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Inmitten der Genossen: Thorsten Schäfer-Gümbel beim Sommerfest in Wißmar.

Auf Abschiedstour in Wißmar

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"Wir bräuchten mehr TSG", seufzt eine Genossin. Doch der geht. In wenigen Tagen legt Thorsten Schäfer-Gümbel Fraktionsvorsitz und Mandat im Landtag nieder. Dann zieht er sich bald vom kommissarischen Bundesvorsitz seiner Partei zurück und tritt im Oktober seinen neuen Job im Vorstand der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit an. Momentan ist Schäfer-Gümbel auf Abschiedstour. Ein Ortstermin in Wißmar.

Bis Freitagfrüh noch Shanghai, ab Mittag und am Samstag dann Wahlkampf in Dresden. Noch ein Sommerinterview für den Hessischen Rundfunk und am Sonntag: Wißmar. Die Schlagzahl des kommissarischen SPD-Bundesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel ist unverändert hoch. Gut eine Stunde nimmt er sich Zeit beim gemeinsamen Sommerfest der Sozialdemokraten im Gleiberger Land im Holz- und Technikmuseum. Ehrensache für "TSG", verdienten Sozialdemokraten die Urkunden für langjährige Mitgliedschaft persönlich zu überreichen. Doch allen ist klar: Hier ist einer auf Abschiedstour.

"Die Urkunden werden einmal einen erhöhten Sammlerwert haben", scherzt der Biebertaler SPD-Vorsitzende Karl-Ernst Schaub. Denn die Zeit ist kurz, in der Schäfer-Gümbel die Partei gemeinsam mit Malu Dreyer und Manuela Schwesig führt. Der Ausstieg aus der Landespolitik beginnt in den kommenden Tagen mit dem Rückzug aus dem Landtag. Schäfer-Gümbel sagt unmissverständlich: "Mit dem Bundesparteitag der SPD im Dezember ist eine 16-jährige hauptamtliche Tätigkeit in der Politik erst einmal beendet". Unmissverständlich? Ja. Aber eine kleine Option hält er sich mit der Formulierung "erst einmal" offen. Und spricht von einer "persönlichen Entscheidung", die er nach zehn Jahren als Spitzenmann der hessischen SPD getroffen hat. Auch wenn es schon "eine Portion Wehmut auslöst".

Die Wurzeln bei den Gießener Jusos, politische Arbeit in der Stadt und ehrenamtliches Engagement im Gießener Kreistag, Engagement im Landesverband und dann, als die Partei nach einer gescheiterten Regierungsbildung mit Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti vor einer Zerreißprobe stand und Neuwahlen terminiert wurden, da übernahm er 2009 die Führung. Um immer wieder im Duell mit Volker Bouffier und dessen Politik den Kürzeren zu ziehen. 33 Jahre ist TSG nun in der Partei, eigentlich sein ganzes Leben.

"Für viele Mitglieder ist es eine Belastung, ja eine Zumutung, was in den vergangenen Monaten in der Partei passiert", sagt der scheidende Vorsitzende. "Gerade die Genossen vor Ort, an der Basis baden die Misere aus: Beim Gespräch mit den Nachbarn, Freunden, Arbeitskollegen."

Beim Sommerfest der Parteifreunde im Gleiberger Land nimmt Schäfer-Gümbel kein Blatt vor den Mund und spricht von einem Problem in Führungskreisen der Partei, wenn dort schlecht über andere geredet werde. "Es stellt sich doch die Frage: Wie gehen wir miteinander in der Partei um?", sagt Schäfer-Gümbel. Man müsse den Streit um die richtige Sache wieder lernen, fordert er. "Und zwar respektvoll", schiebt er nach.

Der Rücktritt von Andrea Nahles vor bald einem Jahr habe viele wachgerüttelt. TSG sieht seine Aufgabe jetzt, in den verbleibenden Tagen, gemeinsam mit Manuela Schwesig und Malu Dreyer "die kommenden Prozesse ordentlich zu machen". Eben in dem Wissen darum, in welch schwieriger Situation die Partei ist. Deshalb ist verabredet, die Vorsitzenden-Wahl so breit wie möglich zu gestalten, mit möglichst großer Beteiligung der rund 440 000 Mitglieder: "Damit niemand den Eindruck hat, dass hier was gefummelt wird".

Mit Blick auf schlechte Wahlergebnisse der großen Volksparteien, insbesondere der SPD, befürchtet Schäfer-Gümbel: "Die Menschen haben das Zutrauen verloren, dass demokratische Politik noch etwas bewegen kann." Da will er gegenhalten. Er fordert seine Partei auf, sich klarzumachen, wo man hinwolle. Das gehört für ihn zur Verantwortung; das fordert er von den Mitgliedern ein. Denn ein Vorstand allein könne das nicht leisten.

Die Sozialdemokraten aus Biebertal, Heuchelheim und Wettenberg vernehmen die Botschaft wohl, und in den rhythmischen Applaus zum Abschied hinein sagt eine ältere Genossin: "Wir bräuchten mehr TSG".

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