklärten Wasser in die Bäche gelangen können. Auch die Landwirtschaft wird immer wieder als mögliche Quelle genannt. Die Justus-Liebig-Universität Gießen stellte nun die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu multiresistenten Keimen in Biogasanlagen vor. Das Ergebnis: Viele in der Tiermedizin verwendete Antibiotika, die über Urin und Kot in die Gülle gelangen, lassen sich in Biogasanlagen nicht beseitigen.

"In Deutschland werden in der Tierhaltung tonnenweise Antibiotika eingesetzt", schreiben die Gießener Forscher. Konkret wurden 2017 rund 733 Tonnen Antibiotika an Tierärzte abgegeben, ein Großteil davon werde in Nutztierställen eingesetzt. Die Medikamente gelangten über das Düngen landwirtschaftlicher Flächen mit Gülle ungefiltert in die Böden. "Dort können sich Bakterien entwickeln, auf die die Arzneien keine Wirkung mehr haben – sogenannte resistente Keime." Da Gülle auch in Biogasanlagen verwendet wird, prüften die Gießener Wissenschaftler, ob die Antibiotika den Aufenthalt in den Anlagen überstehen.

"Weltweit finden sich Antibiotika in Gülleproben und in Gärresten von Biogasanlagen wieder", stellte Projektleiterin Dr. Astrid Spielmeyer vom Institut für Lebensmittelchemie und Lebensmittelbiotechnologie das Problem dar. In Deutschland seien Biogasanlagen vor allem in Gebieten mit intensiver Landwirtschaft weit verbreitet. Gleichzeitig seien dies die Regionen mit hohen Antibiotikaabgaben an die Tierärzte. "Es gibt verschiedene Studien, die einen Rückgang der Arzneimittelkonzentration durch das Vergären von Gülle in den Biogasanlagen beschreiben", sagte Spielmeyer. Jedoch seien die genauen Vorgänge bisher nicht eindeutig bekannt gewesen. Daher prüfte man, ob die Anlagen tatsächlich einen Beitrag zum Abbau der Medikamente leisten.

Im Projekt stellte sich in Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb Hessisches Landeslabor heraus, dass unterschiedliche Temperaturen, Säure- und Salzgehalte kaum Einfluss auf die Arzneimittelwirkstoffe hatten. Bei Zusatz von einem Feststoff wie Mais-Silage, der auch in Biogasanlagen erfolgt, sei es allerdings zu einem Rückgang der Antibiotikakonzentration gekommen. "Ein derartiger Rückgang, wie er auch in vorherigen Studien festgestellt wurde, heißt nicht unbedingt, dass die chemischen Strukturen zerstört und unwirksam werden", erklärt Spielmeyer. Wenn sich zum Beispiel Bestandteile der Gülle mit den Wirkstoffen verbinden, könnten die einzelnen Antibiotika zwar nicht mehr nachgewiesen werden, befinden sich aber noch in der Gülle oder den Gärresten.

Spielmayer erklärte, dass sie sich auch wieder lösen könnten und es daher zu einem erneuten Freisetzen der Antibiotika in der Gülle oder im Boden kommen könne. Das hätten die nun veröffentlichten Projektergebnisse gezeigt. Zwar werde oftmals nur ein geringer Teil wieder freigesetzt, dies könne jedoch stetig über einen langen Zeitraum erfolgen. Somit stellen Biogasanlagen keine Barriere im Kampf gegen das Entstehen multiresistenter Keime dar. Alexander Bonde, Generalsekträter der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, sagte: "Antibiotika müssen schon bei der Vergabe im Stall verringert werden, um Mensch, Tier und Umwelt zu schützen." Die Stiftung hatte das Projekt mit 343 000 Euro gefördert.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare