Gustav Lochmann (rechts) und Friedrich Gustav Kögel beim Zwischenstopp in Turnu-Severin in Rumänien. FOTO: ALMEDL/REPRO: PAD
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Gustav Lochmann (rechts) und Friedrich Gustav Kögel beim Zwischenstopp in Turnu-Severin in Rumänien. FOTO: ALMEDL/REPRO: PAD

1898 mit dem Rad nach Jerusalem

  • vonPatrick Dehnhardt
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Selbst heute wäre dies noch ein gewaltiges Abenteuer, doch 1898 muss es ein unbeschreibliches Erlebnis gewesen sein: Gustav Friedrich Lochmann fuhr zusammen mit seinem Onkel nach Jerusalem. Die Geschichte der Reise hat nun der Heimatkundliche Arbeitskreis Villingen dokumentiert.

Es ist eine besondere Geschichte, die der Heimatkundliche Arbeitskreis Villingen in seinem neuen Heft "So woarsch emol bei uus" dokumentiert hat: Gustav Friedrich Lochmann war 1898 mit dem Rad bis nach Palästina gefahren, hatte dort den deutschen Kaiser getroffen. 1909 heiratete Lochmann Margarethe Döll aus Villingen - und lebte in dem Dorf, ohne weiter groß über seine Reise zu berichten. Den Heimatforschern und insbesondere Sven Schepp, Dr. Ulrich Kammer und Otto Rühl ist es nun gelungen, sein Reiseabenteuer für die Nachwelt festzuhalten.

Gustav Friedrich Lochmann wurde 1880 im sächsischen Düben geboren. Zusammen mit seinem 20 Jahre älteren Onkel Friedrich Gustav Kögel brach er 1898 zu der Fahrt von Leipzig nach Jerusalem auf. Kögel versuchte 1899 dann, mit einem anderen Mitstreiter die Welt per Rad zu umrunden. In Beirut traf er dabei den Schriftsteller Karl May, musste jedoch kurz darauf die Weltumrundung abbrechen.

Damals war ein Fahrrad noch ein wertvoller Besitz, kostete rund das halbe Jahresgehalt eines Handwerkers. Auch waren die Straßen mit denen von heute in keiner Weise zu vergleichen.

Kögel und Lochmann hatten Reisebücher dabei, in denen sie Postkarten, Visitenkarten und diverse Stempel von der Reise sammelten. Sie lernten Bürgermeister und Fabrikanten, Hoteliers und Geistliche auf ihrer Fahrt kennen - ein sozialer Aufstieg zur damaligen Zeit für die beiden. Stationen waren München, Wien, Budapest, Belgrad, Konstantinopel, Smyrna (Izmir), Beirut und Haifa. Danach ging es zu Fuß weiter nach Nazareth und schließlich nach Jerusalem, wo sie der Einweihungsfeier der Erlöserkirche beiwohnten.

Als sie gerade in Wien Station machten, erschütterte die Nachricht vom Mordanschlag auf Kaiserin Sissi die Welt. Eine Notiz dazu findet sich ebenso in den Reisetagebüchern wie der Hinweis, dass sie vom Musikinstrumentenfabrikanten Lutz eine Mundharmonika geschenkt bekamen.

In Rumänien ließen sich die beiden Radler in Turnu-Severin in einem Atelier fotografieren - eines der wenigen Bilder von der Reise. In einem Zeitungsbericht über die Reise aus dem Jahr 1899 ist zu lesen, das "mehr als einmal die kühnen Deutschen in Gefahr waren, ausgeraubt und getötet zu werden, doch ein gnädiges Geschick schützte sie".

Zwischendurch wechselten die beiden Radler allerdings auch mal auf die Eisenbahn und das Schiff, um rechtzeitig in Jerusalem zu sein. Denn dort erhielten sie eine Audienz beim deutschen Kaiserpaar.

Kaiser Wilhelm II. befragte sie dabei zu ihrer abenteuerlichen Reise - zweifelsohne der Höhepunkt der Reise.

Nach der Rückkehr schilderte Lochmann 1899 in einem zweistündigen Vortrag seine Erlebnisse. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte er ein versteiftes Bein, war dadurch Frühpensionär. Jedoch war er für die Post tätig. Im Zweiten Weltkrieg leistete er Hilfsdienste, gab unter anderem Lebensmittelkarten aus.

In Villingen war er als geselliger Mensch bekannt, der im Alter von 85 Jahren starb. Erst mit dem nun erschienen Heft dürften viele seiner Mitbürger erfahren, welche Reise er einst erlebt hatte.

Das Heft "So woarsch emoal bei uus" ist bei Otto Rühl und über das evangelische Pfarramt (gemeindebuero@villingen-online.de) erhältlich.

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