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Ärztemangel

Ärztemangel im Kreis Gießen: Gesundheitsdezernent sieht »Schwelle zum Prekären« erreicht

  • VonStefan Schaal
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Es sind alarmierende Zahlen: 70 Prozent der Hausärzte im Kreis erreichen in den nächsten acht Jahren das Rentenalter. Gesundheitsdezernent Hans-Peter Stock spricht im Interview über Lösungsansätze.

Herr Stock, wie schätzen Sie die Lage der ärztlichen Versorgung im Landkreis ein?

Hans-Peter Stock: Es ist nicht, wie von vielen angenommen, prekär. Wenn man allerdings nicht bereits jetzt etwas unternimmt, kann die Lage auch hier im Gießener Landkreis bedenklich werden. Es ist sozusagen an der Schwelle zum Prekären.

70 Prozent der Hausärzte im Landkreis überschreiten bis 2025 die Altersgrenze von 65 Jahren.

Stock: Das stimmt, die Zahlen stammen von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Die Entwicklung hat mit dem demografischen Wandel zu tun, dieser lässt sich nicht aufhalten. Wobei: Einen Mangel an Ärzten gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt genügend Mediziner-Absolventen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird vor allem den jungen Ärzten aber immer wichtiger – die Work-Life-Balance. Es gibt immer mehr Teilzeit-Ärzte. Insofern gibt es also eher ein Mangel an »Arzt-Zeit«.

Was kann der Landkreis tun, um den Ärztemangel aufzuhalten?

Stock: Der Landkreis ist nicht in der Hauptverantwortung, sondern die Kassenärztliche Vereinigung. Wir können unterstützend tätig sein. In der Gesundheitskonferenz zum Beispiel können wir das Bewusstsein für die Situation stärken. Mein Vorgänger, Dezernent Dirk Oßwald, hat die Gründung des Ärztenetzes des Kreises Gießen, kurz Ängie, angeregt. Für die Koordinationsstelle des Weiterbildungsverbundes Allgemeinmedizin bei Ängie zahlt der Landkreis 5000 Euro jedes Jahr. Wir prüfen gerade, ob wir den Weiterbildungsverbund noch weiter unterstützen können.

Aktiv war der Landkreis auch im Lumdatal.

Stock: Wir haben 2011 eine Analyse zur Situation der dortigen ärztlichen Versorgung gefördert und begleitet. Wir haben gemeinsam mit einer im Landkreis Gießen ansässigen Beratungsfirma, mit den Bürgermeistern im Lumdatal, den Ärzten und weiteren Gesundheitsdienstleistern aus dieser Region geredet. Im weiteren Verlauf hat die Beratungsfirma dann auch Einzelgespräche mit sämtlichen Gesundheitsdienstleistern dort geführt und auch nachgefragt, wie diese sich die Sicherstellung der medizinischen Versorgung im Lumdatal vorstellen. Ein Ergebnis ist nun das Ärztehaus, das Anfang nächsten Jahres vor den Toren Allendorfs öffnet. Übrigens: Auch wir als Landkreis spüren die Auswirkungen des Ärztemangels.

Inwiefern?

Stock: Für unsere ärztlichen Stellen im Gesundheitsamt ist die Zahl der Bewerber stark gesunken. Dass wir wie heimische Arztpraxen händeringend Mediziner suchen und dabei gewissermaßen konkurrieren, ist ein Kannibalismus, den wir eigentlich nicht wünschen. Zum Sommersemester 2018 richten wir die Möglichkeit ein, ein halbes Praktisches Jahr im Gesundheitsamt zu absolvieren.

In Lollar wurde kürzlich eine Analyse zur medizinischen Versorgungssituation abgelehnt. Die Begründung: Lollar sei ärztlich gut versorgt. Dabei hat das Durchschnittsalter der Hausärzte dort die 60 Jahre überstiegen.

Stock: Als Landkreis können wir nur mit Ideen und finanzieller Unterstützung beitragen. Wir haben alle Bürgermeister ermutigt, über die Altersstruktur der Ärzte und generell über die medizinische Versorgung in ihren Kommunen nachzudenken. Auch die Ärzte sollten über die Zukunft ihrer Praxis nachdenken, wenn der Ruhestand naht – und nicht erst an Heiligabend, wenn zu Neujahr die Rente bevorsteht. Nicht immer muss ein Medizinisches Zentrum die Lösung gegen Ärztemangel sein.

Ärzte sollten über die Zukunft ihrer Praxis nicht erst an Heiligabend nachdenken, wenn zu Neujahr die Rente bevorsteht

Hans-Peter Stock

Welche Alternativen gibt es?

Stock: Grundsätzlich, nicht zwingend auf den Landkreis Gießen bezogen: Krankenhäuser könnten noch enger mit den niedergelassenen Ärzten kooperieren. Sie könnten sogenannte »Satellitenpraxen« in Dörfern einrichten, wo Patienten dann zwei bis dreimal in der Woche eine Vormittagssprechstunde besuchen können.

Gibt es solche Angebote im Landkreis, oder ist so etwas geplant?

Stock: Derzeit nicht. Es gibt allerdings im Landkreis viele Ideen, die es zu unterstützen gilt. Zum Beispiel in Muschenheim, wo Gemeindeschwestern dreimal pro Woche eine Sprechstunde anbieten, bei Bedarf auch Hausbesuche. Die Bürger haben die Möglichkeit zur Messung von Blutdruck und Blutzucker und weiteren Vitalwerten. Bei auffälligen Befunden wird dann der Hausarzt kontaktiert. Zum Angebot gehören auch zum Beispiel Gymnastik und Ernährungsberatung. Das hilft, die Hausärzte zu entlasten.

Wie zufriedenstellend ist die Reform des Ärztlichen Bereitschaftsdiensts Ende 2015?

Stock: In vielen Kommunen sind Ärzte nun nicht mehr am ganzen Wochenende vor Ort. Es müssen vor allem in ländlichen Flächenlandkreisen auch mal 80 Kilometer zurückgelegt werden. Die Notaufnahmen in Krankenhäusern sind brechend voll, weil die Patienten eher die 112 als die 116117 wählen oder auch der ÄBD nicht zeitig für Hausbesuche verfügbar ist. Für die Einwohner im Landkreis Gießen hat sich die Situation durch die Reform verschlechtert, weil wir bereits ein gut funktionierendes System hatten. Aber das Thema ist erst einmal durch.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht eine Lösung, um dem Ärztemangel zu begegnen?

Stock: Ein Patentrezept kann ich nicht anbieten. Wir können beitragen, indem wir die Infrastruktur verbessern, die Verkehrsanbindung garantieren, Impulse geben, entsprechende Foren und Gremien wie zum Beispiel unsere Lokale Gesundheitskonferenz vorhalten, mit den Akteuren regelmäßig im Austausch bleiben – und auch mahnen. Mark Twain hat einmal gesagt: »Wer nicht weiß, wohin er will, der darf sich nicht wundern, wenn er ganz woanders ankommt.«

Und wohin wollen Sie?

Stock: Wir wollen dazu beitragen, auch weiterhin flächendeckend im Landkreis eine sehr gute ärztliche Versorgung sicherzustellen. Ich glaube, das wird uns gelingen.

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