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Timo Heise

Äpfel und Birnen beim Kita-Bau

  • VonStefan Schaal
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Zum geplanten Bau einer Groß-Kita in Watzenborn-Steinberg hat Architekt Timo Heise vor dem Pohl-heimer Stadtparlament nun Zahlen und Fakten vorgelegt. Seine Äußerungen leiteten eine sachliche und unaufgeregte Debatte ein.

Die ersten Schritte für den Bau eines neuen Kindergartens in Steinberg an der Magdeburger Straße sind eingeleitet: Das Pohlheimer Stadtparlament hat den Magistrat am Donnerstag mit den Stimmen von SPD, Grünen und FDP beauftragt, die Kita »so zügig wie möglich zu planen und auszuschreiben«. Bürgermeister Andreas Ruck (parteilos) berichtete, dass ein Kaufvertrag über ein erforderliches Grundstück in den kommenden Tagen unterzeichnet werden dürfte.

Wie es mit dem derzeit pausierten Vorhaben eines Kita-Neubaus an der Kirchstraße weitergeht, ist indes noch nicht entschieden. Allerdings gibt es nun deutlich weniger Fragezeichen, nachdem Architekt Timo Heise in der Sondersitzung des Parlaments über die Planung und die möglichen Kosten berichtete.

Heise hob hervor, dass zwischen den reinen Bauwerkskosten und den Gesamtbaukosten zu unterscheiden sei. Hier liege der Grund für so manche Missverständnisse. Man dürfe aber nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Die Bauwerkskosten seien anfangs bei der Auslobung des Architektenwettbewerbs mit 6,7 Millionen Euro veranschlagt gewesen. Durch Preissteigerungen auch infolge der Corona-Pandemie liege die Kostenberechnung seines Büros dafür nun bei 7,5 Millionen Euro. Die Gesamtbaukosten, zu denen unter anderem auch das Außengelände und Mobiliar gehören, betragen seinem Büro zufolge 10,5 Millionen Euro. Damit liege man im Rahmen, erklärte der Architekt und wies auf einen voraussichtlichen sogenannten indizierten Anstieg der Baukosten um 250 000 Euro bis Ende 2021 infolge von Preisentwicklungen hin.

Heises Äußerungen leiteten eine sachliche, unaufgeregte Debatte ein, in der Fehler der vergangenen Jahre in der Kommunikation rund um den geplanten Kita-Neubau auf allen Seiten zum Vorschein kamen - und sie verdeutlichten, wie überflüssig eine Sondersitzung aller Ausschüsse zu dem Thema Anfang Juni ohne die Erläuterungen des Architekten gewesen war. Heise hatte dem Bürgermeister da bereits seine Teilnahme angeboten, darauf war zunächst aber nicht eingegangen worden.

Würde die achtgruppige Kita wie geplant gebaut, könnte die Einrichtung im März 2023 fertiggestellt werden, sagte Heise. Angesprochen auf eine von Bürgermeister Ruck in den vergangenen Wochen genannte Kostenexplosion in Höhe von 19 Millionen Euro erwiderte der Architekt kurz und knapp: »Die 19 Millionen sind mir nicht bekannt.« Bei den Kostenberechnungen seines in Hamburg beheimateten Büros »Schaltraum« seien am Ende zwar Abweichungen um fünf Prozent möglich. »Unsere Einheitspreise sind aber nah am Markt«, betonte er. »Unsere Kostenberechnungen sind sehr zuverlässig.«

Heise merkte an, dass es dem Jugendamt Gießen zufolge einen Orientierungswert für die Kosten bei Neubauten von Kindertageseinrichtungen gebe, der bei einer Million Euro pro Kita-Gruppe liege. Berücksichtige man, dass der Standard der geplanten Einrichtung an der Kirchstraße beispielsweise durch einen großen Spielflur höher angesetzt sei und wenn man darauf verzichte, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, komme man für die geplante achtzügige Einrichtung auf Kosten von einer Million und 60 000 Euro pro Kita-Gruppe.

