Die Entscheidung ist gefallen. Das Baugebiet auf dem ehemaligen Sportplatz zwischen Oberstadt und Hattenröder Straße wird die Stadt Lich in eigener Regie erschließen.	FOTO: US
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Die Entscheidung ist gefallen. Das Baugebiet auf dem ehemaligen Sportplatz zwischen Oberstadt und Hattenröder Straße wird die Stadt Lich in eigener Regie erschließen. FOTO: US

Abkehr vom Investorenmodell

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Privat entwickelte Neubaugebiete sind in Lich in den letzten zehn Jahren aus dem Boden geschossen. Beim künftigen Baugebiet »Sportplätze Oberstadt« will die Stadt einen anderen Weg einschlagen. Diese Fläche möchte sie selbst erschließen. Doch die Abkehr vom Investorenmodell ist umstritten.

Die Einfamilienhäuser an der Fasanerie, der Breuerbergsweiher, die Stiftswiese hinter dem VHS-Haus oder auch die Steinwiese in Langsdorf: Neubaugebiete sind im vergangenen Jahrzehnt in Lich wie Pilze aus dem Boden geschossen. Stets wurden sie von privaten Projektgesellschaften entwickelt. Die Stadtverordnetenversammlung hatte es so gewollt. Das Investorenmodell sollte die Verwaltung entlasten und die Stadt vor finanziellen Risiken bewahren. Steht nun ein Strategiewechsel bevor? Das geplante Baugebiet auf de m alten Sportplatz an der Hattenröder Straße jedenfalls will die Stadt in Eigenregie erschließen. Darauf hat sich der Haupt- und Finanzausschuss, der am Mittwoch als Corona-Parlament tagte, mehrheitlich verständigt. Das geschah gegen die Stimmen der FDP und bei Enthaltung der CDU, die zu viele ungeklärte Fragen bemängelte. »Wir würden gerne wissen, worüber wir heute entscheiden«, sagte Fraktionsvorsitzender Markus Pompalla.

»Mit dem Investorenmodell sind wir in den letzten Jahren gut gefahren«, resümierte Bürgermeister Dr. Julien Neubert. Dass die Stadt nun beim alten Sportplatz einen anderen Weg einschlagen möchte, habe einen triftigen Grund: Bis auf ein 3500 Quadratmeter großes Nachbargrundstück gehört die gesamte Fläche, gut 20 000 Quadratmeter, der Kommune. Langwierige Kaufverhandlungen, die in früheren Jahren die Baugebietsentwicklung hemmten, wird es also nicht geben.

»Wir haben zudem die Hand auf der Planung und auch auf der Vergabe der Grundstücke«, schilderte Neubert die Vorzüge einer Entwicklung in Eigenregie. Der Vorschlag dafür sei übrigens aus der Bauverwaltung gekommen.

Die Fachleute dort rechnen mit einem geringeren Verwaltungsaufwand, weil sie sich ein kompliziertes Vergabeverfahren und das Aushandeln eines städtebaulichen Vertrags sparen können.

Noch steht die Planung ganz am Anfang. Es gibt noch nicht einmal einen Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan. Dafür aber eine grobe Kostenkalkulation. Sie beziffert die Erschließungskosten auf 2,24 Millionen Euro und den Erlös aus dem Grundstücksverkauf auf 3,86 Millionen Euro. Der Berechnung liegt ein Quadratmeterpreis von 200 Euro für die voll erschlossenen Grundstücke zugrunde.

Der CDU, die den Tagesordnungspunkt am liebsten in die nächste Sitzungsrunde verschoben hätte, reichte das nicht. »Etliche Punkte sind unklar«, kritisierte Fraktionsvorsitzender Markus Pompalla. »Entweder steigt der Quadratmeterpreis oder der Erlös wird geringer.« Man sei nicht grundsätzlich gegen eine Erschließung in Eigenregie, man brauche aber mehr Transparenz. Pompalla forderte deshalb weitere Auskünfte unter anderem zu Ausgleichsmaßnahmen, zu den Vereinbarungen mit dem VGL, dessen Vereinsheim am Rande des Grundstücks liegt, oder zu weiteren Kosten etwa für Gutachten und zur Verrohrung des Grabens, der mitten durch die Fläche führt. Vor allem hätten die Christdemokraten gerne eine Alternativkalkulation gesehen: Wie würden sich die Kosten im Falle einer Erschließung durch einen Investor darstellen? Diesen Wunsch lehnte der Bürgermeister kategorisch ab. »Ich werde jetzt keine Was-wäre-wenn-Szenarien durchplanen.« Er wisse nicht, was ein Investor für die Fläche zahlen würde, weder ihm noch der Verwaltung liege irgendein Angebot vor.

Die FDP wandte sich kategorisch gegen eine Abkehr vom Investorenmodell. »Das wird schiefgehen«, prognostizierte Dennis Pucher mit Verweis auf eine Reihe stockender Bauprojekte. »Das Bürgerhaus wird nicht fertig, die Gerätehäuser in Birklar und Muschenheim werden nicht fertig und jetzt will die Verwaltung das wuppen...« Man habe im Laufe der Jahre im Umgang mit dem Investorenmodell viel dazugelernt. Der Abschluss genau definierter Verträge sei allemal besser als eine Erschließung auf eigene Faust, argumentierte Pucher, der zudem die Bodenqualität auf dem alten Sportplatz in Zweifel zog.

Marco Römer vom Bauservice widersprach heftig. Erstens: Der Boden sei nicht schlechter als gegenüber »In den Gräben«. Und zweitens: »Die Verwaltung ist nicht überlastet. Sie dürfen Hochbau und Tiefbau nicht vermengen.« Der Bürgermeister sprang ihm zur Seite: »Die Gründe für die Verzögerungen bei einigen Maßnahmen sind vielschichtig. Ich warne davor, mit pauschalen Aussagen Stimmung zu machen«, hielt er den Kritikern von der FDP entgegen.

Bei den anderen Fraktionen stieß die Erschließung des alten Sportplatzes unter Regie der Stadtverwaltung auf großes Wohlwollen. »Wir haben das Investorenmodell schon immer kritisch gesehen«, unterstrich Dr. Thomas Krauskopf von den Grünen. Andreas Müller-Ohly (DBL) regte sogar an, grundsätzlich über einen kompletten Abschied von privaten Projektierern nachzudenken.

So weit mochten die Freien Wähler nicht gehen. Das Modell der Investorenentwicklung sei in der Vergangenheit sehr erfolgreich gewesen, sagte Karl-Heinz Klös. »Wir stimmen dem Antrag jedoch zu, weil er sich ausschließlich auf das Baugebiet ›Sportplätze Oberstadt‹ bezieht und wir hier eine besondere Konstellation vorfinden.«

Ähnlich äußerte sich die SPD: »Ob Eigenentwicklung oder Investor: das sollte man im Einzelfall entscheiden«, fand Ronald Köhler. Die Eigenentwicklung am alten Sportplatz stößt auf seine ungeteilte Zustimmung: »Wir vertrauen der Verwaltung.«

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