Die Hausärzte wollen Teil der Impfkampagne sein, doch vielerorts ist die Belastung groß. (Symbolfoto)
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Die Hausärzte wollen Teil der Impfkampagne sein, doch vielerorts ist die Belastung groß. (Symbolfoto)

Corona-Impfungen

Impfstoff-Mangel, Drängler und fragwürdige Beschlüsse: So sehen Hausärzte aus dem Kreis Gießen die Situation

  • Lena Karber
    vonLena Karber
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Vor dem Sommerurlaub möchten alle geimpft sein, doch es mangelt weiterhin an Impfstoff. Zudem sorgen politische Beschlüsse für Chaos in den Hausarztpraxen. Nicht überall herrscht noch Verständnis.

Erst- und Zweitimpfungen innerhalb von vier Wochen und nach weiteren zwei Wochen der Versand des QR-Codes für den digitalen Impfpass - das ist das Angebot, mit dem die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) ab kommender Woche die Impfungen mit AstraZeneca als »Urlaub-Möglichmacher-Impfstoff« ankurbeln will. »Möglicherweise schlagen Sie angesichts dieser Idee die Hände über dem Kopf zusammen«, heißt es in einem Schreiben an die Hausärzte, die zur Teilnahme an der Aktion animiert werden sollen - und in der Praxis von Oliver Hanemann in Pohlheim zeichnet sich genau dieses Bild. »Dass Ärzte, die es eigentlich besser wissen müssen, sich zu so einer Kampagne hinreißen lassen!«, sagt er und schüttelt fassungslos den Kopf. »Da falle ich echt vom Glauben ab.«

Kreis Gießen: Urlaubs-Impfkampagne mit AstraZeneca-Impfungen innerhalb von 4 Wochen umstritten

Vorausgegangen ist der Impfaktion der KVH die Ankündigung von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung bei AstraZeneca von 12 auf vier Wochen herabgesetzt werden darf - eine unter Experten umstrittene Maßnahme, da es Studien gibt, die besagen, dass sich die Verkürzung deutlich auf den Impfschutz auswirkt.

»Medizinisch ist das wirklich nur schwer nachvollziehbar«, meint auch der Busecker Hausarzt Hans-Jörg Kinzebach. Seine Grünberger Kollegin Petra Meermann bezeichnet die starke Verkürzung angesichts der Studien als »verwunderlich«. Die KVH hingegen schreibt von einem »Markt«, den es dafür gebe.

Medizinisch ist das wirklich nur schwer nachvollziehbar.

Hans-Jörg Kinzebach über die Verkürzung des Impf-Intervalls bei AstraZeneca-Impfungen

Nun ist es zwar so, dass die Hausärzte selbst entscheiden können, inwiefern sie den Abstand verkürzen, doch die Nachfrage ist geweckt - und zwar auch unter Erstgeimpften, die ihren zweiten Termin vorverlegen wollen, was für die Praxen organisatorisch problematisch ist. Zudem akzeptiert nicht jeder ein Nein. Das wissen die Hausärzte, die seit Wochen lange Wartelisten pflegen und sich mit Impfdränglern herumschlagen, inzwischen nur zu gut. «Mir hat sogar mal jemand einen Schein hingelegt, damit ich seine Frau früher impfe«, erzählt Kinzebach. Das habe er natürlich abgelehnt. »Wir sind hier echt an unserem Limit und führen viele unsägliche Diskussionen.«

Kreis Gießen: Es mangelt weiterhin an Impfstoff – auch an AstraZeneca

Hanemann, der sich entschieden hat, den Abstand bei AstraZeneca maximal auf sechs Wochen zu verkürzen, ärgert sich daher über die aktuelle Privilegien-Debatte, die den Egoismus einiger Patienten nun noch weiter anfeuere. Die Bundesregierung, meint er, habe inzwischen »alle ethischen und sozialen Argumente über Bord geworfen« und nutze die in Aussicht gestellten Lockerungen für Geimpfte als »Zuckerbrot«, was sich nahtlos in die seiner Meinung nach unaufrichtige Kommunikation der vergangenen Monate einreihe. »Die Diskrepanz zwischen den Versprechen der Politik und dem, was wir als Prellbock an der Basis erleben, wird immer größer«, sagt er.

