11. September 2009, 18:50 Uhr

Musikalisch Reisender blickte autobiographisch zurück

Wetzlar (chl). Die Silhouetten des Eiffelturms, der Freiheitsstatue, einer irischen Harfe und des spanischen Osborne-Stieres auf den Fellen großer Trommeln wiesen darauf hin: Hier markiert ein Musiker die Stationen einer Reise.
11. September 2009, 18:50 Uhr
Angelo Kelly ist »The Traveller«. (Foto: chl)

Wetzlar (chl). Die Silhouetten des Eiffelturms, der Freiheitsstatue, einer irischen Harfe und des spanischen Osborne-Stieres auf den Fellen großer Trommeln wiesen darauf hin: Hier markiert ein Musiker die Stationen einer Reise. Es sind die Wegepunkte einer langen Reise, nämlich die der bekannten »Kelly Family« und somit auch die ihres jüngsten, 1981 geborenen Sprosses Angelo Kelly. Im ausverkauften Saal des Wetzlarer Kellertheaters warteten am Donnerstagabend 120 zumeist weibliche Fans des Clans sehnsüchtig auf den einst so »süßen« Blondschopf, der zu »Over the Hump«-Zeiten (1994) mit engelsgleicher Stimme seine Ballade »An Angel« anstimmte und nach seinem Stimmbruch hauptsächlich das Schlagzeugspiel in der Familien-Band übernahm. Während das Scheinwerferlicht bereits das aufgebaute große Arsenal an Instrumenten auf der Bühne erhellte, das eine komplette Band vermuten ließ - Schlagzeug, Trommeln, Gitarren, Bassgitarre, Tamtam, Perkussionsinstrumente und ein indisches Tisch-Harmonium - blätterten einige Zuschauerinnen noch in selbst gestalteten »Kelly Family«-Erinnerungs-Fotoalben.

Doch dann erschien Angelo, ganz allein. Seit seinem Solodebüt 2006 mit dem Album »I’m ready« wandelt er auf solistischen Pfaden, hat im vergangenen Jahr seine dritte eigene Platte herausgebracht und war bisher stets mit Begleitband unterwegs. Nun aber tourt »der Reisende« bis Jahresende ganz allein mit seinem Solo- und Akustikprogramm »The Traveller« durch ganz Europa. Das Konzert in Wetzlar gehörte schon zum zweiten Teil der Tour, mit einem Programm, das sich von dem vom Anfang des Jahres unterscheidet.

Zwei Dinge sind aber gleich geblieben: Stationen sind stets kleine Theaterbühnen, die zum intimen Rahmen des musikalischen Anliegens passen. Ganz autobiographisch erzählte und sang Angelo etwas über seine Lebensgeschichte. Im Gespräch mit der Allgemeinen Zeitung verriet er: »Ich hätte diese Tour vor ein bis zwei Jahren noch nicht machen können. Da war ich noch nicht reif genug dafür, hatte noch nicht genug reflektiert. Ich bin erst 27 Jahre alt, aber was ich bisher erleben durfte, ist ein riesiges Geschenk.« Zudem habe er den Reiz und die Herausforderung gespürt, einmal auf der Bühne komplett allein mit einer zwei- bis zweieinhalbstündigen Show zu stehen. Ein Zeichen der Zeit ist auch Angelos bis zum Gesäß reichender Haarpferdeschwanz.

Mit einer großen Portion Selbstironie im Gepäck machte er sich über seine ersten Lieder bei der »Kelly Family« wie »Pee pee« oder »The Swan« und ein wenig übertriebenen Anekdoten aus seiner Familie her. So berichtete er, dass sein Bruder Paddy und er mit dem großen Erfolg Anfang der Neunziger den Drang verspürten, wie die großen Rockbands das Gefühl des »Rock’n’Roll« mit vielen Frauen und Drogen zu erfahren. Nichts dergleichen stellte sich ein, auch das Arrangieren eines Hotelzimmers, damit es so aussah, als ob Rockstars darin hausten, half nichts. Was aber echter »Rock’n’Roll« sei, so Angelo, erlebte er, als er seinem Sohn die Windeln wechselte und dabei von diesem angesch... wurde. Ein im Internet aufgestöbertes Video seiner Geschwister, die sich beim Straßenmusizieren am Refrain von »With or without you« von »U2« anscheinend jämmerlich probierten, veranlasste Angelo, drei Zuhörerinnen auf die Bühne zu bitten, um diese Szene nachzuspielen. Eine jede sollte ihr zugeteiltes Instrument möglichst schief spielen - das Publikum hatte einen großen Spaß daran.

Schöne »Hinhörer« waren dagegen die im rockigen oder Singer/Songwriter-Gewand gesungenen frühen »Kelly Family«-Songs wie »Eres tu«, das Traditional »Oh Shenandoah« oder Angelos Cowboy-Lied »Stranger«, Bruce Springsteens »I’m on fire«, Ralph McTells »Streets of London« oder Angelos neuer Song »What’s it for«. Zu Ehren seines 2002 verstorbenen Vaters Dan stimmte Angelo schließlich Bruce Springsteens »Paradise« an. Als er sich dann an Bon Jovis »Keep the faith« versuchte, merkte man jedoch Angelos mit dem damaligen Stimmbruch verbundenen Verlust an Glanz in den hohen Stimmlagen. In tiefen und mittleren Registern entpuppte sich Angelo jedoch als Rockröhre. In einem Schlagzeugsolo bewies er dann Ambitionen zum Heavy Metal.

Nach dem Konzert offenbarte Angelo für die Zukunft: »Ende des Jahres werde ich mit dieser Tour dieses Kapitel abschließen. Ich werde mit meiner Frau und meinen Kindern (Angelo hat einen Sohn und zwei Töchter, Anm. der Redaktion) auf Reisen gehen. Wir werden uns mindestens ein Jahr dafür Zeit nehmen. Was danach kommt, kann ich noch nicht sagen. Es kann so vieles sein, vielleicht aber auch einfach das Nichtsmachen. Man muss nicht immer auf Tour sein oder Platten machen. Ich will alles offen halten - was immer mich dann reizt und raus gelassen werden will, das mache ich dann als erstes.«

Angelo kam in diesem Erguss sogar das Schauspielern oder Filmemachen in den Sinn. Aber im kommenden Jahr steht erst einmal seine Familie - seine Frau Kira und seine drei heranwachsenden Kinder - im Mittelpunkt.

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