Sandra Maischberger talkt mit ihren Gästen.
+
Sandra Maischberger talkt mit ihren Gästen.

„Maischberger. Die Woche“, ARD

„Maischberger“ (ARD) - „Stern-Kolumnist“ mit Stammtisch-Parolen und absurden Übertreibungen

  • vonD.J. Frederiksson
    schließen

Der Maischberger-Talk in der ARD versucht, zu anderen Themen überzuleiten, gibt aber vor allem eine düstere Aussicht auf das künftige Niveau des Corona-Diskurses.

  • Im „Maischberger“-Talk in der ARD* ging es nicht nur um die Corona-Krise*.
  • Gäste waren Friedrich Merz, Katja Riemann, Reinhold Beckmann, Christina Berndt und Hans-Ulrich Jörges.
  • „Stern“-Kolumnist Jörges entpuppt sich als Aluhut-Träger.

Berlin - Im Internet gibt es viele nützliche Videos. Man kann sich dort Yoga-Anleitungen anschauen, Instrumente lernen oder sich die Quantenmechanik erklären lassen. Eine Video-Reihe ist derzeit aber besonders wichtig: In kurzen Erklärvideos werden da Beispiele für argumentative Fehlleistungen gegeben, wie Strohmann-Argumente, zirkuläre Logik oder selbsterfüllende Voreingenommenheit. Man kann diese kurzen Filmchen Mit-Diskutanten schicken, wenn man Ihnen erklären möchte, warum ihre Argumentation verwirrt, unlogisch und nicht valide ist.

„Maischberger“-Talk in der ARD: „Stern“-Kolumnist Jörges führt eigene Unwissenheit als Argument ins Feld

Dem „Stern“-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges möchte man gleich eine ganze Reihe dieser Videos zukommen lassen. Seine argumentativen Fehlleistungen reichten in der aktuellen „Maischberger“-Sendung von absurden Übertreibungen am Thema vorbei (junge Menschen können sich nicht mehr verlieben wegen der Corona-Auflagen?) über vagen Interpretationen, die als Fakten hingestellt wurden („so verstehe ich das zumindest“) und Selbstwiderspruch („Diese Maßnahmen kann man eh nicht kontrollieren“ - „erst gestern wurden wir von Polizeidrohnen und Polizei-Mannschaftswagen beobachtet“) bis zu unbewiesenen Stammtisch-Behauptungen (Fußball als „Impfung gegen die kollektive Depression“).

„Maischberger“ (ARD) - „Stern-Kolumnist“ begeht gleiche Dummheit wie Corona-Demonstrierende

Und wenn man schon dabei ist, könnte man dem armen Mann auch gleich noch ein paar Corona-Informationsvideos zukommen lassen? Denn Jörges begeht die gleiche Dummheit wie viele derzeit Corona-Demonstrierende und führt die eigene Unwissenheit als Argument ins Feld: Sein Kenntnisstand in Sache Strategie und Planung gegen Coronavirus scheint im März stehen geblieben. „Und jetzt haben sich die Ziele geändert – wann soll das denn aufhören?“ Kann dem Mann bitte mal einer ein MaiLab-Video zuschicken – und ihm außerdem sagen, dass er nicht so laut sein soll, bevor er sich kundig gemacht hat? Bloß weil er die Schritte zwei, drei und vier noch nicht kapiert hat, muss er sich nicht so laut darüber echauffieren, dass Schritt eins doch längst vorbei ist.

„Maischberger“-Talk in der ARD: Reinhold Beckmann salbadert von der „Sehnsucht nach Leben“

Wie immer in Sandra Maischbergers kuriosem „Die Woche“-Format ist es das Panel aus drei Journalisten und Kommentatoren, das die Qualität der Sendung bestimmt – treffen hier drei unterhaltsame Schnelldenker mit guter Chemie zusammen, kommen wirklich faszinierende Momente dabei heraus. Aber diesmal hat der Moderator Reinhold Beckmann nichts weiter zu bieten, als in seinem üblichen Sportsakko-Charme von der überwältigenden „Sehnsucht nach Leben“ zu salbadern. 

Und der Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt fällt die undankbare Aufgabe zu, dem offensichtlichen Aluhut-Träger Jörges möglichst ruhig zu erklären, was Aerosole und was Massenansteckungen sind, und dass nein, die Pandemie noch nicht vorbei ist, und nein, dass nicht „jeder einfach selbst verantwortlich ist, sich nicht anzustecken“ - ein Konzept, das Jörges auch nach mehrfacher Wiederholung nicht kapiert.

