Hundehaltern fehle zunehmend das Verständnis für den Schutz von Feld und Wiesen, bedauert Tim Mattern. FOTOS: DPA/SRS
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Hundehaltern fehle zunehmend das Verständnis für den Schutz von Feld und Wiesen, bedauert Tim Mattern. FOTOS: DPA/SRS

Vorstand im Nabu-Kreisverband Gießen

Ärger über Hundebesitzer: Nabu-Sprecher Tim Mattern im Interview - "Wir sind immer die Störer"

  • vonStefan Schaal
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Mehr als 5000 Menschen im Kreis sind Mitglied im Nabu. Sie engagieren sich für den Naturschutz, auf politischer Ebene aber stoßen sie zumeist auf Ablehnung. "Unsere Arbeit ist sehr frustrierend", sagt Tim Mattern vom Vorstand des Nabu-Kreisverbands.

Naturschutz gewinnt an Bedeutung, Jugendliche sind zumindest vor Corona in Massen in der Bewegung "Fridays for future" marschiert. Rennen Ihnen beim Nabu die Menschen die Bude ein?

Null. "Fridays for Future" hat uns keinen Zulauf gebracht. Die jungen Leute wollen sich nicht in Vereinsarbeit engagieren. Mit mehr als 5000 Mitgliedern im Kreis Gießen sind wir trotzdem stärker als jede Partei. Nur tatsächlich etwas unternehmen und sich selber einschränken wollen die wenigsten. Die Aktiven nehmen ab. Und sie sind ziemlich alt, die Mehrheit ist über 70.

Das heißt, Sie erkennen keinen Bedeutungsgewinn für den Nabu?

In der Bevölkerung sind wir zum Teil bereits so etabliert, dass manche Leute uns schon als Behörde sehen. Wenn vor der eigenen Haustür etwas passiert, wird nach uns geschrien. Politiker aber hören nicht auf uns. Wenn wir zu Bauprojekten Stellungnahmen formulieren, bekommen wir zwar Antworten. Auf ein paar Ideen, die nicht besonders wehtun, wird dann eingegangen. Vor allem aber steht da: "Wird zur Kenntnis genommen." Das war’s dann.

Warum fühlen Sie sich von Politikern nicht gehört?

Bürgermeister und Parteien wollen die Gemeinde angeblich voranbringen und zu Wachstum führen. Sie sehen aber nicht die Kollateralschäden. Vor allem die Flächenversiegelung ist ein Problem, das uns stark beschäftigt.

Was unternehmen Sie dagegen?

Wir bringen uns in die Verfahren ein. Wir haben zum Beispiel das geplante Logistikzentrum an der Langsdorfer Höhe abgelehnt. Wir lehnen auch den Bau der Gewerbegebiete in Garbenteich und südlich von Inheiden ab. Wir wissen aber von Anfang an, dass wir die Projekte nicht verhindern können. Wir könnten klagen, würden aber auf jeden Fall verlieren. Wir haben nur sehr bedingt Einspruchsrecht. Wenn die Politik entscheidet, dass etwas gebaut wird, dann wird das gebaut. Eigentlich ist die Arbeit, die man sich macht, total frustrierend.

Das heißt, Ihr Engagement hat keine Ergebnisse?

Hinterher gibt es vielleicht eine Ausgleichsmaßnahme und ein paar Öko-Punkte mehr. Das ist dann das Ergebnis. Politiker argumentieren für Baugebiete immer mit Ökonomie, Gewerbesteuereinnahmen, mehr Einwohnern und mehr Arbeitsplätzen.

Und womit argumentieren Sie?

Man müsste eine andere Siedlungspolitik betreiben. Indem man sagt: Wir wollen als Gemeinde nicht über eine bestimmte Größe hinaus, weisen keine neuen Baugebiete mehr aus und setzen auf Innenverdichtung. In Annerod zum Beispiel war zwischen Wohnbebauung und Gewerbegebiet früher ein knapper Kilometer Platz. Heute ist das nur noch ein schmaler Streifen. Wir haben bald keine Äcker mehr Das ist eine Frage des politischen Willens.

Welche Forderung also richten Sie an die Politik?

Wir sind immer in der Verteidigungssituation. Wir müssen immer versuchen, zu retten, was noch zu retten ist. Es wäre schön, wenn Gemeinden vor dem Start von Großprojekten mit uns sprechen. Wir wollen ja nicht alles verhindern. Wir wollen gar nicht die Buhmänner sein. Wenn man anderer Stelle etwas Dauerhaftes für die Natur erreichen könnte, wären wir auch froh.

Die Schaffung von Ausgleichsflächen bei Bauvorhaben sind ja ohnehin gesetzlich vorgeschrieben.

Diese Ausgleichsfläche werden in vielen Fällen nicht umgesetzt. Ein paar Gemeinden haben das mittlerweile gut im Griff und arbeiten in diesem Bereich nach, zum Beispiel Biebertal. Es gibt Gemeinden wie Laubach und Fernwald, die ihren Verpflichtungen kaum nachkommen. Die führen diese Ausgleiche nicht durch. Entweder haben die Gemeinden für die Ausgleichsflächen Gelder veranschlagt und man fragt sich, wo die heute sind. Oder wurden diese Gelder nicht erhoben?

