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Gesellschaftlicher Höhepunkt in Grünberg ist der Gallusmarkt, bei dem inzwischen auch Laubacher gerne gesehen sind, wie hier Bürgermeister Peter Klug.

Abschied mit gemischten Gefühlen

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Zwölf Jahre lang hatte er seinen Urlaub nach den Terminen der Stadt gerichtet. »Jetzt ist es erstmals anders«, sagt ein sichtlich entspannter Peter Klug. Was erklärt, warum sein letzter Arbeitstag als Laubacher Bürgermeister auf den 23. April fiel - sechs Wochen vor Ablauf der Amtszeit. Im Gespräch mit dieser Zeitung blickt er auf seine Zeit als Rathauschef zurück, auf Höhen und Tiefen.

Und macht kein Geheimnis daraus, was ihn 2018 bewegt hatte zu sagen: »Zeit für was Neues«.

Offiziell ist Peter Klug noch bis zum 31. Mai Laubachs Bürgermeister, tags darauf wird dann Matthias Meyer erstmals im Chefsessel des Rathauses Platz nehmen. Jetzt aber sitzt da noch Klug, um im GAZ-Gespräch Bilanz zu ziehen - natürlich mit Abstand und dem guten Gefühl, das zwei Schnelltests und ein Luftreiniger verschaffen.

Zwei Tage später, am letzten Freitag, hat der 41-Jährige das Kapitel »Kommunalpolitik in Laubach« endgültig zugeschlagen, um doch als Gemeindevertreter in seiner alten Heimat Flieden wieder ein neues zu beginnen. Dafür hatte er sich im November ummelden müssen. Was ihm despektierliche Fragen, sogar zu Steuerverlusten für Laubach, bescherte. Die ihn aber nur »peripher tangierten«, sei er doch Schlimmeres gewöhnt. »Man lernt damit umzugehen« - sagt’s und macht die passende Handbewegung dazu.

Zu erinnern ist zunächst an den Abend des 22. Dezember 2008, als sich nicht nur Klug, gerade 29 geworden, an den Kopf fasste: Kurz vor sieben poppte damals auf der Leinwand im Rathaus das Ergebnis der Bürgermeisterwahl auf, hatte der »Jungspund« den seit 1990 amtierenden Claus Spandau (CDU) besiegt. Eine Erklärung diktierte ein altgedienter Kommunalpolitiker unserem Reporter in den Block: »Klug ist einfach viel volksnäher.«

Den Newcomer, als Verwaltungsfachwirt bei der Stadt Frankfurt beschäftigt, hatte ein Bündnis aus Freien Wählern, Grünen und der Bürgerliste BfL aufgeboten, wollte so für frischen Wind in der Verwaltung sorgen. Klug ging als Unabhängiger ins Rennen und sorgte für die erste faustdicke Überraschung.

Was ihm freilich wenig helfen sollte, wenn es darum ging, mit der CDU/SPD-Mehrheit klarzukommen. Da habe es öfters »gehakt«, gerade im Magistrat, der hinter verschlossenen Türen tagt. Klug: »Schon schwierig, wenn man bei Null anfängt.«

Der Ärger schwingt noch immer mit, wenn er auf diese Zeit zu sprechen kommt. Anträge von ihm, obschon gut und richtig, seien abgelehnt worden, nur weil er sie eingebracht habe. Sein »sicheres Gefühl«: Schwarz-Rot gönnte dem Mann, der ihren Bürgermeister aus dem Amt gedrängt hatte, keinen Erfolg.

Noch heute ist er all jenen dankbar, die ihn in diesen Lehrjahren unterstützten. Und nicht nur in der Sache, bekam er doch auch Tipps wie: »Für diesen feierlichen Anlass warst du zu leger angezogen.« In Erinnerung hat er auch die Kritik an seinem Spruch bei einer Zeugnisverleihung am Kolleg. Was er denn gesagt hatte? Klug: »Wie man sieht: Es braucht kein gutes Abi, um Bürgermeister zu werden ...«

Knapp zwei Jahre dauerte die von manch Widerständen geprägte, doch spannende Zeit. Im März 2011 war sie vorüber, errang sein »Bürgerbündnis« bei der Gemeindewahl die Mehrheit. Klug: »Von nun an machte es richtig Spaß.«

Zumal sich jetzt das einstellte, wofür (auch) er dieses Amt angestrebt hatte: gestalten wollen, Impulse für die Fortentwicklung der Stadt setzen. Als Beispiel nennt er das Baugebiet »Am Weinberg«, das - nachdem es zum teuren Ladenhüter zu werden drohte - mit einer »Rabattoffensive« komplett verkauft wurde.

Oder die Rückkehr von der »freiwilligen Mehrarbeit« zum Tarif in der Stadtverwaltung. »Da hieß es schon mal, wieso verschenkst du Geld?« So richtig Gegenwind bekam er, als auch er feststellen musste, dass der Hessentag eine Nummer zu groß für Laubach wäre. Die Kommune hatte die Ausrichtung beantragt; vor allem hatte er ihn selbst in seinem Wahlprogramm gehabt.

