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Um diesen Neubau an der Herderstraße in Pohlheim gibt es Streit.

Streit wegen 20 Zentimetern in Pohlheim - Was 1963 galt, das gilt auch noch heute

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Gießen/Pohlheim (so). Das Mehrfamilienhaus ist nicht zu groß. Der Bau hält alles ein, was der seit 1963 gültige Bebauungsplan vorschreibt und steht innerhalb des erlaubten Baufensters auf dem Grundstück an der Herderstraße in Watzenborn-Steinberg. Zu diesem Urteil jedenfalls kommt das Verwaltungsgericht Gießen.

Dort hatte ein Anwohner gegen das Bauvorhaben auf dem Nachbargrundstück geklagt. Konkret wollten die Nachbarn die vom Landkreis Gießen erteilte Baugenehmigung anfechten. Gegen diese hatten sie bereits Widerspruch eingelegt, waren damit aber beim Landkreis gescheitert - und verklagten jetzt den Kreis.

Das Ehepaar hatte argumentiert, der Neubau liege nicht in einer Linie mit den angrenzenden Gebäuden, sondern ist zehn Meter zurück versetzt, um vor dem Haus Parkplätze zu schaffen. Dadurch, so die klagenden Nachbarn, werde ein Teil ihres Grundstücks, vornehmlich der Wintergarten, über mehrere Monate im Jahr verschattet. Zudem sehen sie sich in ihrer Privatsphäre beeinträchtigt, weil die Haustür des Neubaues gegenüber von ihrem Wintergarten liegt. Da sei ihr Grundstück - im Besonderen der Wintergarten, der für sie Wohnraum ist - nun von der neuen Nachbarschaft einsehbar.

Berufung erwogen

Diesen Argumenten wollte sich das Gericht nicht anschließen: Der Bebauungsplan "Hohe Triesch" der Stadt Pohlheim - ein Regelwerk noch aus der damals selbstständigen Gemeinde Watzenborn-Steinberg aus den 1960er Jahren - gebe nicht vor, dass die Häuser allesamt dichter an der Straße zu errichten seien. Die Firstrichtung sei zudem, wie im Plan vorgegeben.

Auch eine Festsetzung, dass dort nur Ein- und Zweifamilienhäuser gebaut werden dürfen, nicht aber Mehrfamilienhäuser, hat das Gericht in den Planvorgaben nicht entdeckten können. Auch was den Schattenwurf und den Blick aufs Grundstück angeht, mochte Richter Harald Repp den klagenden Nachbarn nicht recht geben. Deren schutzwürdige Interessen seien "nicht in einer unzumutbaren Weise beeinträchtigt". Und zwar weder durch die von den klagenden Hauseigentümern dargelegte Verschattung noch durch den möglichen Blick von der Haustür in den Nachbargarten.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Eine Berufung beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel ist möglich. Die klagenden Nachbarn haben dies bereits vor Wochen erwogen.

Auch das Landgericht befasst sich mit dem Bauvorhaben. Ein anderer Nachbar, nämlich Ex-Landrat Ernst Klingelhöfer prozessiert gegen den Landkreis. Er sieht Fehler bei der Einmessung des Neubaues und bemängelt einen um 20 Zentimeter zu geringen Grenzabstand. Bedeutung haben die Gerichtsurteile vor dem Hintergrund, dass alte, nicht auf den Stand der Zeit gebrachte Bebauungspläne von Kommunen zu Nachbarschaftsstreitigkeiten führen können.

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