Was unternehmen Sie als Nabu in dieser Frage?

Als Ansprechpartner kommen für uns die Bauaufsicht und die Kommunalaufsicht des Landkreises in Frage. Die könnten das an die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises delegieren. Wir haben Gespräche mit der Landrätin geführt. Aber es tut sich nichts. Muss man deutlich sagen: Da fehlt der politische Wille, die Ausgleichsmaßnahmen umzusetzen.

In Ihrem Engagement für den Naturschutz stehen Sie also meistens am Ende mit leeren Händen da?

So ist es. Wir sind immer die Störer, die anderen ein schlechtes Gewissen machen. Aber die Politiker setzen ihre Vorhaben trotzdem durch.

Was hält Sie dann an Ihrem Engagement?

Die Energie gewinnen wir dadurch, dass wir die Natur beobachten und sehen, was es noch gibt. Da wächst schnell der Wunsch, für den Erhalt der Natur zu kämpfen. Wenn man gar nicht kämpft, hat man ja gleich schon verloren. Und manchmal hat man eben doch Erfolg.

Gibt es Bauvorhaben oder Projekte, wo Sie Aussichten sehen, dass Ihre Argumente für Naturschutz Anklang finden könnten?

Eine schlimme Fläche ist die seit Jahren geplante Erweiterung des Edeka-Zentrallagers in Großen-Buseck. Da gibt es so viele Naturschutzgüter, die geschädigt werden, diese Planung geht auf keinen Fall.

Warum?

Direkt an das Zentrallager grenzen ein FFH-Gebiet und ein Niedermoor an. Und es gibt dort seltene Arten wie Ameisenbläulinge, die umgesiedelt werden müssten. Dann gibt es noch geschützte Bereiche wie eine Flachlandmähwiese. Man hätte dort Edeka nie ansiedeln lassen dürfen. Aber es gibt Alternativflächen.

Wo?

Edeka könnte umziehen, auch innerhalb der Gemeinde Buseck. Zum Beispiel gegenüber auf die andere Straßenseite, die Fläche dort ist auch als Gewerbegebiet ausgewiesen. Aber das ist halt teuer. Es geht mal wieder nur um’s Geld.

Haben Sie Hoffnungen auf die bevorstehende Kommunalwahl, dass sich grundsätzlich beim Thema Naturschutz etwas ändern könnte?

Uns wäre wichtig, dass sich in den Köpfen der Leute etwas ändert. Und zwar bei allen Parteien. Politiker sollten längerfristig planen und nicht nur für ihre Legislaturperiode.

Betrachten Sie die Grünen als Partner?

Uns geht es nicht um politische Richtungen, sondern um Naturverständnis. Wir selbst sind ein Querschnitt aus der Bevölkerung. Wir sehen das aus Naturschutzsicht, und nicht gelb, grün oder was auch immer.

Nimmt das Naturverständnis in der Bevölkerung aus Ihrer Sicht zu?

Schwer zu sagen. Bei vielen, die ihre Freizeit in der Natur verbringen, ist ein rauer Umgangston, Rücksichtslosigkeit und fehlendes Verständnis für die Belange von Natur und Tierwelt festzustellen. Ein Problem, das uns sehr bewegt, sind Hundebesitzer. Viele meinen, sie und ihre Hunde dürfen überall entlang gehen. Die leinen ihre Hunde auch nicht an, die Hunde koten und pinkeln auf die Wiesen. Wenn man mit denen spricht, hört man die schlimmsten Sachen. "Mein Hund ist auch Natur", ist da noch die harmloseste Antwort.

Ist das Problem schlimmer geworden?

Hundebesitzer werden immer aggressiver, die lassen sich teilweise nichts mehr sagen. Neulich habe ich eine Frau getroffen, deren Hund 100 Meter vor ihr gelaufen ist und ein Rebhuhn aufgescheucht hat, eine seltene Vogelart. Ich habe die Frau darauf hingewiesen und sie gebeten, den Hund anzuleinen. Sie hat nur gemeint: Ja, die Rebhühner habe sie hier schon öfter gesehen. Dann ist sie einfach weiter gelaufen. Da ist kein Verständnis für etwas, das zu schützen ist. Auch da sind wir wieder die Bösen, wenn wir etwas sagen.

Was könnte man im Umgang mit Hundehaltern tun?

Man könnte als Gemeinde Hundebesitzer einladen, im persönlichen Gespräch könnte man viel erreichen. 10 bis 20 Prozent der Hundehalter sind aggressiv. Gemeinden könnten Hundesatzungen erlassen und einen Flurschütz einstellen, der Felder und Wiesen kontrolliert. Die Gemeinde Glashütten im Taunus hat das gemacht. Hier im Kreis gibt es das bisher nicht. Da sind wir wieder beim Thema: Beim Naturschutz fehlt der politische Wille.

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