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Landrätin Anita Schneider bei der Herzmassage. Auch sie will sich als Ersthelferin in der neuen Katretter-App registrieren lassen. Mario Binsch (r.), Simon Little (h.) und Horst Jeckel unterstützen die App ebenfalls. FOTO: PAD

1000 Ersthelfer gesucht

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Wenn das Herz stehen bleibt, entscheidet vor allen Dinges eines über Leben und Tod: Das schnell jemand mit der Herz-Kreislauf-Massage beginnt. Mit der App "Katretter" will der Landkreis Gießen nun dafür sorgen, dass geschulte Ersthelfer die Lücke bis zum Eintreffen des Rettungsdienste schließen.

Ein älterer Mann bricht plötzlich mitten auf der Straße zusammen, das Herz ist stehen geblieben. Seine Frau setzt den Notruf ab, kann aber selbst nicht mehr die Wiederbelebung übernehmen, da sie zu gebrechlich ist. Bis der nächste Rettungswagen eintrifft und mit der Reanimation beginnt, vergehen zwar nur ein paar Minuten. Dennoch ist dies kostbare Zeit, denn das Gehirn wird nicht mit Sauerstoff versorgt, erleidet erste Schäden. In dem Haus, vor dem der Mann zusammengebrochen ist, wohnt eine Feuerwehrfrau, die bereits kurz nach dem Notruf hätte helfen können - wenn sie es denn mitgekriegt hätte.

Um genau in solchen Situationen die Lücke zwischen dem Notruf und dem Eintreffen des Rettungswagen zu überbrücken, setzt der Landkreis Gießen nun auf die App "Katretter".

Landrätin Anita Schneider stellte zusammen mit dem ärztlichen Leiter Rettungsdienst Dr. Simon Little und Kreisbrandinspektor Mario Binsch die neue App vor. "Mehr als 50 000 Menschen erleiden jedes Jahr in Deutschland einen Kreislaufstillstand. Nur etwa zehn Prozent überleben solch einen Notfall", nannte Schneider Zahlen. Da bereits nach kurzer Zeit ohne Kreislauf das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, kommt es schnell zu bleibenden Schäden. Die Chancen, ohne Beeinträchtigungen zu überleben, steigen, je schneller mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung begonnen wird.

"Wir wollen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Erste Hilfe geleistet wird", sagte Little. Die Rettungsdienste im Landkreis hätten pro Jahr zwischen 200 und 230 Einsätze mit Reanimation. Da jedoch nur selten jemand direkt vor der Rettungswache zusammenbricht, geht es darum, die Zeit zwischen dem Notruf und dem Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken.

Genau da setzt die App "Katretter" an: In dieser haben sich Menschen registriert, die in der Lage sind, Erste Hilfe zu leisten. Wer mitmachen möchte, muss die Teilnahme an einem neunstündigen Erste-Hilfe-Kurs in den vergangenen zwölf Monaten nachweisen. Der Landkreis finanziert übrigens die Kurse für alle, die mitmachen wollen, denen aber dieser Nachweis fehlt.

Auch eine Ausbildung bis hin zum Sanitätshelfer ist auf Wunsch möglich. Für Ärzte oder medizinisches Fachpersonal entfällt diese Nachweispflicht.

Bricht nun wie im eingangs erwähnten Beispiel der Mann bewusstlos zusammen, löst die Rettungsleitstelle neben dem Alarm für den Rettungsdienst auch die Katretter-App aus: Die drei registrierten Ersthelfer, die am nächsten an der Einsatzstelle sind, erhalten eine Nachricht auf ihr Smartphone. Sie haben 30 Sekunden Zeit, den Einsatz anzunehmen - ansonsten alarmiert das System automatisch die nächstgelegenen Retter.

"Erst wenn sie den Einsatz übernehmen, zeigt ihnen das Handy eine Wegbeschreibung dorthin, wo sie gebraucht werden", erklärte Schneider. Zu jedem Einsatz werden je zwei Ersthelfer alarmiert. Sie leisten bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes Erste Hilfe.

Wer sich bei der App registriert, muss deswegen nicht befürchten, rund um die Uhr helfen zu müssen: Bei Krankheit, Urlaub oder Konzertabend kann man den Status auf "nicht einsatzbereit" schalten. "Ich muss nicht 24 Stunden zur Verfügung stehen", sagte Schneider.

Die Kosten für die App sind überschaubar: Die Anschaffung kostete 3000 Euro, 1500 Euro kommen jährlich für die Pflege des Systems hinzu. Für Fortbildungen für Ersthelfer habe man im Kreishaushalt 21 000 Euro eingeplant.

Der Landkreis Gießen nimmt mit der App eine Vorreiterrolle ein: Nach Berlin und Bielefeld ist man der dritte Kreis, der auf "Katretter" setzt. Zwar gebe es auch andere Anwendungen. Jedoch sei die App mit der schon weitverbreiteten "HessenWarn" kompatibel, sodass man auf Synergieeffekte setze. Auch habe man die Anmeldung bewusst nicht nur auf "Blaulicht"-Leute - etwa Feuerwehrkräfte oder Rettungsdienstler - beschränkt. Zum einen habe man aufgrund der Unikliniken und der Asklepios-Klinik Lich viel ortsansässiges medizinisches Fachpersonal, das sich hier engagieren könnte. Zum anderen wolle man auch für die Erste Hilfe werben. "Unser Ziel sind 1000 Erstretter", sagte die Landrätin, die selbst auch mitmachen will.

Dass es so eine App braucht, macht Kreisbrandinspektor Binsch Sorgen: "Es ist schade, dass wir ein System anschaffen müssen, damit geholfen wird, wenn jemand auf dem Seltersweg umfällt."

Die App ist im Appstore erhältlich, dort nach Katretter suchen. Ansprechpartner für die Anmeldung und weitere Fragen unter Telefon 06 41/93 90-15 68 oder per E-Mail an katreter@lkgi.de.

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