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Sandra Maischberger

„Maischberger: Ärzte klagen an“

Maischberger: Der Patient muss sich selbst schützen

Maischberger startet aus dem Sommer mit einer erschreckenden Diagnose des deutschen Krankenhaus-Systems – und vielen Ärzten mit unterschiedlichen Behandlungs-Vorschlägen.

Das Sommer-Experiment „Maischberger. Die Woche“ ist vorbei, und es scheint erstmal keine Spuren hinterlassen zu haben. Keine Publikumsbefragung, kein humoriges Kommentar-Panel, keine Tiefen-Interviews, keine hektischen Themenwechsel. Sandra Maischberger und ihre Redaktion sind zurück bei der alten Formel: 75 Minuten, ein Thema, eine Gästegruppe, keine Sperenzchen. Für die Meister-Interviewerin heißt das erneut eine Degradierung zu einer quasi-Schiedsrichterin; dafür hat man am Ende der Sendung tatsächlich wieder das Gefühl, ein Thema halbwegs durchschaut zu haben.

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Zugegebenermaßen war es eine Zweit-Verarbeitung: Der „Stern“-Wissenschaftsredakteur Bernhard Albrecht durfte das Titelthema der letzten Woche, das er selbst geschrieben hatte, nochmal im Fernsehen vorstellen und mit entsprechenden Gästen diskutieren. Aber wenn ein Themenfeld interessant ist, ist es eher egal, wo es herkommt oder wessen ursprüngliche Rechercheleistung es war. Und in einer erstaunlich sachlichen und zielführenden Diskussion stellte sich schnell heraus, dass dieses Themenfeld in der Tat interessant ist.

Interessenkonflikt bei den Krankenhäusern

Und so saß also auf der einen Seite Albrecht, mit einer gut recherchierten und von 200 Ärzten quasi unterzeichneten Bestandsaufnahme, die da besagte: Die Krankenhäuser haben einen Interessenskonflikt zwischen Patientenwohl und finanziellen Anreizen, und allzu oft entscheiden sie sich, freiwillig oder unter Druck, für letzteres. Die Beweislast ist erdrückend: Die durch die Pauschalabrechnung besonders lukrativen Operationen am Knie und Rücken sind in den letzten 10 Jahren um 50 bzw. 70 Prozent gestiegen – weder die Überalterung noch der medizinische Fortschritt und schon gar nicht der internationalen Vergleich können diese Explosion erklären. Aber legen deutsche Ärzte wirklich Patienten unters Messer, obwohl das gar nicht nötig wäre?

Die undankbare Aufgabe, dies zu bestreiten, hatte Gerald Gaß, der Präsident der Deutsche Krankenhausgesellschaft, der erstmal zu beschwichtigen versuchte: Das ist nicht flächendeckend, das sind nur einzelne schwarze Schafe. Schwierig ist diese Argumentation nur, wenn man einerseits dieser Zeugen- und Datenflut gegenübersitzt – und wenn neben einem eine ehemalige Chefärztin namens Maike Manz sitzt, die genau aus diesem Grund ihren Job hingeschmissen hat. Gaß zog sich denn auch zunehmend auf eine tiefere Position zurück: Er bestritt den Konflikt zwischen Geld und Patientenwohl gar nicht mehr, betonte aber stets, dass sich die meisten Ärzte davon nicht vom rechten Pfad abbringen lassen. Das warf die Frage nach Wunschdenken auf – aber vor allem danach, warum dieser Konflikt überhaupt in den Ärzteköpfen existieren darf.

Eckart von Hirschhausen: Zuständig für die knackigen Formulierungen

Manz war das moralische und faktische Zentrum der Diskussion, die direkte Verbindung zur buchstäblichen Praxis. Wann immer eine Seite gewagte Thesen aufstellte, wendeten sich alle Blicke zu ihr: War das bei Ihnen auch so? Dass sie trotz ihrer leidenschaftlichen Vorgeschichte so sachlich und überlegt blieb, war ein großes Verdienst dieser Sendung. Ihre Beschreibung der internen Rechtfertigung von Kliniken, dass jeder Arzt sein Gehalt in bezahlbaren Patientenleistungen ständig wieder reinbringen muss, weil er sonst die Finanzen seines Krankenhauses und somit direkt seine eigene Stelle gefährdet, war sehr eindrücklich.