2013 sollte dann eine der wichtigsten Entscheidungen anstehen, der Gang untern »Rettungsschirm«. Dank der 7,5 Millionen aus Wiesbaden kam die Stadt von den extrem hohen Schulden runter.

Neben den auferlegten Einsparungen beim Personal, neben Kürzungen quer durch den Haushalt musste man die Bürger mit Rekordsteuersätzen belasten - und mehr, denkt man an die umstrittene Übergabe der Gemeinschaftshäuser an Vereine. Doch wurde die Bürger einbezogen, zog die breite Mehrheit mit. Offenbar war es gelungen, die dringende Sanierung der Finanzen plausibel zu machen.

2014 stellte sich der Rathauschef aufs Neue zur Wahl: 57 Prozent in Runde eins, die nächste Überraschung. Was ihn auch freute, weil er es den Widersachern der ersten Jahre »gezeigt hatte«. Wie angenehm es auch war, zumal nach diesem Votum, über eine Hausmacht in den Gremien zu verfügen - aufwändig sei es schon gewesen, mit drei Partnern Absprachen zu treffen. Was sich nach der Gemeindewahl 2016 ändern sollte, da nun »seine« Freie Wähler (Klug gehört dem Landes-, nicht dem Stadtverband an, die Red.) mit der CDU eine Mehrheit stellten. »Jetzt konnte vieles schneller abgearbeitet werden.«

Fragt man nach weiteren Schwergewichten auf der Habenseite seiner Bilanz, nennt Klug den Radwegebau. Tatsächlich ist der für die hiesige Hochburg des Tourismus - gestärkt durch den Ausbau der Kooperation im Ostkreis - immens wichtig. »Es gab da ein Umdenken«, freut sich der Mann aus Flieden. Richtig, entscheidend freilich war, dass dieses den Mehrheitspartner CDU erfasste. So erst konnte der ambitionierte, doch teure Plan umgesetzt werden.

Fernwärmenetz, Gerätehäuser in Gonterskirchen und Laubach, Ausbau der Kinderbetreuung, Sanierung von Bürgerhäusern, seriöser Pächter fürs Jugendgästehaus, Verwaltungsverband, Dorferneuerung (IKEK), Freibadsanierung auf dem Weg, mehr Transparenz bei der Vereinsförderung führt er als weitere Pluspunkte seiner Amtszeit an. Sowie der Erhalt der Post dank Übernahme durch die Stadt - »mein Abschiedsgeschenk«, sagt Klug. Und natürlich weiß auch er, dass ohne das Mitwirken vieler ehrenamtlicher Politiker vieles nicht erreicht worden wäre.

Durchaus wurde in seiner Amtszeit einiges gemeistert, doch schlug auch mancher Plan fehl. Ärgerlich findet der 41-Jährige noch heute, dass die Windparkprojekte scheiterten, er die Kfz-Zulassung nicht halten konnte und sich die Neugestaltung des Marktplatzes »ewig« hinzieht. Als wohl größtes Manko seiner Bilanz ist die Dorfschmiede zu erwähnen. Klug verweist da zunächst auf die »schwierige Konstruktion«, da ein Projekt der Kirche, an der die Stadt nur sechs Prozent der Anteile hält. Doch sind Fehler passiert, auch im Rathaus, unter seiner Ägide. Nicht der einzige, denkt man an jüngste Aktionen wie die Baumfällung am Schlosspark, doch der schwerwiegendste. Vor allem hätte die Stadt viel früher auf betriebswirtschaftliche Expertise in der Geschäftsführung drängen müssen. Klug räumt ein, besser wäre gewesen, Laubach - rund 60 Jahre »Gläubiger« der Gesellschaft - hätte gleich einen Profi bezahlt.

Die Rede muss am Ende auf das Frühjahr 2018 kommen, als er für sich entschied, nicht ein drittes Mal anzutreten. Der Erfahrung aus zwölf Jahren - Verletzungen, böswillige Angriffe, gar unberechtigte Strafanzeigen wegen vermeintlicher Steuervergehen - spielten eine Rolle. Hinzu aber kam ein Weiteres: »Nach meiner Scheidung habe ich einfach Abstand gebraucht.« Und so zog er einen Schlussstrich, um sich den »Zauber des Neuanfangs« zu gönnen.

Dennoch, und das betont Klug am Ende: »Das Bürgermeisteramt war die richtige Entscheidung. Ich nehme viel Gutes mit, viel Dankbarkeit für persönliche Begegnungen, Zufriedenheit über das Erreichte.« Alles Gründe, warum er mit etwas Wehmut gehe.

Ein weiterer Abschied mit gemischten Gefühlen also. Auch deshalb: »Ich wäre gern noch mal Hammelschütze geworden«, verrät Klug, freilich mit einem Schmunzeln. Dafür und für noch viel stärkere Gefühlsregungen hatte er im Juni 2009 gesorgt: Gerade mal zwei Wochen im Amt, schoss der Neu-Laubacher damals beim Ausschussfest den »Vogel« ab. Etwas, wovon eingeborene Laubacher ihr Leben lang träumen - fast alle vergebens.

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