„Maischberger“-Talk in der ARD: Aluhut-Träger Jörges packt Verschwörungstheorie heraus

Stattdessen polterte der Mann lieber wie einer, der zehn Wochen lang seine absurden Meinungen zurückgehalten hat. Sogar die mehrfach widerlegte Verschwörungstheorie, dass die Kurve längst vor den Kontaktsperren* abgesunken ist und alles somit ganz unnötig war, holt er freudig noch mal heraus – auch dazu könnte er sich ruhig mal ein paar aufklärende Videos anschauen. 

Und schließlich begibt er sich ganz tief hinein ins „Bill Gates will uns das Papiergeld verbieten und uns alle zwangsimpfen“-Terrain, als er seinen „Eindruck“ mitteilt, dass die Maskenpflicht* nur eine willkürlich verordnete „Erinnerung“ darstellt, „dass es noch diese Krankheit gibt“. Da fragt man sich eigentlich nur noch, wie viele echte Journalisten krank waren, dass Maischberger diesen Clown einladen musste. Dass Beckmann in einem absurden Schlichtungsversuch ernsthaft vorschlägt, die Bevölkerung von Thüringen als Versuchslabor quasi zu opfern, um die Diskussion zu entscheiden, ist da nur das Sahnehäubchen.

„Maischberger“-Talk in der ARD: Auch Friedrich Merz plumpst ganz tief in eine Fehlargumentation

Ernsthafte Gäste waren auch da? Tatsächlich. Friedrich Merz hält kämpferisch an seiner Kandidatur für den CDU-Vorsitz fest und hofft, dass sich bis zur Wahl im Dezember das Thema verändert haben wird. Das ist nicht sehr aussichtsreich, aber Merz gibt trotzdem eine zumindest geordnete Figur ab. 

Er hat eine nüchterne, aber glimpfliche Corona-Geschichte zu erzählen, kann da seinen Pragmatismus unter Beweis stellen und auch durchaus kompetent den Wirtschaftsspezialisten heraushängen lassen, der auf größere Visionen bei den Staatshilfen in Sachen Digitalisierung und Elektromobilität drängt. 

Nur leider plumpst auch er ganz tief in eine Fehlargumentation, als er ein berüchtigtes „slippery slope“-Argument herausholt („Aber ein bisschen Restrisiko ist immer, sonst kann man ja gar nicht mehr aus dem Haus gehen“). Eine Runde YouTube-Videos für Herrn Merz, bitte.

„Maischberger“-Talk in der ARD: Katja Riemann nutzt ihre kurze Zeit, um sich für Schwächere einzusetzen

Anschließend durfte die Schauspielerin Katja Riemann von den unsäglichen Bedingungen in den griechischen Flüchtlingslagern berichten und noch einmal den massiven Bruch von Asyl-, Völker-, Menschen- und EU-Recht anprangern, den wir Europäer uns da so zynisch an unserer Außengrenze leisten. Dieses Anliegen ist umso ehrenhafter, da nur Minuten vorher ein kurzer Streit über die skandalös ausbleibende Corona-Hilfe für Künstler und Soloselbständige ausbricht (und auch da posaunt Herr Jörges wieder uninformierte Fehlmeinungen in den Raum).

Aber Riemann nutzt ihre kurze Zeit lieber, um sich für Schwächere und Vernachlässigte einzusetzen. Die Chance, dass dieses Land in seiner Verwirrung und Empörung gerade wirklich zuhört und ausgerechnet jetzt seine notorische Verdrängung in dieser Frage ablegt, ist nicht hoch. Aber Frau Riemann gebührt höchster Respekt, dass sie es wenigstens versucht.

Von D.J. Frederiksson

Maybrit Illner fragte im ZDF-Talk am 28. Mai nach der Lieblingstätigkeit der Deutschen: „Reise ins Ungewisse – wie gefährlich wird der Urlaub?“

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Die USA sind nach dem Tod von George Floyd in Aufruhr. Bei Markus Lanz (ZDF) versuchen Amerikakenner die doppelte Krise des Landes zu analysieren. Die ARD-Talkshow von Sandra Maischberger* vom 12.8.2020 besteht aus drei Teilen: Auf die Olaf-Scholz-Show folgen eine stammtischartige Corona-Diskussion und das Thema „Wir schaffen das!“ Gäste bei „Maischberger. Die Woche“ versprechen hitzige Diskussionen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare