In den Rummel um Förster Peter Wohlleben mischt sich auch Kritik. FOTO: DPA
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In den Rummel um Förster Peter Wohlleben mischt sich auch Kritik. FOTO: DPA

Gefeierte Satire

Baumversteher auf der Leinwand

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"Die Wütenden" ist ein Thriller über eine Pariser Vorstadt. In der autobiografisch geprägten Milieustudie zeigt der französische Regisseur Ladj Ly, dass Frankreichs Vororte mehr denn je Brutstätten der Gewalt sind.

Ein Förster in der Eifel fängt an aufzuschreiben, was er Waldbesuchern erzählt. Buch um Buch verfasst er. Peter Wohllebens 16. Werk wird schließlich ein in viele Sprachen übersetzter Weltbestseller: "Das geheime Leben der Bäume". Heute kommt es als gleichnamiger Film in die Kinos.

Der 55-Jährige, baumlang und bärtig, hat inzwischen sechs weitere Bücher veröffentlicht. Viermal im Jahr erscheint seine Zeitschrift "Wohllebens Welt". Bei einem Waldgipfel der Grünen hat er gesprochen, bei der EU-Kommission in Brüssel ist er Anfang Februar eingeladen. In den Rummel mischt sich aber auch Kritik: Wohlleben vereinfache und verzerre die Wirklichkeit. Er weist diese Vorwürfe zurück.

Stürme, Hitze und Dürre infolge der Klimakrise schaden dem Wald und bringen ihn in die Schlagzeilen. Das könnte das Interesse an Wohllebens Erklärungen weiter anheizen. Laut Hans-Georg von der Marwitz, dem Präsidenten der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände trifft er "den Nerv einer Zeit, in der viele Menschen immer weniger Zugang zur Natur haben. In Zeiten der Überforderung durch Digitalisierung und durch rasante technologische Veränderungen verstärkt er die Sehnsucht nach einer heilen Welt".

Wohllebens 96-minütiger Kinofilm entführt die Zuschauer hautnah in die Natur im In- und Ausland. Unter der Regie von Jörg Adolph ("Elternschule") begleitet die Kamera Wohlleben eineinhalb Jahre lang. Er spricht in Talkshows und auf der Frankfurter Buchmesse, reist zu einem der weltweit ältesten Bäume nach Schweden sowie nach Kanada, wo Indianer gegen die Abholzung eines Waldes protestieren. Wohlleben, der gern lacht, nennt die Dreharbeiten "eine verrückte Erfahrung". Und sagt: "Es gab auch drei andere große Filmunternehmen, die mein Buch ›Das geheime Leben der Bäume‹ verfilmen wollten."

Der 1,98-Meter-Mann mit Brille wollte nach eigenen Worten schon als Sechsjähriger Naturschützer werden. Komplexe Zusammenhänge schildert er anschaulich in vermenschlichter Form. So mahnt er in seinem Buch "Das geheime Leben der Bäume": "Wer weiß, dass Bäume Schmerz empfinden und ein Gedächtnis haben und dass Baumeltern mit ihren Kindern zusammenleben, der kann sie nicht mehr so einfach fällen und mit Großmaschinen zwischen ihnen herumwüten." dpa

Mit Peter Wohlleben in den Wald geht es in Gießen (Kinocenter und Kinopolis), Grünberg, Lich, Marburg, Nidda und Nidderau.

Der zehnjährige Johannes, ein strammer Nazi-Anhänger, hat den ungeliebten Spitznamen "Jojo Rabbit" weg. Im Trainingscamp der Hitlerjugend war es für den Blondschopf nicht gut gelaufen. Erst versagt er bei der Mutprobe, einem Häschen das Genick zu brechen. Dann noch Pech mit einer Handgranate, das Gesicht vernarbt, das Selbstbewusstsein im Keller.

Der als Angsthase verlachte Junge baut daher auf einen imaginären Freund: Adolf Hitler. Eine selbstgefällige Witzfigur mit NS-Uniform, Schnurrbärtchen und straff zur Seite gekämmten Haaren. Der "Freund" taucht in Jojos Leben ständig auf, gibt Ratschläge und zieht über Juden her.

Nur er und die Zuschauer sehen ihn. Seiner alleinerziehenden Mutter Rosie (Scarlett Johansson) und den Freunden verheimlicht er den Freund. Auch die Gruppenführerin Fräulein Rahm (Rebel Wilson) und Hauptmann Klenzendorf (Sam Rockwell) ahnen nichts von der sonderbaren Freundschaft. "Kinder, verbrennen wir ein paar Bücher", feuern sie den Nachwuchs im Zeltlager der Hitlerjugend an.

