Ärger über Schulamt hält an

  • vonStefan Schaal
    schließen

Vor einem halben Jahr haben Eltern in Rabenau das Schulamt auf Kindeswohlgefährdung verklagt. Sie wollten, dass ihr Sohn eine andere Grundschule besucht als zugeteilt. Wie geht es dem Jungen heute?

Freunde und Klassenkameraden haben gratuliert. Paul (Name von der Redaktion geändert ) hat am gestrigen Donnerstag in Odenhausen seinen siebten Geburtstag gefeiert. Wegen Corona im kleinen Kreis, nur mit der Familie, aber ausgelassen und glücklich. Nach Monaten voller Tränen und Bauchschmerzen ist das nicht selbstverständlich.

Vor einem halben Jahr saß der Erstklässler morgens, wenn ihn seine Eltern zur Grundschule in Rüddinghausen brachten, verzweifelt hinten im Auto und sagte: »Ich will da nicht hin.«

Die damalige Situation Pauls und seiner Eltern wirft eine grundsätzliche Frage auf: In welchem Fall darf ein Kind eine andere Grundschule besuchen als zugeteilt? Die Familie wollte, dass Paul auf die Rabenschule in Londorf geht. Das Schulamt bestand darauf, dass der Junge die Schule im Nachbardorf Rüddingshausen besucht, die Familie gehöre nun mal zu diesem Schulbezirk. Die Eltern haben daraufhin das Schulamt im August verklagt - wegen Kindeswohlgefährdung.

Sechs Monate sind seitdem vergangen. »Mathe«, antwortet Paul auf die Frage nach seinen Lieblingsfächern. »Und Sport.« Paul sei »angekommen«, sagt sein Vater. Es gehe ihm gut. »Er ist kontaktfreudiger, als wir angenommen haben«, fügt die Mutter hinzu. »Er kommt mit jedem klar.«

Das Verwaltungsgericht hat die Klage der Eltern zwar abgewiesen. Diese sind gegen die Entscheidung zunächst vorgegangen, haben dann aber auf eine mündliche Verhandlung verzichtet. Die Gefahr, Paul weiter mit dem Konflikt zu belasten, sei zu groß, erklärt die Mutter. Auch weil er sich nun in der Klasse in Rüddingshausen zunehmend wohlfühle.

Und so stellt sich die Frage: Haben die Eltern überreagiert? Sind sie überfürsorgliche Helikoptereltern? Die Mutter schüttelt den Kopf. »Hinter unserem Anliegen, unseren Sohn auf eine andere Schule zu schicken, standen ernsthafte Probleme«, betont sie. »Ich bin immer noch schockiert darüber, wie es mit dem Schulamt abgelaufen ist.«

Sie habe für das Vorgehen bis heute kein Verständnis. »Mich stört, dass es kein persönliches Gespräch gegeben hat«, erklärt die Mutter. »Vor allem stört mich, dass andere sich das Recht herausnehmen, zu meinen, was für unseren Sohn das Beste ist.«

Die Eltern trugen dem Schulamt zahlreiche Argumente vor: So liegt die Schule in Londorf näher zum Wohnort der Familie in Odenhausen, der Fahrradweg wäre kürzer und sicherer. Pauls Oma wohnt in Londorf, sie hätte nach der Schule auf ihn aufpassen können. Seine besten Freunde besuchen außerdem die Grundschule in Londorf.

Die Antwort des Amts fiel nüchtern und für die Familie enttäuschend aus. Gewichtige Gründe für einen Schulwechsel seien nicht gegeben. Auf den individuellen Fall ging der Brief nicht ein. Erst nach einem Widerspruch per Anwalt antwortete das Schulamt ausführlich - erteilte aber erneut eine Absage. Der Konflikt ging so weit, dass die Eltern am Wochenende vor dem ersten Schultag nicht wussten, auf welche Schule der Sohn nun geht. Der Vater erklärt, er habe das Schulamt auch auf die Sensibilität seines Sohnes hingewiesen. Dieses Thema aber sei ignoriert worden. »Dadurch ist der Konflikt persönlich geworden«, sagt er.

»Wir machen es uns nicht leicht«, versicherte der Leiter des Schulamts, Norbert Kissel. Man treffe auch mal harte Entscheidungen. »Aber es wird nicht willkürlich entschieden. Wir schauen auch auf den einzelnen Fall. Das Kind zählt.«

Nachdem diese Zeitung über den Fall im August vergangenen Jahres erstmals berichtet hatte, meldeten sich mehrere Leser, die von ähnlichen Konflikten mit dem Schulamt berichteten und der Familie in Londorf Ratschläge gaben. »Wenn sich das Kind zum großen Teil bei der Oma in Londorf aufhält, könnte dort der erste Wohnsitz angemeldet werden«, riet beispielsweise eine Biebertalerin.

»Das haben wir ausgeschlossen«, erklärt allerdings Pauls Vater. »Es wäre ein Trick gewesen.« In der kleinen Gemeinde kenne man sich, zudem könnte der Sohn in der Schule danach gefragt werden. »Es wäre keine Option gewesen, dass er hätte lügen müssen.«

»Das Schulamt sollte das Prozedere überdenken«, sagt Pauls Mutter. »Es sollte mehr auf die Eltern eingehen und die Hintergründe ihrer Anliegen erfragen.« Dass am Ende eine Juristin die Entscheidung treffe, sei nicht angemessen.

Nach dem ersten Bericht über den Fall der Familie in Londorf in dieser Zeitung hat sich ein Pohlheimer gemeldet, der einen ähnlichen Kampf mit dem Schulamt Mitte der 80er Jahre ausgetragen hat. Die jüngste Tochter wollte wie die drei Geschwister in Gießen auf die Ludwig-Uhland-Schule, das Schulamt bestand allerdings auf die Grundschule in Watzenborn-Steinberg.

»Ich habe einen Gerichtsprozess mit Pauken und Trompeten verloren«, berichtet der Pohlheimer. Am Ende habe die Familie den Erstwohnsitz für ein halbes Jahr nach Gießen verlegt. »Dass man einem Kind solche Schwierigkeiten zumuten muss«, wundert er sich noch heute. »Wir hätten unsere Tochter im Ausland, in den USA in einer Schule anmelden können. Aber nicht im Nachbarort Gießen.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare