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Vor allem eines reizt Selina Hortsch an ihrem Beruf: Jeden Tag begegnet sie unterschiedlichen Arten der Trauer.

Ausbildung

19-jährige Selina Hortsch lernt ungewöhnlichen Beruf

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Sie steht Trauernden bei, führt Bestattungen durch und baut Särge zusammen: Selina Hortsch aus Großen-Buseck ist die einzige Auszubildende zur Bestattungsfachkraft im Landkreis Gießen.

Selina Hortsch liebt das Leben - und trifft jeden Tag auf den Tod. "Wir kommen auf die Welt. Und wir gehen", sagt die 19 Jahre alte Buseckerin. "Und es kommen wieder neue auf die Welt" Vor dem Tod habe sie keine Angst. Auch nicht vor dem Sterben. "Ich kenne ja die Abläufe danach. Ich weiß, dass dem Verstorbenen und den Angehörigen geholfen wird." Hortsch absolviert in Pohlheim eine Ausbildung zur Bestatterin. Sie ist der einzige Lehrling in diesem Beruf im gesamten Kreisgebiet. Häufig hört sie den Satz, dass man für ihre Tätigkeit "einen harten Kern" benötige. "Den habe ich mir auch angeeignet."

Azubis in anderen Berufen bauen Tische zusammen, backen Brötchen, oder streichen Wände. Auch sie haben verantwortungsvolle Aufgaben. Hortsch indes steht Menschen bei, die ihre Liebsten verloren haben. Sie führt Bestattungen durch, baut Särge zusammen und kleidet Leichname für Beerdigungen ein. Sie spricht sich mit Pfarrern, Floristen und Trauerrednern ab, bei Bestattungen lässt sie die Urne ab. "Da bin ich jedes Mal aufgeregt", sagt sie. "Manchmal schauen dir dabei 100 Trauergäste zu." Bisweilen holt sie Leichen in Wohnungen im Kreisgebiet ab, legt sie in Särge. "Da braucht man Kraft", sagt sie. Normalerweise seien sie dann zu zweit unterwegs. "Wenn man den Sarg nach unten trägt, darf man auf keinen Fall ächzen, das geht nicht. Es geht um Pietät und Würde."

Hortsch sitzt aufrecht im Büro ihres Ausbildungsbetriebs Häuser in Pohlheim. Sie trägt eine schwarze Krawatte, eine weiße Bluse und eine schwarze Jacke. Die 19-Jährige wirkt beeindruckend klar, souverän und besonnen. Dass nur wenige Jugendliche ihren Beruf ergreifen, liegt daran, dass nur wenige der kleinen heimischen Betriebe ausbilden, viele werden von Schreinern geleitet. Hortsch führt es auch auf die Herausforderung zurück, mit dem Tod umzugehen. "Wenn ich jedes Mal die Sorgen, die wir hier haben, mit nach Hause nehmen würde, wäre der Job nicht meine Zukunft", sagt sie. "Wenn Angehörige vor einem sitzen und leiden, nimmt uns das auch mit." Wichtig sei vor allem: "Wir müssen den Beruf und unser eigenes Leben streng voneinander trennen."

Sie ist 18, als sie eine Bestattung für ein verstorbenes Baby übernimmt. In einem Waldstück stehen zwei junge Eltern vor dem Grab. Sie schweigen, weinen. Auch Hortsch vergießt Tränen. "Da stehen zwei junge Menschen vor dem Grab und wissen nicht, was sie sagen sollen", erinnert sie sich. "Sie wünschen sich nur ihr Kind zurück." Sie gibt den Eltern am Grab Zeit, bis sie ihr zunicken. Dann lässt Hortsch die Urne herab. Um derartige Erlebnisse in ihrer Ausbildung zu verarbeiten, sprach sie anfangs mit ihren Eltern. "Wir haben ja Schweigepflicht. Aber mit irgendjemandem musste ich mich aussprechen." Die Eltern hätten ihren Teil dazu gesagt, "dann wurde darüber nicht mehr geredet." Mittlerweile könne sie gut mit den traurigen Seiten ihrer Tätigkeit umgehen. In ihrer Freizeit tanzt sie in einer Gardegruppe. "Zum Auspowern", sagt sie.

