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New York in den 1920er Jahren. Auch dieses Foto stammt aus dem Bildband "New York Past & Present".

Ein Abend in New York

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Auf der Suche nach einem besseren Leben reist ein arbeitsloser Buchbinder aus Leipzig 1928 nach New York. Seine Erinnerungen und viele Fotos inspirieren seinen Enkel 90 Jahre später zu einer ganz besonderen Multimedia- Performance. "Ein Abend in New York" ist am 24. Oktober im Kino Traumstern in Lich zu erleben.

Am 4. Januar 1928 kurz vor Mitternacht legt die "Berlin" von Bremerhaven ab. Ihr Ziel: New York. Als einer von 1132 Passagieren mit an Bord: Theodor Trampler. Der arbeitslose Buchbinder aus Leipzig hat in den USA einen Job in Aussicht. 15 Monate lang wird er am Rande von Manhattan leben. Er wird Geld nach Hause schicken und seiner Familie lange Briefe schreiben. Er wird mit Fahrrad und Kamera auf Erkundungstour gehen und seine Eindrücke von seinem neuen Wohnort auf zahlreichen Fotos festhalten. Am 23. März 1929 wird er an Bord der "Deutschland" gehen und für immer nach Leipzig zurückkehren. Dort ist er 1975 gestorben. Geblieben sind seine Erinnerungen. Seine Briefe und seine Fotos bilden die Basis für "Ein Abend in New York". Die Multimedia-Performance mit Musik, Bildern und Texten ist am Donnerstag, dem 24. Oktober, im Kino Traumstern zu erleben. Entwickelt hat sie Ulrich Balß. Der Musikproduzent aus Bremen ist Tramplers Enkel.

Balß war Teenager, als sein Opa starb. Er hatte nie mit ihm über New York geredet. Erst eine Kiste aus dem Nachlass seiner 2015 verstorbenen Mutter eröffnete ihm Einblicke in das ihm bis dahin verschlossene Kapitel der Familiengeschichte. Sie enthielt nicht nur die Fotos seines Großvaters, sondern auch, fein säuberlich gebunden, all die sehnsuchtsvollen Briefe, die er an seine Lieben daheim in Leipzig geschrieben hatte.

Das alte Wohnhaus steht noch

Bei Balß war der Schatz in richtigen Händen. Der gebürtige Ostwestfale betreibt seit 1981 den auf Jazz und Weltmusik spezialisierten Musikverlag Jaro Medien mit angeschlossener Konzertagentur. 2018 hatte er ein Fotobuch mitsamt CD über Lissabon herausgebracht: "Lisboa Past & Present". Der Nachlass des Großvaters gab nun den Anstoß zu einem zweiten Band: "New York Past & Present - 1928 till now".

Der Anfang war schwer, denn all die langen Briefe waren in Kurrentschrift verfasst. "Außer ein paar Worten konnte ich nichts entziffern", erinnert sich Balß. "Wenn ich Zugang haben wollte, war die einzige Möglichkeit, die Schrift zu lernen."

Es dauerte ein halbes Jahr, bis er die Briefe entschlüsselt hatte und sich ihr ganzer Reichtum offenbarte. "Normalerweise kennt man ja nur die Biografien berühmter Menschen", sagt Balß. "Aber mein Großvater war ein ganz normaler Arbeiter." Nun, ganz so normal vielleicht doch nicht. Theodor Trampler besaß, ungewöhnlich für diese Zeit, eine Kamera. Zudem unternahm er mit seinem Fahrrad, das er mit über den Ozean genommen hatte, ausgedehnte Ausflüge. Die Bilder, die dabei entstanden, verkaufte er an deutsche und amerikanische Zeitungen und an deutsche Migranten. "Die Fotos, das Fahrrad und seine Neugier: Das war eine Super-Basis für das Buch," sagt der Enkel, der selbst gerne fotografiert, leidenschaftlich Rennrad fährt und sein Leben lang viel gereist ist.

Für "New York Past & Present" hat Ulrich Balß die Erinnerungen seines Großvaters in zehn Kapiteln zusammengefasst und durch Auszüge aus den Briefen ergänzt. Der Alltag in der Buchbinderei, das gesellige Leben im Kreise deutscher Migranten, die Ausflüge in die Umgebung werden ebenso beschrieben wie die Ankunft des ersten Zeppelin oder das Großstadtleben mit Subway, Hochbahn und Wolkenkratzern. Den Schwarz-Weiß-Fotos Theodor Tramplers setzt der Enkel seine eigenen Bilder von New York entgegen, das er durch die Arbeit mit Musikern wie Rachelle Garnier oder der Gruppe Hazmat Modine seit über drei Jahrzehnten gut kennt.

Am Ende seiner Recherche hat Balß die Stadt gezielt auf den Spuren seines Großvaters durchstreift. Die Buchbinderei in der Beekman Street, in der Trampler gearbeitet hat, steht nicht mehr. Aber das Wohnhaus, ganz oben in Manhattan, in der 196. Straße, gibt es noch. Ulrich Balß hat an die Wohnungstür geklopft, hinter der sein Großvater vor 90 Jahren lebte. Er hat dahinter die Schritte der heutigen Bewohner gehört. "Sie haben leider nicht geöffnet," bedauert er.

Vom Mut und von der Neugier seines Großvaters zeigt sich Balß tief beeindruckt: "Er sprach kein Englisch. Er wusste nicht, was ihn erwartet. Er ist wirklich in eine fremde Welt aufgebrochen." Die Grundidee sei anfangs gewesen, die Familie nachzuholen. "Aber meine Großmutter wollte nicht." So kehrte Theodor Trampler im Frühjahr 1929 nach Leipzig zurück. "Mein Großvater war Sozialdemokrat", erzählt der Enkel. "Wenn er gewusst hätte, was einige Jahre später in Deutschland geschieht, hätte er sich vielleicht anders entschieden."

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