05. April 2011, 09:20 Uhr

Förderkreis bewahrte Kirchen vor dem Abriss

Marburg (dapd). Die kleine Fachwerkkirche von Bürgeln ist der Stolz des Förderkreises Alte Kirchen. Vor 40 Jahren hat der Verein das Gotteshaus vor der Abrissbirne bewahrt.
05. April 2011, 09:20 Uhr
Die evangelische Fachwerkkirche in Bürgeln war Anlass für die Gründung des Förderkreises im Oktober 1973, erzählte Vorstandsmitglied und Historiker Angus Fowler. (Foto: dapd)

Die Denkmalpflege hatte dem Abbruch bereits zugestimmt. Heute zählt die dem Verein gehörende Dorfkirche mit der reich verzierten Kanzel zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes. Wandmalereien aus dem 17. Jahrhundert sind freigelegt, die Orgel wurde restauriert. Die Bürger kommen zu Konzerten und Ausstellungen.

»Die Kirche von Bürgeln war der Anlass für die Gründung des Förderkreises im Oktober 1973«, erzählt Vorstandsmitglied Angus Fowler. In einer Ausstellung, die gestern in der Alten Universität in Marburg eröffnet wurde, zieht der Verein Bilanz.

Rund 30 Kirchen hat der mehrfach ausgezeichnete Förderkreis in Nord- und Mittelhessen seitdem gerettet. »Er war der erste private Verein in Deutschland, der sich dieses Themas angenommen hat«, sagt der Präsident des hessischen Landesamtes für Denkmalpflege, Gerd Weiß. Er dürfte auch der »kirchenreichste Verein Deutschlands« sein, schätzt Fowler. Bis heute gehören der ehrenamtlichen Initiative drei Kirchen im Marburger Raum, für andere übernahm sie die Renovierungsträgerschaft.

»Fachwerk galt als altmodisch«

Das Engagement für die kleinen, eher schlichten Kapellen erklärt Fowler mit der puren Notwendigkeit. Anfang der 70er Jahre, als sich die Aktiven zusammenfanden, waren vielerorts neue Kirchen gebaut worden. Eine Wertschätzung für die aufgegebenen Bauwerke habe es damals nicht gegeben: »Fachwerk und Fachwerkkirchen galten als altmodisch. Man schämte sich der armen Vergangenheit.« Und so versank die Fachwerkkirche von Strothe bei Korbach in einer Staubwolke, wurde die Kirche von Arolsen-Kohlgrund abgerissen und in einem Freilichtmuseum wieder aufgebaut.

Im Förderkreis Alte Kirchen entdeckten auffallend viele Ausländer ihr Herz für die überwiegend protestantischen Gotteshäuser. Jean Chanel zum Beispiel, Gründungsmitglied des Förderkreises, hatten es die in seiner Heimat bei Lyon unbekannten Fachwerkkirchen besonders angetan. Einen »Blick für die Schätze der Region« brachte auch der schottische Historiker Angus Fowler mit, der bereits auf Erfahrungen mit Kirchenfreundeskreisen aus seiner Heimat zurückgreifen konnte.

Eine eher konfliktreiche, streitbare Beziehung verband den Verein in den ersten Jahren mit der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, die damals ihre zu klein gewordenen Gotteshäuser ausrangierte, um modernere Zweckbauten zu errichten. Sie haben uns als »weltfremde Spinner« bezeichnet, erinnert sich Fowler. Inzwischen ist der Kontakt zur Landeskirche gut. Sie hat den Wert der alten Bauwerke entdeckt. Finanzielle Unterstützung von den einstigen Besitzern erhielt der Förderkreis bei seinen Renovierungsarbeiten aber nie.

Käufer für Gotteshäuser gesucht

Vier Kirchen musste der Förderkreis für symbolische Geldbeträge selbst kaufen, um die Sanierung sicherzustellen: Die kaum 20 Quadratmeter große Kapelle in Bellnhausen südlich von Marburg war die erste, die wieder eingeweiht werden konnte. Dafür wurde der Verein mit einem europäischen Denkmalschutzpreis ausgezeichnet. In Niedereisenhausen im Marburger Hinterland und in Volpertshausen verhinderten die Aktiven eine Versetzung der Kirchen - beim mittelalterlichen Bruchsteinbau in Volpertshausen, der im Hessenpark wieder aufgebaut werden sollte, allerdings nur knapp. Das Dach war bereits abgetragen, als Jean Chanel an der Kirche hochkletterte und mittelalterliche Wandmalereien entdeckte. Durch diesen Fund wurde die Versetzung des Gebäudes verhindert.

Die alte Kirche von Volpertshausen ist inzwischen von der Gemeinde Hüttenberg übernommen worden. Dem Verein gehören noch drei Gotteshäuser. Heute will der Förderkreis aber keine Gebäude mehr selbst übernehmen. Für die Sanierung brachte er sechsstellige Beträge durch Spenden, Kredite, Einnahmen aus Kräuter- und Ostereiermärkten sowie Eigenleistung selbst auf. »Das kann ein Verein nicht tragen«, sagt Fowler. Zum Teil musste er mit seinem persönlichen Vermögen einspringen. Der Förderkreis hat Schulden. Deshalb würde er seine Kirchen gern verkaufen. Doch die Kommunen scheuen die Folgekosten.

Immerhin: Die alten Kirchen in Hessen sind heute kaum mehr vom Abbruch bedroht. Angus Fowler engagiert sich im europäischen Dachverband Europa Nostra. Zudem hat der Verein dabei geholfen, Förderkreise für die Holzkirchen in Polen, die Dorfkirchen in Russland sowie leer stehende Gotteshäuser in Berlin und Brandenburg zu gründen.

Die Ausstellung des Förderkreises ist bis zum 13. Mai montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr im Institut für Kirchenbau, Alte Universität, zu sehen.

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