Anne Will, ARD

Corona-Proteste bei Anne Will: Es sind nicht nur Volltrottel, die auf die Straße gehen

  • Daland Segler
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Die Corona-Proteste beschäftigen auch die Gäste bei Anne Will (ARD). Dabei übertrumpfen sich die Anwesenden gegenseitig im „Nicht-Pauschalisieren“. Die TV-Kritik. 

  • In der Talkrunde bei Anne Will* am Sonntag im Ersten (ARD*) sollte es um die Frage nach den Grundrechten trotz Corona-Beschränkungen gehen
  • Tatsächlich ging es aber darum, wer derzeit an den bundesweiten Corona-Protesten teilnimmt
  • Aus einer Diskussion über Grundrechte wird diese Sendung von Anne Will ein gegenseitiges Profilieren darüber, wen man nicht in die „Nazi-Ecke“ stellen würde

Es gibt ja dieses neue Lieblingswort in der Debatte um Corona* und die Folgen: „Präventions-Paradox“. Und wir erleben derzeit fast täglich, was es bedeutet: Die Bundesregierung hat die Einschränkungen des öffentlichen Lebens schrittweise aufgehoben, und seither versammeln sich immer mehr Menschen um zu demonstrieren – auch mit der Behauptung: Es gebe ja gar keine Corona-Krise. „Ich kenne keinen Menschen, der Corona hat“, sagte jüngst einer in die Kamera – eine wirklich schlagende Beweisführung. Aber dank der bei den Demonstrationen allzeit präsenten Kameras und Mikrofone darf eben jeder Idiot seine Dummheit in die Öffentlichkeit blasen. 

Doch es sind nicht nur Volltrottel, die protestieren. Darauf wiesen unisono alle Gäste bei Anne Wills Sendung hin: Corona-Einschränkungen – waren und sind die Grundrechtseingriffe verhältnismäßig? lautete das Thema, das elegant umschifft wurde, denn die Eingriffe werden ja von Woche zu Woche weniger – die Proteste dagegen in gleichem Maße lauter und verbreiteter, während laut ZDF Politbarometer zwei Drittel der Deutschen finden, die Politik habe richtig gehandelt. 

Die Protestkulisse der Rechtsextremen - Diskussion über Corona-Proteste bei Anne Will (ARD)

Den Demonstranten und dem Umgang mit dieser äußerst heterogenen Masse widmeten sich dann die Debatte vor allem. Investigativ-Reporter Olaf Sundermeyer, der sich seit Jahren mit Rechtsextremismus und Terrorismus beschäftigt, wies darauf hin, dass an der Spitze der Protestierenden zum Teil die gleichen Rechtsextremen* stünden wie seinerzeit bei der Krise um die Geflüchteten. Diese Leute versuchten, eine Protestkulisse aufzubauen, wobei ihre Aktionen medial verstärkt würden. Dafür gab der erste Beitrag im danach gesendeten Kulturmagazin „titel thesen temperamente“ dann gleich ein Beispiel, indem er durchgeknallte Verschwörungs-Schwurbler wie Attila Hildmann und Ken Jebsen zu Wort kommen ließ – absolut unnötig. 

Aber der Einspieler bei Will zeigte eben auch einen Reisekaufmann, der von seiner vernichteten Existenz sprach. Sahra Wagenknecht, bis 2019 Fraktionschefin der Linken im Bundestag, bestätigte: Es seien bei den Demonstrationen viele mit Existenzängsten, etwa aus der Gastronomie; der Staat habe sie in Stich gelassen: „Die Politik hat viel falsch gemacht“, so die Oppositionspolitikerin. Sundermeyer bestätigte zwar, dass es einigen um ihre Existenz gehe, wandte aber ein, Kellner oder Taxifahrer gingen nicht demonstrieren. 

Runde bei Anne Will (ARD) über die Corona-Proteste: Je höher die Unsicherheit desto weniger Akzeptanz?

Obwohl Sundermeyer differenziert hatte, meinte Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen, vor „übertriebener Pauschalisierung“ warnen zu müssen. Es gebe laut einer neuen Studie ein „Milieu des Aufbegehrens“, das etwa 20 Prozent der Deutschen umfasse. Pörksen variierte das „Präventions-Paradox“, indem er vom „Unverhältnismäßigkeits-Paradox“ sprach. Das erfordere einen differenzierten Diskurs, da es eine neue mediale Situation für die Aufklärung der BürgerInnen gebe. 

Dem schloss sich später Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) an, Bundesjustizministerin a.D. Wenn die Unsicherheit wachse, dann drohe die Akzeptanz zu schwinden. Es sei von der Politik eine andere Form des Miterlebens gefragt, wobei sei auf das emotionale Moment abhob. Pörksen forderte in diesem Sinne einen „verantwortungsvollen Umgang“ mit der Unsicherheit und lobte Angela Merkel für deren Rede vom 18. März. Zwar gebe sich die Politik Mühe, aber sie lasse eine „Zukunfts-Lücke“. Wie erreiche man die, die sich in „mediale Parallelwelten“ zurückgezogen haben, fragte er. 

Zwischen Kretschmer und Lauterbach: Wie mit Corona-Demonstranten umgehen? Der Talk bei Anne Will (ARD)

Als positives Beispiel für den Umgang eines Politikers mit der Bevölkerung während Corona nannte Sundermeyer den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, der per Fahrrad zur Demo gefahren sei und dort mit Protestierern gesprochen habe. Karl Lauterbach (SPD), Gesundheitsökonom und Epidemiologe und deshalb in gefühlt jeder zweiten Talkshow zu Gast, wollte da nicht mitgehen: Er würde sich nicht auf so eine Demonstration begeben, denn da sei kein Gespräch möglich – vor allem wegen der Maske (auf die Kretschmer verzichtet hatte). 

Eines sei wichtig, so Wagenknecht, man dürfe nicht wieder die Menschen pauschal in die Nazi-Ecke schieben. Das sei 2015 ein Fehler gewesen. Entscheidend werde sein, wie man mit den wirtschaftlichen Fragen umgehe. So kritisierte sie den Zank um die Grundrente, während man der Lufthansa Staatshilfe in Milliardenhöhe in Aussicht stelle. Lauterbach nutzte den Hinweis, indem er betonte, die Bekämpfung der Pandemie habe der Wirtschaft mehr geholfen als alles andere. „Was dem Virus schadet, nützt der Wirtschaft.“ 

Anne Will, ARD: „Waren und sind die Grundrechtseingriffe verhältnismäßig?“ von Sonntag, 21.45 Uhr.

Von Daland Segler

Die wirtschaftliche Zukunft nach der Corona-Krise könnte verheerend sein. TV-InvestorFrank Thelen fordert bei Markus Lanz (ZDF) von Politik und Wirtschaft mehr Mut zur Innovation.

Das Geldausgeben war das große Thema bei Anne Will: „Milliarden gegen die Krise – wird das Geld richtig investiert?“

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Rubriklistenbild: © Screenshot ARD-Mediathek

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