27. September 2016, 09:53 Uhr

Wohnen, arbeiten, leben

Frankfurt wächst. So auch in der Bürostadt Niederrad, die sich vom Gewerbegebiet zu einem bunten Stadtteil mausert. Gemischt lautet das Zauberwort für das Quartier, wo viele Menschen ein neues Zuhause finden sollen. Mit Kitas, Supermärkten, Freizeitangeboten und nach wie vor Arbeitsplätzen – alles am besten gleich um die Ecke.
27. September 2016, 09:53 Uhr
Umwandlung in ein gemischtes Quartier: In der Bürostadt Niederrad soll künftig nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt werden. (Foto: Standort-Initiative Neues Niederrad e.V.)

(dar) Frankfurt zieht immer mehr Bürger an, die alle eine Wohnung brauchen. Da der Platz in Hessens Mainmetropole begrenzt ist, beschäftigt sich das Stadtplanungsamt ständig mit der Frage, wie und wo man zusätzlichen Wohnraum schaffen kann. »Das ist aber nur einer der Gründe, warum wir die Bürostadt Niederrad in ein gemischt genutztes Quartier umwandeln«, erzählt Mark Gellert, Pressesprecher des Frankfurter Planungsdezernats.

Als 2007 bei einem sogenannten Hearing zum ersten Mal mit Sachverständigen beraten wurde, wie man die Umnutzung gestalten könnte, habe es zusätzlich einen sehr hohen Büroleerstand gegeben. »Wobei sich das zum heutigen Zeitpunkt schon wieder positiv verändert hat«, sagt Gellert. Der dritte Grund: Das Leitbild, wie eine Stadt aussehen soll, habe sich gegenüber früher verändert. Die Trennung von Arbeiten und Wohnen wolle man nicht mehr. »Das moderne Leitbild einer europäischen Stadt ist geprägt von einer Nutzungsmischung: Wohnen, arbeiten, leben, zu Fuß so gut wie alles erledigen können«, betont Gellert.

Dafür sei Frankfurt ein Musterbeispiel. »Wir sagen ja immer: ›Unsere Stadt ist die kleinste Metropole der Welt»«, sagt Gellert schmunzelnd. Das Leitbild der europäischen Stadt zeige sich künftig auch in der Bürostadt, in der rund 4000 Wohnungen entstehen sollen. Geplant waren ursprünglich 3000. Rund 400 Wohnungen sind schon gebaut in dem Quartier, für das es zwei unterschiedliche Bebauungspläne gibt. »Das haben wir aus formalen Gründen getrennt«, erläutert Gellert. Für den westlichen Teil brauche man nämlich eindeutig länger, weil dort mehr Probleme zu lösen seien. Dazugehörten zum einen der Lärm vom Flughafen und von der Autobahn, zum anderen die Geruchsbelästigung von der Kläranlage. Wie man beides umgeht? »Auf diese Herausforderungen können findige Stadtplaner und Architekten Antworten geben«, sagt Gellert. Durch geschickte Grundrisse und mit Baumaterialien, die Lärm und Geruch so gut wie nicht mehr durchlassen, wie Gellert erklärt. Man könne zudem verschiedene Baukörper so platzieren, dass sie sich und ihr Umfeld von der intensiveren Geräuschkulisse abschotten. Der Magistrat hat mittlerweile den Bebauungsplan für den westlichen Teil abgesegnet. Zurzeit beraten die Stadtverordneten darüber, deren Zustimmung noch aussteht. Erst dann können Baugenehmigungen erteilt werden.

Forschung für Familien
Die Umwandlung der Bürostadt Niederrad wird vom Bund gefördert. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) schreibt über das Forschungsprogramm »Experimenteller Wohnungs- und Städtebau« (ExWoSt) auf seiner Homepage: »ExWoSt ist darauf ausgerichtet, neue und durch praktische Anwendung abgesicherte Erkenntnisse zur Weiterentwicklung der Wohnungs- und Städtebaupolitik des Bundes zu gewinnen. Schwerpunkte sind derzeit Umsetzungsmaßnahmen des Städtebaulichen Berichts der Bundesregierung sowie die Untersuchung von Strategien und Aktionsfeldern für städtisches Wohnen von Familien.« Ausführliche Informationen gibt es auf der Website des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung www.bbsr.bund.de.

 

Im östlichen Bereich des Quartiers bestehe allerdings schon seit zwei Jahren Planungsrecht, berichtet Gellert. Positiv sei, dass nicht alles neu aus dem Boden gestampft werden müsse: »Da profitiert der Standort von der Umgebung. Man kann quasi recyclen.« Weil die Bürostadt bereits ein versiegeltes Areal sei, brauche man sich generell um technische Infrastruktur keine Gedanken machen. »Da gibt’s Straßen, Kanäle, Beleuchtung«, sagt Gellert. Auch andere Einrichtungen wie Supermärkte, gastronomische Angebote, Wäschereien seien schon vorhanden. Genauso wie Erholungsmöglichkeiten – liegt das Viertel doch zwischen Mainufer und Stadtwald. »Das heißt, es müssen keine großzügigen Parks geplant werden. Nur vielleicht noch die eine oder andere kleinere Grünfläche«, sagt Gellert. Damit das Quartier wirklich lebendig werde, brauche es aber Kinderbetreuungsplätze und Schulen – und natürlich Häuser, die für genügend Wohnraum sorgen. »Einige der Gebäude werden umgewandelt, andere abgerissen und neu gebaut«, sagt Gellert. »Die Lyoner Straße 19 ist ein Beispiel für die Umnutzung. Das Bürogebäude wurde entkernt, Wohnungen wurden eingebaut«, erzählt Gellert. Das sei in den meisten Fällen jedoch nicht machbar. Häufig sprächen etwa planungsrechtliche, aber auch bauordnungsrechtliche, statische und funktionelle Gründe dagegen. Außerdem sei die Fluchtwegsproblematik manchmal nicht lösbar.

Vom Bund gefördert

An manchen Stellen im Viertel gebe es auch Nachverdichtungen – sprich: Freie Flächen werden erschlossen. »Es ist großzügig gebaut worden. Hier und da ist noch Platz, um neue Gebäude zu errichten«, sagt der Pressesprecher des Planungsdezernats. Das Interesse von Investoren sei groß. Viele warteten ungeduldig auf die Zustimmung der Stadtverordneten zum zweiten Bebauungsplan, während im östlichen Teil bereits fleißig gebaut wird.

Und wann wird alles fertig sein? »In fünf Jahren«, schätzt Gellert. Wobei es keine Frist gebe, die eingehalten werden müsse.

Von der halb verwaisten Bürostadt zu einem bunten Quartier, in dem man leben, arbeiten, wohnen und sich erholen kann: »Das ist tatsächlich ein ganz tolles Projekt, das bundesweit Beachtung findet«, sagt Gellert. Andere Großstädte, die solche Viertel haben, beobachteten interessiert, wie eine Umwandlung aussehen kann. Auch der Bund, der das Ganze mit dem Forschungsprogramm »Experimenteller Wohnungs- und Städtebau« (ExWoSt) fördert, schaue genau hin, was man für andere Projekt herausziehen könne. Damit wie in der Bürostadt Niederrad Leben Einzug hält und viele Menschen ein neues, ein schönes Zuhause finden.

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