Der ewig umtriebige Eckart von Hirschhausen war wohl hauptsächlich anwesend, um die Thesen des gesundheitlich spürbar angeschlagenen Albrecht (dessen Krankheit eine gewisse thematische Ironie hatte) für ihn etwas knackiger zu formulieren: „Der Arzt darf nicht Verkäufer einer Leistung sein, sondern muss Anwalt des Patienten sein.“ Ansonsten brachte er gerne sein eigenes Steckenpferd und offensichtliches Allheilmittel der Arzt-Patienten-Kommunikation immer wieder ins Spiel und durfte auch brav auf sein kommendes Doku-Spezial „Hirschhausen im Hospiz“ hinweisen sowie für seinen Klimastreik werben.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion Karin Maag zog sich eher auf eine pragmatische Entscheider-Position zurück. Wann immer konkreter Konsens über die nächsten Schritte herrschte, wandten sich die Beteiligten an sie als Vertreter der Politik, die diese neuen Regeln doch bitte umsetzen möge. Maag zeigte sich dabei durchaus ausgewogen, verteidigte zwar die Tatsache, dass Krankenhäuser eben auch wirtschaftlich denken müssten, sah aber die Probleme des Vergütungssystem mit festen Fallpauschalen auch ein. Und in Sachen „zu viele Ops“ war sie eindeutig: Ein jährlicher dreiprozentiger Anstieg kann nicht normal oder gesund sein.

Und alle sind sich einig

Doch der stärkste Appell ging weniger an die Politik als an die Patienten: Die Deutschen sind zu demütig vor den Halbgöttern in weiß. Politik und Verbände können eine krankenkassenbezahlte Zweitmeinung anbieten, eine Weißliste an Prozeduren und allerlei weitere Informationsmöglichkeiten – aber nutzen muss der Patient diese schon selbst. Die Tage der selbstgewählten Unmündigkeit, in denen man einfach alles macht, was der Arzt verordnet, scheinen also auch hierzulande bald zu Ende zu gehen.

Und so waren sich über die Missstände oft alle einig. Und auch einige Verbesserungsmaßnahmen waren unumstritten: Die kleinen Krankenhäuser gerade in ländlichen Gegenden, die derzeit allesamt Verluste machen, sollten nicht dem gleichen finanziellen Druck ausgesetzt werden, jährlich immer mehr Patienten zu versorgen, wie die Großstadt-Kliniken. Auch die Reduzierung der zu zahlreichen Allgemein-Krankenhäuser zugunsten von klar getrennten ambulanten Grundversorgungszentren auf dem Land und spezialisierten Kliniken mit klaren Fachbereichen scheint Konsens zu sein – das ist nur eine strukturelle Maßnahme, die eine Menge Geduld und vor allem Geld erfordert.

Am Schluss durfte noch die Krankenschwester Jana Langer, die mit einen Brandbrief an Gesundheitsminister Spahn und Kanzlerin Merkel Aufsehen erregt hatte, auf die Missstände der Pflege hinweisen, und bekam ebenfalls von allen Seiten Zustimmung: Zu wenige Stellen, zu schlechte Bezahlung, zu katastrophale Zustände. Aber auch hier scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Die Forderungen aus der Praxis sind zumindest schon in der Politik angekommen und sollen auf den Weg gebracht werden – man kann nur hoffen, dass die zuständigen Gremien genauso einsichtig und zielgerichtet arbeiten wie die Talk-Gäste heute, dann könnte vielleicht tatsächlich mal etwas vorangehen.

Von D.J. Frederiksson

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