Renate Gath genießt den Anblick des frisch sanierten Fachwerks. 		FOTO: PAD
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Renate Gath genießt den Anblick des frisch sanierten Fachwerks. FOTO: PAD

Dem Abrissbagger von der Schippe gesprungen..

Ältestes Haus von Dornholzhausen wird 400 - Frischer Glanz zum Geburtstag

  • vonPatrick Dehnhardt
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»Abreißen!« Zum Glück haben Renate Gath und ihre Mitstreiterinnen auf diesen Vorschlag nicht gehört. Denn sonst würde das wohl älteste Haus Dornholzhausens jetzt nicht 400 Jahre alt werden.

Die leuchtend rote Fachwerkbalken fallen sofort auf, beim zweiten Blick dann auch die vielen kleinen Details, etwa die grün-gelben Herzchen auf den Streben, die grünen und gelben Kontrastlinien auf dem Rahmholz oder der mit Schiefer kunstvoll eingedeckte Giebel. Über den Innenhof spannt sich eine über zwei Rollen laufende Wäscheleine. So konnte früher die Wäsche hoch oben in der Luft trocknen, während unten drunter Wagen durchfuhren. Diese kleinen Details beweisen: Hier wohnt eine echte Fachwerkenthusiastin.

Seit nun fast 40 Jahren wohnt Renate Gath in Dornholzhausen und in dem schmucken Fachwerkhaus. Gut - heute ist es ein Hingucker. Das war im Jahr 1981 ganz anders. Die Frauen-Wohngemeinschaft, zu der Gath gehörte, hatte damals lange nach einem Haus gesucht und dann die heruntergewirtschaftete Hofreite in Dornholzhausen entdeckt.

Aus dem Dorf bekamen die Frauen damals mehrfach den Tipp, das Haus abzureißen, die Balken als Brennholz zu verwerten und einen Neubau zu errichten. »Ich wollte aber nie in einem Neubau wohnen«, sagt Gath. Ein Glücksfall für die Dorfgeschichte.

Alte Dachziegel wiederverwertet

Zunächst ging es aber erst einmal darum, das Haus in einen bewohnbaren Zustand zu bringen. Der Kamin war versottet und rissig, das Dach hinüber, der Anbau war ein Rohbau ohne Strom. Erst nach einem halben Jahr Sanierung war an einen Einzug zu denken.

»Es war die erste von drei großen Sanierungen«, blickt Gath zurück. Auf das Dach sollten wieder Biberschwanzziegel - diese neu zu kaufen wäre sehr teuer gewesen. Doch die Frauen hatten Glück: Aus dem ganzen Dorf wurden Restbestände und gebrauchte Ziegel mit Schubkarren herangekarrt. »Die alten Ton-Biberschwanzziegel halten über 100 Jahre«, sagt Gath. Die Dachdecker prüften jeden Ziegel, bevor sie ihn auf dem Dach montierten. Tatsächlich ist es noch immer dicht.

Um die Jahrtausendwende stand die nächste große Sanierung an. Die Giebelseite wurde von Eternitschindeln befreit. Zudem mussten mehrere verfaulte Balken ausgewechselt werden. »Der erste Stock musste dafür von Lehmgefachen befreit und wieder mit Lehmziegeln ausgemauert werden«, erinnert sich die Dornholzhäuserin. Schließlich wurde der Giebel mit Schiefer eingedeckt. So wie auf dem Dorf üblich, half der Nachbar mit einem Gerüst aus.

Heute sind die Dornholzhäuser sehr glücklich darüber, dass die Frauen den Rat, das Haus abzureißen, 1981 in den Wind schlugen. Denn mittlerweile ist klar, dass das Fachwerkhaus ein echtes Stück Dorfgeschichte ist.

Ein dendrochronologisches Gutachten hat zu Tage gebracht, dass die Holzbalken von Bäumen stammen, die vor 400 Jahren geschlagen wurden. Dies deckt sich mit den Erinnerungen des Heimatforschers Oswald Schieferstein, der in seiner Jugend am Torhaus der Hofreite die Jahreszahl 1620 abgelesen hatte. Das Torhaus selbst wurde in den 1960er Jahren großteils abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, sodass diese Markierung verloren ist. Da nur zwei Häuser den großen Dorfbrand überstanden, jedoch unklar ist, welches das zweite Gebäude ist und ob es nocht steht, ist das Fachwerkhaus wohl das älteste Haus Dornholzhausens.

Auch in der jüngeren Dorfgeschichte war es ein wichtiger Ort: In der Remise wurden Opern aufgeführt, etwa Auszüge aus der »Zauberflöte«. Die Besucher saßen dabei in dem kleinen Innenhof. Auch 2015 zur 1200-Jahrfeier Dornholzhausens gab es hier ein kleines Konzert mit mittelalterlichen Klängen und Opernmusik.

Damals war jedoch die Fassade zum Hof noch verputzt. Letztes Jahr wollte Gath eigentlich auch nur den losen Putz entfernen und ausbessern lassen. Jedoch war der praktisch an der ganzen Wand locker. Als darunter das schöne Fachwerk zum Vorschein kam, fiel bei ihr schnell der Entschluss, dass es sichtbar bleiben soll. Die VEB Projektbau aus Linden, die schon das Oberkleener Rathaus saniert hat, übernahm die Arbeiten. »Sie haben die Gefache so angelegt, dass sich darauf kein Wasser stauen kann«, berichtet Gath. So glänzt das Fachwerkhaus zu seinem 400. Geburtstag. Die Kosten beliefen sich im unteren fünfstelligen Bereich.

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