Unterschiedliche Art der Trauer

Auf die Idee, Bestatterin zu werden, kam die 19-Jährige nach der Mittleren Reife im Rahmen eines Freiwilligen Soziales Jahrs. Sie arbeitete in einem Seniorenheim in Großen-Buseck. Eine Frau, die sie pflegte, starb. Kollegen boten ihr an, beim Waschen der Leiche dabei zu sein. "Fröhlich, wie ich war, bin ich mit ins Zimmer gegangen. Ohne Berührungsängste packte sie mit an. "Es hat mir nichts ausgemacht. Das hat mich erstmal schockiert." Doch sie habe das Gefühl verspürt, der Verstorbenen zu helfen. "Darum geht es mir auch heute als Bestatterin. Ich helfe, unterstützte und nehme den Angehörigen eine Last ab."

Als sie nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr überlegte, für welche Ausbildung sie sich entscheidet, erinnerte ihr Vater sie an das Erlebnis im Seniorenzentrum. Eher im Scherz schlug er vor: "Werde doch Bestatterin." Kurz darauf verschickte Hortsch Bewerbungen. Freunde und Familie hätten zunächst skeptisch reagiert, als sie in Pohlheim mit der Lehre anfing. "Aber mittlerweile sehen sie mich in dem Beruf auch in der Zukunft." Von manchen Bekannten fühle sie sich bisweilen abgestempelt, als hätte sie ein Faible für Tote. "Aber ich bin ein normaler Mensch. Es ist einfach ein spannender Beruf." Die größte Herausforderung in ihrem Beruf sind zweifellos die Trauergespräche. Die 19-Jährige besucht dann die Familie des Verstorbenen häufig in deren Zuhause. Sie hört zunächst zu, lauscht den Geschichten über den Toten. "Irgendwann merke ich, dass die Angehörigen mir vertrauen." Bald höre sie heraus, wie sich die Familie die Bestattung vorstellt. In Trauergesprächen stellt sie allerdings immer wieder fest, dass über den Tod viel zu wenig gesprochen wird. "Der Wunsch des Verstorbenen steht an erster Stelle." Oft aber sei dieser den Familien gar nicht bekannt.

Hortsch wird in einem Jahr ihre Ausbildung abschließen. Gerade hat sie ihr Zwischenzeugnis bekommen, die Noten sind gut. Auch angesichts des Mangels an Nachwuchs stehen ihr alle Chancen offen.

Zunächst will sie Traditionen von Bestattungsfeiern in anderen Ländern erkunden, auf Kuba zum Beispiel. Vor allem eines reizt sie am Beruf: Jeden Tag begegnet Hortsch unterschiedlichen Arten der Trauer. Sie erzählt von einer Bestattung für einen Rocker, auf der plötzlich "Highway to hell" von AC/DC in der Friedhofskapelle erklang. Auch sie habe dabei ein leichtes Grinsen im Gesicht gehabt erzählt sie. "Wenn es passt, dann ist es schön. Weil alle, die in der Trauerfeier sitzen, wissen, wie der Verstorbene war."

Einige Male habe sie auch aramäische Bestattungen in Pohlheim begleitet. "500 Menschen sind dann in der Kirche, es wird gesungen und zusammen gebetet. Wahnsinn. Bei meiner ersten Beerdigung dieser Art hatte ich Gänsehaut." Nur einmal habe sie bisher erlebt, dass kein einziger Trauergast zu einer Bestattung kam - lediglich sie und ein Mitarbeiter der Stadt. "Da macht man sich Gedanken. Wie hat dieser Mensch gelebt?"

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