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Gesundheit

Adipositas-Operation als letzter Ausweg - Massive Umstellung nach Magenverkleinerung

  • vonLena Karber
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Burkhard Klose und Nicole Schneider waren Anfang Mai die ersten Patienten der neu eingerichteten Sektion für Adipositaschirurgie in Lich. Nach dem Eingriff müssen sie sich massiv umstellen.

Beim gemeinsamen Pfingst-Ausflug mit ihrer Tochter hat Nicole Schneider im Restaurant einen "Räuberteller" bestellt, also einen leeren Teller mit Besteck für Kinder, die ein bisschen was bei ihren Eltern mitessen sollen. In diesem Fall war jedoch nicht die Tochter der "Räuber", sondern die Mutter. "Man muss realisieren, dass man nicht mehr wie vorher essen kann", sagt die 38-Jährige und lacht. "Man wurde eben nicht am Kopf operiert."

Anfang Mai hat sich Schneider in der Asklepios-Klinik in Lich den Magen verkleinern lassen. Bei einer sogenannten Magenbypassoperation, die bei schwerer Adipositas in Betracht kommt, wurde dabei der Magen durchtrennt, um dessen oberes Ende direkt an den Dünndarm anzuschließen. So soll die Nahrungsaufnahme verringert und deren Verwertung beeinflusst werden. In Folge des Eingriffs ist daher eine massive Umstellung des Essverhaltens erforderlich: Nicht nur, dass der Speiseplan in den ersten Wochen hauptsächlich aus Joghurt und Suppe besteht, auch langfristig sind die Portionen deutlich kleiner. "Es ist schon eine krasse Umstellung", sagt Schneider.

Diese Erfahrung kann auch Burkhard Klose bestätigen, der am selben Morgen einen Magenbypass erhalten hat. Die beiden waren die ersten Patienten, die an der im April neu eingerichteten Sektion für Adipositaschirurgie operiert wurden. "Nach drei Löffeln Suppe bin ich satt", sagt der 53-Jährige und zeigt auf eine kleine Dose mit einem Püree aus Kartoffeln, Spinat und Lachs, die er sich zum Mittagessen warm machen will. Diese winzige Portion soll satt machen? Klose schüttelt den Kopf und lacht. "Ich esse davon zweimal."

Gerade aus diesem Grund habe seine Frau dem Eingriff skeptisch gegenüber gestanden, erzählt der gelernte Maschinenschlosser. "Sie hat gesagt, dass man ja auch ein unheimliches Stück Lebensqualität in Form von gutem Essen verliert." Doch es mache ihm nichts aus, selbst Grillen für die Familie sei kein Problem. "Ich setze mich dann dazu und esse mein Essen."

Was den Verzicht für Klose erleichtert, ist das Gefühl, dass er vielmehr an Lebensqualität dazugewonnen hat als er aufgeben musste. "Ich bin jetzt leistungsfähiger, kann mich besser bewegen und habe mehr Motivation, etwas zu tun", sagt der Produktionsleiter einer Firma für Wärmedämmung in Biedenkopf. Vorher habe er Probleme beim Rasenmähen und beim Holzhacken gehabt, auch die Gelenke hätten weh getan. "Beim Fahrradfahren war der Bauch im Weg", sagt er.

Dabei sei Bewegung in der Familie durchaus wichtig - nicht nur radeln, auch Nordic Walking mit seiner Frau, Schwimmen, Ausflüge mit dem Hund und Einheiten auf dem wenig geliebten Crosstrainer gehören für Klose dazu. Trotzdem brachte er bei einer Körpergröße von 1,88 Meter zuletzt 145 Kilogramm auf die Waage. Frust nach etlichen erfolglosen Diäten und gesundheitliche Probleme - erhöhte Zuckerwerte, Atemaussetzer und eine eingeschränkte Herzfunktion - ließen in ihm schließlich den Entschluss zur Operation reifen: "Ich habe es als meine letzte Chance gesehen".

Bei Schneiders Entscheidung hingegen spielte ihre berufliche Situation eine wichtige Rolle: Sie macht gerade eine Umschulung zur Friseurin und will in ihrem neuen Job, bei dem sie viel stehen muss, fit sein. Außerdem ging es Schneider um ihre Tochter. "Es hat mich psychisch belastet, wenn ich alltägliche Dinge, wie mit ihr zu rutschen, nicht machen konnte", sagt sie und erzählt eine Geschichte, wie sie im Freizeitpark zu schwer für die Kinderachterbahn gewesen sei. "Das wagen Momente, die mir die Luft weggenommen haben."

Was bei beiden deutlich wird, ist vor allem eines: Egal wie hart die Umstellung ist, Klose und Schneider sind sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Innerhalb von vier Wochen haben sie deutlich an Gewicht verloren. Bei Schneider sind es knapp 12 Kilogramm (von 128,5 auf 117), vorgenommen hat sie sich 25 bis 30 Kilogramm, um wieder auf ihr "Wohlfühlgewicht" zu kommen, das wie vor der Schwangerschaft hatte. "Alles weitere ist Bonus", sagt Schneider.

Stolz vermeldet sie noch einen weiteren Erfolg: Seit dem Eingriff ist die 38-Jährige rauchfrei. Diesen Schritt hatte sie aus Angst vor einer weiteren Gewichtszunahme zuvor lange nicht gewagt, doch die Operation erschien ihr ein geeigneter Zeitpunkt für den Neuanfang. "Es war richtig, weil es mir gut geht", sagt Schneider, die nach ihrem Abschluss im nächsten Jahr auch gleich noch ihren Meister machen will. Ihrer Tochter hat sie bereits eine Fahrradtour versprochen. Schneider strahlt. "Ich bin voller Energie."

Den gleichen Effekt spürt auch Klose, bei dem sich die gesundheitliche Wirkung bereits in Zahlen manifestiert. Die Diabetes-Tabletten konnte er absetzen, auch seine Bludruckwerte und sein Puls haben sich verbessert. Nach vier Wochen hat er 22 Kilo abgenommen (von 145 auf 123), doch am Ziel ist er noch nicht: "Wenn ich unter 100 Kilo wiege, will ich einen Segelflug machen. Und bei unter 90 Kilo einen Tandemsprung."

Sektion für Adipositaschirurgie Lich

Burkhard Klose und Nicole Schneider waren die ersten Patienten, die an der neu eingerichteten Sektion für Adipositaschirurgie der Asklepios Klinik in Lich operiert wurden.

Durchgeführt wurde die Operation von Dr. Jens Albrecht, der die Sektion seit April leitet. Der 43-jährige hatte als Leiter des Adipositaszentrums an der Universitätsklinik in Gießen bereits circa 700 Patienten operiert.

Eine Operation gilt als letzte Option und kommt in der Regel nur in Frage, wenn der Bodymaßindex (BMI) des Patienten über 40 liegt - oder bei einem BMI über 35 in Kombination mit Folgeerkrankungen. Oftmals ist eine konservative Therapie mit Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie im Vorfeld nötig. Wie Albrecht betont, sollte die Operation generell als "Baustein einer ganzheitlichen Therapie" verstanden werden.

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