Auf die Frage, ob man die Kita nicht günstiger bauen könnte, antwortete der Architekt: »Natürlich könnten wir weniger dämmen oder auf die Lüftungsanlage verzichten. Aber das wäre nicht förderlich.« Heise macht außerdem darauf aufmerksam, dass bei Kindertagesstätten die Betriebs-, Nutzungs- und spätere Rückbaukosten sechsmal höher liegen als die Investitionskosten.

Heise trat einer Reihe von Fehlinformationen entgegen. Nein, erklärte er, die Brandmeldeanlage und die Installation einer Klimaanlage habe sein Büro in den Planungen nicht vergessen. Eine Lüftungsanlage sei vorgesehen, betonte der Architekt. Außerdem sei das Gebäude durchaus barrierefrei. Aus Brandschutzgründen wären allerdings in zwei der acht geplanten Kita-Gruppen keine Rollstuhlfahrer möglich.

Die Hanglage des Geländes an der Kirchstraße stelle kein allzu großes Problem dar, versicherte Heise. Allerdings sei der Bauuntergrund nicht stabil. Für Befestigungsmaßnahmen seien Kosten in Höhe von 180 000 Euro erforderlich.

Ein Stadtverordneter wollte wissen, ob ein Bau von zwei Kitas mit jeweils vier Gruppen im selben Zeitraum bis März 2023 und zu günstigeren Kosten im Vergleich zur geplanten achtzügigen Einrichtung denkbar wäre. »Ich wüsste nicht, unter welchen Bedingungen das gehen soll«, antwortete Heise. Zum einen sei ein langer Vorlauf erforderlich, die Planung für die Groß-Kita habe nun sieben Monate beansprucht. Im Vergleich sei eine Groß-Kita zudem eher günstiger, weil man beispielsweise technische Anlagen nur einmal installieren muss. Auch beim Betrieb und beim Personal spare man Kosten.

Die Ausführungen Heises »bringen Licht ins Zwielicht«, sagte Prof. Helge Stadelmann von der CDU-Fraktion. Die Finanzverwaltung der Stadt habe 9,2 Millionen Euro in den Haushalten der Jahre 2019, 2020 und 2021 aufgeführt. Zähle man Fördergelder in Höhe von 1,7 Millionen Euro hinzu, komme man so etwa auf die veranschlagten Gesamtbaukosten. Stadelmann appellierte, an den Plänen festzuhalten. »Damit kriegen wir eine Qualitäts-Kita.«

Prof. Ernst-Ulrich Huster von der SPD-Fraktion machte deutlich, dass die Priorität nun dem Kita-Vorhaben an der Magdeburger Straße gehöre. Für eine Verkleinerung des Baus an der Kirchstraße auf vier oder fünf Gruppen habe man im Bürgermeister- und im Kommunalwahlkampf gestritten. Nun gelte es, dieses Vorhaben in der Regierungsverantwortung umzusetzen.

Reiner Leidich (CDU) erklärte, für die Kita-Planungen an der Magdeburger Straße sehe er sich noch nicht ausreichend informiert. Die Grünen, die im Sommer 2019 noch für die achtgruppige Kita an der Kirchstraße gestimmt hatten, rief er auf: »Haltet daran fest.«

Björn Feuerbach von den Freien Wählern plädierte für mindestens sechs Gruppen an der Kirchstraße. Antje Häuser (SPD) hob unterdessen hervor, dass Fakten und Zahlen nun vorliegen. Ob man eine Kita mit acht oder vier Gruppen bevorzuge, sei vor allem »eine Glaubensfrage«.

Der Bau einer Groß-Kita als Ersatz für die alte Einrichtung an der Kirchstraße könnte in den kommenden Tagen beginnen, die Planungen sind abgeschlossen. Das Vorhaben pausiert nun allerdings. Eine Entscheidung über das Projekt könnte am 15. Juli im Pohlheimer Stadtparlament fallen.

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