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Die ehemalige Schlosserei mitten in Langsdorf könnte Standort für ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt werden.

Älter werden, autonom bleiben

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Von dieser Idee schwärmte Julien Neubert schon im Bürgermeisterwahlkampf. Nun will er sie verwirklichen. In einer ehemaligen Schlosserei mitten in Langsdorf soll ein Mehrgenerationen- Wohnprojekt entstehen.

An der Mauer hängt ein Schild mit dem alten Hausnamen: »Jean’s«. Die Scheune hinten im Hof wirkt baufällig. Umso prächtiger ist der kunstvolle Metallzaun, der das Anwesen mit der Hausnummer 7 von der Bessinger Straße trennt. Früher residierte hier eine Schlosserei. Doch das ist lange her. Aktuell wird das Anwesen mitten in Langsdorf und in nächster Nähe zum Bahnhof nur noch sporadisch zu Wohnzwecken genutzt. Bürgermeister Dr. Julien Neubert möchte das ändern und an diesem Standort eine Idee realisieren, die ihm schon vorschwebte, als er noch gar nicht Bürgermeister war: ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt. »Das möchte ich auf jeden Fall angehen«, hat er versprochen, als er 2019 im Bürgermeisterwahlkampf den Ex-Vizekanzler Franz Müntefering als prominenten Gast zum Thementag »Älter werden« nach Lich eingeladen hatte.

Seit eineinhalb Jahren ist Neubert Bürgermeister; nun möchte er seinen Plan in die Tat umsetzen. In der alten Schlosserei in seinem Heimatort Langsdorf meint er, den idealen Platz gefunden zu haben. Das 2600 Quadratmeter große, zentral gelegene Grundstück steht aktuell zum Verkauf. »So eine Chance ergibt sich so schnell nicht wieder«, sagt der 34-Jährige.

In einem ersten Schritt soll die Stadt Lich die Immobilie für 390 000 Euro erwerben. Der Bürgermeister hat in den vergangenen Wochen im Magistrat, bei den Fraktionsvorsitzenden und im Ortsbeirat die Werbetrommel gerührt und am Montagabend sein Herzensprojekt auch im Ausschuss für Wirtschaft, Soziales, Digitalisierung, Tourismus, Sport und Kultur präsentiert. Erster Etappenerfolg: Dessen Mitglieder haben den Ankauf einstimmig befürwortet.

Ein konkretes Konzept, wie wieder Leben in die alte Schlosserei gebracht werden könnte, sollen eine Projektgruppe und die städtischen Gremien zu einem späteren Zeitpunkt erarbeiten. Der Bürgermeister hat aber schon einiges an Vorarbeit geleistet. Die Ideenskizze, die er dem Fachausschuss vorgestellt hat, schlägt 15 bezahlbare und barrierefreie Wohnungen für Jung und Alt vor. In direkter Nachbarschaft könnten eine Tagespflege sowie Räume für die Sprechstunden der Gemeindeschwestern und eines Hausarztes entstehen. Ein kleiner Dorfladen wäre denkbar, eine Seniorenwerkstatt oder, dank der Nähe zum Bahnhof, auch ein Co-Working-Space im ländlichen Raum. »Da zieht man hin, wenn man in einer Gemeinschaft leben möchte«, beschreibt Neubert die Zielgruppe. Erste Gespräche mit der Altenhilfeplanung des Landkreises, dem Oberhessischen Diakoniezentrum als möglichem Betreiber der Tagespflege, einem Licher Hausarzt und dem Verein Region Gießener Land e. V. wurden bereits geführt.

Den Grundgedanken seiner Ideenskizze hat der Bürgermeister folgendermaßen formuliert: »Der Wunsch, im gewohnten Umfeld alt zu werden, endet für viele Menschen dann, wenn sie pflegebedürftig werden und das Wohnen zu Hause selbst bei Rückgriff auf einen ambulanten Pflegedienst nicht mehr möglich ist.« Als einzige Option bleibe nur der Umzug in eine stationäre Einrichtung. Vernetzte Wohnprojekte wie die Alte Schlosserei, ergänzt durch externe Unterstützungsangebote, könnten nach Ansicht Neuberts eine echte Alternative zum Seniorenheim sein, eine Chance, so lange wie möglich autonom zu bleiben.

Die Gesamtkosten sind in der Skizze des Bürgermeisters mit 7,65 Millionen Euro angegeben. Aus verschiedenen Förderprogrammen des Landes, des Kreises und der EU könnten bis zu 4,8 Millionen Euro fließen, und dazu noch ein zinsloses Darlehen über 1,8 Millionen Euro. Zudem ließen sich Einnahmen aus der Vermietung generieren.

Zunächst einmal aber wären 390 000 Euro für den Kauf der Immobilie mit dem 2600 Quadratmeter großen Grundstück zu stemmen. Die Stadtverordnetenversammlung müsste dafür eine außerplanmäßige Ausgabe genehmigen. Geld ist nach Darstellung Neuberts vorhanden: Der Verkauf des Kinderheim-Geländes in der Höhlerstraße an die Ev. Stiftung Arnsburg hat der Stadt einen Überschuss von einer Million Euro eingebracht.

Sollte das Licher Stadtparlament das Geld genehmigen, will Neubert schon 2022 in die Planungsphase gehen. Das konkrete Konzept sollte von einer Projektgruppe erstellt werden, in der neben dem Ortsbeirat auch die Beteiligten vertreten sein sollten. Mit der Umsetzung sei frühestens 2023 zu rechnen. Neubert will auf keinen Fall etwas übers Knie brechen. »Aber ich fände es schön, wenn es klappen würde.«

Und falls aus dem Projekt doch nichts werden sollte? Dann, so Neubert, sei das Geld für den Kauf der Immobilie nicht verloren. Die Fläche eigne sich auch für eine Wohnbebauung. Oder man könne sie zu einem angemessenen Preis wieder veräußern.

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