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Die Abbrucharbeiten im Sitzungssaal der Gemeindevertretung am Heuchelheimer Linnpfad haben begonnen.

Abschied vom alten Saal

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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In wenigen Wochen rollt der Bagger. Dann wird der Sitzungssaal neben der Gemeindeverwaltung am Heuchelheimer Linnpfad abgerissen. An seine Stelle tritt ein Neubau mit Büroräumen. Erinnerungen an einen Ort, in dem die Geschicke der Gemeinde über fünf Jahrzehnte bestimmt wurden.

Es muss 1990 gewesen sein, als ich den Sitzungssaal der Gemeindevertretung Heuchelheim das erste Mal betreten habe. Damals noch als junger Freier Mitarbeiter der Gießener Allgemeinen. Ein Raum von strenger Schlichtheit. Ohne Fenster. Die Wände mit dunklem Holz vertäfelt. Dahinter verborgen Einbauschränke, die Akten und mehr beherbergten. Die Außenwelt drang nur durch ein Oberlicht ein. An extrem heißen Sommertagen vielleicht noch durch die geöffnete Nebentür zum Parkplatz. Der Boden bedeckt mit schlichtem Nadelfilz-Teppichboden. Tische, Stühle, sonst nichts. Da hing noch nicht einmal ein Bild an der Wand. Beschallungstechnik? Beamer? Lange Zeit Fehlanzeige. Erst in den letzten Jahren wurde moderat nachgerüstet. Der Saal versprühte den Charme der frühen 70er, sollte gleichermaßen funktional wie repräsentativ sein.

Der Raum hält zu konzentriertem Arbeiten an, dachte ich mir seinerzeit bei der ersten Begegnung. Und es ging nicht nur mir so: Wenig später hörte ich just dies aus dem Mund eines altgedienten Kommunalpolitikers.

An der Kargheit änderte auch eine moderate Renovierung und neue Bestuhlung in den 2000er Jahren nichts grundlegend. Konzentriertes Arbeiten. Just das war es für mich dort in knapp drei Jahrzehnten an ungezählten Abenden als journalistischer Begleiter der Fachausschüsse und der Gemeindevertretung. In Heuchelheim traditionell dienstags.

Erbaut wurde der Saal wie auch die Gemeindeverwaltung 1972 von Architekt Günter Oth, Auftraggeber war damals die von Bürgermeister Otto Bepler geleitete Gemeinde Heuchelheim. Nach der Episode der Stadt Lahn saß im Rathaus der Freie Wähler Adolf Menges, von 1985 an der Sozialdemokrat Willi Marx. Danach die Bürgermeister Helmut Fricke (SPD, ab 1997) und Lars Burkhard Steinz (CDU, ab 2009). Sie alle berieten und diskutierten mit den Gemeindevertretern in jenem Saal.

Ein Raum für konzentrierte Arbeit

In der Gemeindevertretung führten engagierte und souveräne Vorsitzende wie unter anderem Erwin Rinn und Peter Rummer Regie. Später schwangen dort Peter Prüfer, Walter Bepler, Peter Neidel und zuletzt Claudia Coburger-Becker die Glocke, um die Sitzungen einzuläuten.

Es waren gelegentlich lange Abende. Mit der Beratung von millionenschweren Haushalten ebenso wie Streitereien um ein paar tausend Mark für ein Vordach vor dem Eingang zum Heimatmuseum oder um die Frage, ob es eine Frauenbeauftragte braucht. Und Entscheidungen von ganz anderer Tragweite: etwa zur Partnerschaft mit Dobrzen-Wielki in Polen, zum Neubau von Kindergärten, zu Baugebieten in Kinzenbach Süd und der Bölz, zum Anschluss an die Kläranlage Gießen und vieles mehr.

Rot-Grün wirkte dort Mitte der 1980er in der Gemeindevertretung. Später arbeiteten dort SPD und Freie Wähler zusammen. Der Saal erlebte eine Große Koalition und zuletzt ein bürgerliches Bündnis unter Führung der CDU.

Die Gemeindevertreter, die derzeit in der Turnhalle tagen oder in kleinerer Ausschussrunde im Kinzenbacher Mehrzweckgebäude, werden einen neuen Sitzungsraum erhalten. Auf dem früheren Festplatz, auf der anderen Straßenseite. Im dort entstehenden Seniorenzentrum wird der Gemeindevertretung in einem Saal ein Belegungsrecht für ihre Sitzungen eingeräumt.

In wenigen Wochen wird der Abrissbagger rollen, wird der schnörkellose Betonwürfel am Linnpfad weichen. Dort entsteht ein Erweiterungsbau für die Verwaltung, die derzeit saniert wird. Die Mitarbeiter sitzen während der Arbeiten im Gewerbegebiet im Süden des Dorfes im ehemaligen »dormiente«-Gebäude.

Andere Säle verströmen mehr Charme, aber der Kubus war funktional. Und von Bedeutung für die Gemeinde und deren Entwicklung über fünf Jahrzehnte. Er bildete mit dem Rathaus ein ästhetisches Ensemble. Er passte in die Zeit, in der er entstanden war. Und ja: Ich werde ihn ein wenig vermissen.

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