Es ist tatsächlich zum Lachen, wenn Hitler wild herumpoltert und dem Jungen seine Ideologien einimpft. Anfangs glaubt Jojo (Roman Griffin Davis) fest an das, was ihm die imaginäre Vaterfigur erzählt. Doch nach und nach wandelt sich sein Denken, ausgerechnet durch die Begegnung mit einer jungen Jüdin.

Seine Mutter hat das Mädchen Elsa in einer Dachkammer im Haus versteckt. Langsam gewinnt diese sein Vertrauen. "Sie scheint kein schlechter Mensch zu sein", erzählt Jojo Hitler zögerlich. Der rastet sofort aus.

Die Nazi-Satire "Jojo Rabbit" von Taika Waititi ist eine schräge, aber gelungene Gratwanderung. Witz hat der 1975 geborene neuseeländische Regisseur und Schauspieler schon oft bewiesen, etwa mit der Vampirgroteske "Fünf Zimmer Küche Sarg" oder mit der durchgeknallten Göttersaga "Thor: Tag der Entscheidung".

Doch was bewegt Waititi zu satirischen Seitenhieben auf Nazi-Ideologien? Sein Großvater habe im Zweiten Weltkrieg gegen die Nationalsozialisten gekämpft, erklärt Waititi. Als Abkömmling der Maori-Ureinwohner und als Jude habe er selbst Erfahrung mit Vorurteilen. "Gerade in diesen Zeiten müssen wir unseren Kindern Toleranz beibringen und uns ständig vor Augen führen, dass in dieser Welt kein Platz für Hass ist", sagte er. dpa

"Jojo Rabbit" ist zu sehen in Gießen (Kinocenter) und Marburg,

Im Januar vor zwei Jahren hat Regisseur Tim Trageser den Kinder- beziehungsweise Jugendfilm "Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft" in die Kinos gebracht. Das turbulente, mit Schauspielerinnen wie Anja Kling und einer wunderbaren Andrea Sawatzki besetzte Stück rund um ein auf Miniaturgröße geschrumpftes Elternpaar und einen völlig überforderten Sohn, wurde 2018 unter anderem beim Kinder-Medienfestival "Goldener Spatz" mit Auszeichnungen bedacht.

Nun bringt der Filmemacher, der seine Kinolaufbahn vor 25 Jahren mit einem Kurzfilm ("Ein kurzer beschissener Abend") startete, ein weiteres Jugendabenteuer in die Kinos: Basierend auf der bekannten Jugendroman- und Hörbuch-Reihe "Die Wolf-Gäng" von Autor Wolfgang Hohlbein hat Tim Trageser ein Drehbuch von Marc Hillefeld verfilmt.

"Willkommen in Crailsfelden, wo seit 700 Jahren der Sitz der Penner-Akademie ist." Eine der "berühmtesten", so heißt es im Trailer zu diesem 96-Minüter, "magischen Schulen der Welt". Mit seinem Vater Barnabas hat es den 13 Jahre alten Vampir Vlad in eben dieses Crailsfelden verschlagen - einen verwunschenen Ort voller magischer Wesen, darunter Zwerge und Trolle. Kaum angekommen an der Penner-Akademie, schon passiert Vlad etwas ziemlich Unangenehmes: Beim Anblick einer, nicht allzu großen Wunde muss er sich übergeben - er kann kein Blut sehen. Doch Vlad ist nicht allein mit dieser kleinen Anomalie. Da wäre noch Faye, eine Fee, die von Flugangst geplagt wird. Sowie Wolf, ein Werwolf mit Tierhaarallergie.

Zusammen mit seinen neuen (Leidens-)Genossen aber kommt Vlad bald einer seltsamen, den Bürgermeister des Ortes betreffenden Verschwörung auf die Spur.

Mit dabei sind Darsteller wie Aaron Kissiov ("Liliane Susewind - Ein tierisches Abenteuer"), Rick Kavanian, Christian Berkel, Axel Stein sowie Sonja Gerhardt.

Auch Hessen ist in dem Film prominent vertreten: Schloss Braunfels, Büdingen, Marburg und Lauterbach dienten als Kulisse für den Fantasy-Streifen. Das Team war 2018 für insgesamt 40 Drehtage vor Ort.

Hauptdrehort war Alsfeld

Mit 21 Tagen war die Stadt Alsfeld sogar Hauptdrehort. Im fertigen Film kommt der Alsfelder Marktplatz beispielsweise groß raus: Er wird zum Zentrum der magischen Kleinstadt Crailsfelden und zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung.