Noch immer mangelt es in den Praxen grundsätzlich an Impfstoff - wenn auch mancherorts mehr und andernorts weniger. Denn die Lieferverfahren sind komplex. So berechnet sich die maximale Bestellmenge einer Praxis beispielsweise nicht durch die Anzahl ihrer Patienten, sondern durch die Zahl der Ärzte mit einer Lebenslangen Arztnummer, wodurch Assistenzärzte von der Bestellung ausgeschlossen sind.

Die Diskrepanz zwischen den Versprechen der Politik und dem, was wir als Prellbock an der Basis erleben, wird immer größer.

Oliver Hanemann über die jüngsten Beschlüsse

Zudem kommt es darauf an, wie gut die Apotheke, mit der die Praxis zusammenarbeitet, vom Großhandel beliefert wird - und natürlich darauf, wie viel Impfstoff gerade insgesamt zur Verfügung steht. Für die Praxen bedeutet das vor allem eines: Planungsunsicherheit.

AstraZeneca nur noch bei Hausärzten: Praxen in Gießen haben hohen Aufwand

Dass Erstimpfungen mit AstraZeneca nur noch bei den Hausärzten vorgenommen werden sollen, dürfte den Aufwand zusätzlich erhöhen. Denn der Impfstoff wird noch immer häufig abgelehnt - wofür Meermann die mediale Berichterstattung verantwortlich macht. Sieben bis acht Telefonate seien zum Teil nötig, bis ein AstraZeneca-Termin fix sei, erzählt Kinzebach. Und Hanemann berichtet von bis zu 45-minütigen Impfberatungen. »Ein Herr Spahn denkt zu keinem Zeitpunkt daran, was seine Aktionen an der Basis bewirken«, kritisiert er.

20 Euro pro Impfung und 10 Euro pro Beratung, da sind sich die drei einig, könnten sich angesichts des Aufwands nicht rechnen. Doch wieso wollen Hausärzte trotz dieser Konstellation denn dann überhaupt impfen? »Wir sind eben in einer besonderen Situation und ich finde, da muss jeder mitmachen«, sagt Meermann. Außerdem, das betonen alle, möchte niemand, dass die eigenen Patienten außen vor sind. »Bei der individuellen Risikobewertung sind wir klar im Vorteil, deswegen ist es so wichtig, dass Hausärzte impfen«, sagt Hanemann.

Kreis Gießen: Das sagen die Hausärzte zu den Impfzentren

Doch macht das die Impfzentren nun überflüssig? Hier scheiden sich die Geister. Während Hanemann sie als kostenintensive »Show« der Politik bezeichnet, ist Kinzebach zwiegespalten. Er findet auch, dass die Hausärzte früher in die Impfkampagne hätten miteinbezogen werden müssen und meint, dass die zwölf Impfdosen, die ihm in dieser Woche zur Verfügung standen, deutlich zu wenig waren.

»Aber ob wir jede Woche zusätzlich zum normalen Praxisalltag 60 oder 70 Impfungen machen könnten, wie wir es auch schon hatten, weiß ich nicht«, sagt Kinzebach.

Meermann findet die Diskussion indes müßig. »Der Tag hat auch für uns Hausärzte nur 24 Stunden und die Impfzentren haben andere Möglichkeiten«, sagt sie. »Ich verstehe nicht, wieso da so ein konkurrierendes Denken ist, statt dass man sich in dieser schwierigen Situation ergänzt.«

Der Tag hat auch für uns Hausärzte nur 24 Stunden und die Impfzentren haben andere Möglichkeiten.

Petra Meermann zur Diskussion über die Impfzentren

Der digitale Impfpass

Für die Entwicklung eines digitalen Impfpasses hat das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) einen Auftrag mit einem mutmaßlichen Gesamtvolumen von 2,7 Millionen Euro vergeben. Der Pohlheimer Hausarzt Oliver Hanemann kann das nicht nachvollziehen. Er sagt: »Einen solchen digitalen Impfpass gibt es schon längst, das wissen jedoch die wenigsten.«

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