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Messingtafeln und weiße Rosen zur Erinnerung.

16 neue Stolpersteine

  • VonChristina Jung
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Bing, Chambré, Sommer. Drei Namen, vier Familien. Gelebt haben sie in Lich. Die einen sind vor den Nationalsozialisten geflüchtet, die anderen wurden deportiert und ermordet. 16 Stolpersteine erinnern nun in der Stadt an ihre Schicksale. Gestern wurden sie feierlich enthüllt.

Feuchtigkeit liegt in der Luft, auch wenn es gerade einmal nicht regnet. Das Thermometer zeigt nur acht Grad Celsius. Der Himmel präsentiert sich in deprimierendem Dauergrau. Kalt und ungemütlich ist die Atmosphäre, die am Mittwochnachmittag in der Licher Innenstadt aber irgendwie den passenden Rahmen bietet.

Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe »9. November 1938« werden 16 Stolpersteine enthüllt, verlegt worden sind sie bereits einige Tage zuvor. Aus zeitlichen Gründen nicht von Gunter Demnig, sondern von einem Mitarbeiter der Bauverwaltung. Denn die Verlegung, ursprünglich für Mai 2020 geplant, war pandemiebedingt zwei Mal verschoben worden.

Rund 50 Menschen sind trotz des schlechten Wetters gekommen, nehmen Anteil, wollen sich erinnern. Gemeinsam mit Mitgliedern der AG Stolpersteine, die zu der Veranstaltung eingeladen hat und Schülerinnen der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS), die sie gemeinsam mit den Ehrenamtlichen gestaltet haben. Ebenso wie einige Licher, die heute in den Häusern leben, die einst Juden gehörten.

Einer von ihnen war Mayer Bing, Pferdehändler und Sohn des in Holzheim geborenen Abraham Bing. Er lebte zunächst in seinem Elternhaus in der Gießener Straße und nach seiner Heirat in der Heinrich-Neeb-Straße 2, wo die Stolpersteine heute an seine Frau Helene und die beiden Kinder Hedwig und Albert erinnern. Er selbst kam 1931 bei einem Verkehrsunfall ums Leben, seine Familie ging nach Südafrika.

Vielen Lichern im Zusammenhang mit der Novemberreihe ein Begriff ist der Name Chambré: Die nach Ernst-Ludwig Chambré benannte Stiftung bemüht sich in der Stadt seit 1997 um das Erinnern an den Holocaust. Sechs Stolpersteine zeugen nun in der Unterstadt 7 von ihrer Geschichte. Zurück geht sie an diesem Ort auf Ernst-Ludwig Chambrés Großvater Carl, Stoffhändler, Bänker, Manufakturist und einst Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Lich. Sein Sohn Max Chambré, eines von sechs Kindern und Vater von Ernst-Ludwig, kaufte 1922 für die jüdische Gemeinde das Anwesen in der Amtsgerichtsstraße 4, das zur Synagoge umgebaut wurde und heute kulturelle Begegnungsstätte ist.

Bereits nach dem Pogrom im März 1933 floh die Familie nach Belgien. 1942 wurde sie nach Auschwitz deportiert und ermordet. Einziger Überlebender war Ernst-Ludwig Chambré, der nach der Besetzung Belgiens zunächst nach Südfrankreich, später nach Spanien flüchtete und von dort über Portugal nach Palästina gelangte. Später immigrierte er in die USA.

In der Oberstadt 11 und in der Gießener Straße 9 werden sieben Messingquadrate enthüllt. Sie erinnern an die Familien von Mayer Sommer und Ludwig Sommer. Mayer Sommer lebte mit Ehefrau Mathilde, Tochter Selma und den Zwillingsbrüdern Hermann und Ludwig in einer Hofreite in der Oberstadt 11. Die Familie handelte mit Fetten, Kaffee, Seife und Vieh, eine Zeit lang betrieb man eine Tankstelle. 1932 starb Mayer Sommer, seine Frau Mathilde verließ die Stadt. Ebenso wie ihre Kinder Herrmann und Selma. Die Hofreite wurde veräußert, der Enkel des damaligen Käufers lebt noch heute dort: Gerhard Dörmer erzählt anlässlich der Stolperstein-Enthüllung die Geschichte des Hauses aus Sicht seiner Familie.

Herrmann Sommer wurde mehrfach verhaftet und nach dem Pogrom 1938 ins KZ Buchenwald gebracht. Im Jahr darauf immigrierte er in die USA. Seine Schwester Selma wurde im September 1942 in das besetzte Estland verschleppt und ermordet. Ihre Tochter war im Oktober 1938 über Hamburg in die USA geflüchtet, wo sie bei ihrem Onkel lebte und eine Familie gründete.

Hermann Sommers Bruder Ludwig dagegen blieb in Lich und trieb Handel wie sein Vater. 1922 heiratete er Toni Bing. 1942 wurden sie und ihre Tochter deportiert und ins besetzte Polen gebracht, wo sie vermutlich in Treblinka ermordet wurden.

Heute leben Reinhard Weber und Dr. Anke Kleffmann in der Gießener Straße 9, betreiben ein Geschäft wie einst die Sommers. Sie allerdings müssen nicht fürchten, dass ihnen ihre Existenzgrundlage genommen wird wie 1935 Ludwig und Toni Sommer. Sie müssen keine Angst davor haben, dass die Fenster ihres Hauses eingeschlagen und ihre Einrichtung zerstört wird. Ihre beiden Söhne Georg und Frank konnten behütet aufwachsen. Ein großes Glück, wie Kleffmann in einer berührenden Rede verdeutlichte.

Zum Auftakt der Veranstaltung hatte bereits Bürgermeister Dr. Julien Neubert mit Blick auf die Gräueltaten der Nazis in der Stadt an der Wetter unterstrichen, dass es nicht selbstverständlich sei, »dass Lich heute ein Ort der Toleranz, Vielfalt, Kultur unddes Erinnerns ist«.

Es regnet wieder. Auf dem Piano im Hof stimmt Frank Kleffmann Dietrich Bonhoeffers »Von guten Mächten wunderbar geborgen« an. Ein bewegender Nachmittag geht zu Ende. Insgesamt 49 Messingtafeln halten in Lich nun die Erinnerung wach. Die Erinnerung an ein menschengemachtes Grauen. In der Hoffnung, dass sich so etwas dort und anderswo niemals wiederholt.

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