In Lauterbach wurde in der ehemaligen Villa Wegener gedreht. Für einige Innenaufnahmen aus der Akademie war die Aula der Alten Universität in Marburg und Schloss Braunfelds Schauplatz. Das Jerusalemer Tor, das Wahrzeichen der Stadt Büdingen, wird im Film zum Tor nach Crailsfelden. dpa

Der Fantasy-Film läuft in Alsfeld, Gießen (Kinopolis), Marburg, Nidda, Nidderau und Wetzlar.

Mehr als 10 000 zerstörte Autos, brennende Gebäude, 130 Verletzte, mehrere Tote und Tausende von Festnahmen: Im Herbst des Jahres 2005 kam es in den Vororten von Paris zu den schlimmsten Unruhen in Frankreichs jüngster Geschichte.

Alltägliche Polizeigewalt

Auch in Montfermeil brannten Autos. Dass sich dort an der explosiven Situation seitdem nichts geändert hat, zeigt der Franzose Ladj Ly in "Die Wütenden - Les Misérables".

Mit dem Film ist dem Regisseur malischen Ursprungs ein kraftvolles Drama gelungen, das den von Misstrauen und Hass geprägten Alltag in Montfermeil spannend und ohne Schwarz-Weiß-Malerei von der Binnenperspektive heraus illustriert. Denn Ly ist in dem Vorort im Osten der Metropole aufgewachsen. Für seinen Debütfilm gewann Ly 2019 beim Festival Cannes den Preis der Jury. Nun hofft Frankreich auf einen Auslands-Oscar Anfang Februar.

Mit dem Thema hat sich Ly schon viel früher beschäftigt. Während der Unruhen von 2005 drehte er mit dem französischen Künstlerkollektiv Kourtrajmé den Dokumentarfilm "365 Tage in Clichy-Montfermeil", drei Jahre später "Go Fast Connexion", eine Dokufiktion über Drogenhandel in den Vororten.

Nun hat er aus dem Stoff einen Spielfilm gemacht: Stéphane hat sich nach Paris in die Anti-Verbrechens-Einheit in Montfermeil versetzen lassen. Als Kollegen bekommt er Chris und Gwada an die Seite gestellt, die beiden kennen das Areal schon seit Jahren.

Was der Einsatz in dem Vorort bedeutet, wird Stéphane schnell bewusst. Hier herrschen andere Gesetze. Diverse Clans haben sich das Viertel aufgeteilt und seine Kollegen haben ihre eigenen Methoden gefunden, mit denen sie sich an der Grenze zur Legalität Respekt verschaffen.

Immer wieder kommt es dabei zu Spannungen und Auseinandersetzungen. So auch, als sie wegen eines aus einem Zirkus gestohlenen Löwenjungens einen Jungen verhaften wollen. Doch diesmal wird ihr fragwürdiges Vorgehen von einem Jugendlichen mit einer Drohne gefilmt. Das Trio versucht alles, um an die Speicherkarte zu kommen. Die Situation eskaliert.

Erlebte Dinge

Der Titel "Les Misérables" (Die Elenden) ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Klassiker von Victor Hugo - ein Teil seines Sozialromans spielt in Montfermeil. Regisseur Ly zieht die Intensität und Kraft seines Dramas aus seinem halbdokumentarischen Charakter. Alles was in dem Film vorkomme, basiere auf erlebten Dingen, erklärte er. Die Ankunft des neuen Polizisten ebenso wie die Geschichte der Drohne.

Denn Ly filmt seit Jahren sein Viertel, vor allem die Polizeigewalt. So hatte Ly 2008 eher zufällig einen brutalen Polizeieinsatz gefilmt, aus dem die Geschichte zu "Die Wütenden" entstand.

Erstklassige Akteure

Glaubwürdigkeit erreicht der Film auch durch die Besetzung mit erstklassigen Schauspielern und Laiendarstellern aus Montfermeil. Lys Vorort-Wirklichkeit ist roh, gewalttätig und das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung extrem angespannt. Dennoch gibt es bei ihm weder Böse noch Gute. Darin liegt einer der größten Verdienste des Films. Zusammen mit seinen Koautoren Giordano Gederlini und Alexis Manenti zeigt Ly wie alle in ihrer Situation gefangen sind - auch die Polizisten, die, abgestumpft durch Hass und Gewalt, glauben, dass nur Gegengewalt die richtige Antwort ist.

Frankreichs Wütende empören sich in Lich (Traumstern), Gießen (Kinocenter) und Marburg.

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