05. August 2016, 19:23 Uhr

Wenn Pech ganz viel Glück bedeutet

Keinöhrchen ist auf Zack. Ein Jahr ist sie alt. Dass sie überhaupt Geburtstag feiern konnte, hat sie der Katzen-babyrettung Mittelhessen zu verdanken. Die Fellnase mit nur einem Ohr ist eines von rund 950 kleinen Babykätzchen, die von den Tierfreunden in den letzten vier Jahren gerettet wurden.
05. August 2016, 19:23 Uhr
Ganz schön groß geworden: Von einem winzigen Bündel, das in eine Hand passte, hat sich das kleine Baby Keinöhrchen zu einer stattlichen jungen Katze entwickelt. Dank der Katzenbabyrettung Mittelhessen. (Foto: privat)

Sie sind winzig klein und brauchen ganz viel Fürsorge, Liebe und Betreuung: Ausgesetzte hilflose Katzenbabys, die keine Mutter mehr haben. Ihr großes Glück heißt Conny Pech. Die 40-Jährige aus Gladenbach hat vor vier Jahren die Katzenbabyrettung Mittelhessen ins Leben gerufen und kümmert sich seitdem gemeinsam mit anderen ehrenamtlichen Tierfreunden um verwaiste samtpfotige Winzlinge. Insgesamt gibt es mittlerweile 22 ehrenamtliche Pflegestellen, viele davon im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Die Katzenbabys, auch Kitten genannt, kommen meistens geschwächt und oft auch kränklich in ihr neues vorübergehendes Zuhause. So auch Keinöhrchen, als sie bei Conny Pech zum Aufpäppeln eintraf: »Die süße Fellnase war unglaublich winzig«, erzählt Pech. »Ich habe gedacht, dass sie erst ein paar Tage alt ist, dabei war sie schon zweieinhalb Wochen auf der Welt.« Wie viele der Neuankömmlinge hatte auch das Kätzchen mit nur einem Ohr Katzenschnupfen und Giardien. Das sind Darmparasiten, die aus dem Mittelmeerraum nach Deutschland gekommen sind und für schlimmen Durchfall sorgen können, wie die 40-Jährige berichtet. Allerdings lasse sich das gut behandeln. »Desinfektion ist das A und O«, sagt Pech, die genau wie alle anderen ehrenamtlichen Helfer speziell für die Aufzucht von Katzenbabys geschult ist.

»Keinöhrchen gehörte zu unseren großen Sorgenkindern«, verrät sie. Anfangs habe sie gedacht, dass ein Ohr von einem anderen Tier abgeknabbert worden sei, bis sie beim Tierarzt erfahren habe, dass die Kleine bereits so geboren wurde. Mit dem anderen Lauscher kann sie übrigens gut hören. »Keinöhrchen wurde dann aber noch von einem Infekt geplagt, gepaart mit hohem Fieber, und es war nur schwer abzuschätzen, ob sie überhaupt durchkommt«, erzählt Pech.

Doch das kleine Kämpferherz hat es geschafft – mit der intensiven Betreuung seiner Pflegemutter. Neben ganz viel Fürsorge und Wärme brauchen die Babys alle zwei Stunden ihr Futter. Mit einer kleinen Flasche bekommen sie spezielle Milch für Kitten. Außerdem müsse man »ausstreichen«, erklärt Pech, denn die Kleinen könnten noch nicht alleine ihren Kot und Urin absetzen. Auch nachts klingelt der Wecker alle 120 Minuten. In einigen Fällen müsse man sogar halbstündlich oder stündlich füttern. Auf die Frage nach der sehr knappen Zeit zum Schlafen antwortet Pech schmunzelnd: »Man macht dann eben Etappenschlaf. « Es sei aber schon sehr anstrengend, weil sie sich nebenbei auch um die Familie und den Haushalt kümmere, erzählt die Mutter von zwei Töchtern, die der Mama auch gerne bei der Betreuung helfen. Auch ihr Mann unterstütze sie immer, wenn es ihm möglich sei.

Auf die Idee mit der Katzenbabyrettung ist die 40-Jährige übrigens durch einen eigenen tierischen Notfall gekommen, bei dem ihr ein Tierschutzverein geholfen habe. »Das fand ich toll und habe beschlossen, dass ich mich noch mehr für Tiere einsetzen möchte«, sagt die Gladenbacherin, die wie die anderen »Pflegemamas« mit ganz viel Herz und Leidenschaft bei der Sache ist.

Keinöhrchen postet auf Facebook

Das kleine Keinöhrchen hat mit seiner Geschichte aber auch das Herz Zigtausender anderer Menschen berührt. Das Kätzchen erzählt auf Facebook, wie schwer der Lebenskampf war, den es aber glücklicherweise doch gewonnen hat. Das Video dazu wurde bisher über 62 000-mal geklickt – das besondere Kätzchen mit dem großen Kämpferherz ist zum Aushängeschild des Vereins geworden. Heute ist die junge Katze ein Jahr alt, strotzt vor Selbstbewusstsein, wächst und gedeiht und genießt das Leben. »Das war schon ein Wunder, dass Keinöhrchen überlebt hat«, sagt die Tierschützerin. Genauso wie Uschi, ein zweites Sorgenkätzchen, das ihr besonders ans Herz gewachsen ist. »Über 90 Prozent aller aufgenommenen Babys kommen durch«, erzählt die 40-Jährige. »Das ist dann auch der schönste Lohn für unsere Mühen.« Stirbt doch mal eins, »bin ich erst mal sehr traurig«, sagt Pech. Aber sie habe dann nicht nur ihre Familie und das ganze Team hinter sich, die sie aufmuntern, sondern erinnere sich auch an all die vielen Tiere, deren Leben sie retten konnten.

Wie das von Keinöhrchen, die heute glücklich und gut genährt bei ihrer neuen Besitzerin lebt und mit Vorliebe mit Katzenfreunden durch den riesigen Garten tollt. Pech und die anderen Helfer geben die Katzenbabys in der Regel mit acht bis zwölf Wochen ab. Natürlich nur in gute Hände. »Man kann sich bei uns bewerben, wenn man Kätzchen aufnehmen möchte«, sagt die Gladenbacherin. Allerdings werde nie ein Tier alleine abgegeben, immer zu zweit oder einzeln zu einer bereits vorhandenen Zweitkatze. Bevor die potenziellen neuen Besitzer zum ersten Beschnuppern eingeladen werden, gibt es ausführliche Gespräche am Telefon. »Bei der Auswahl setzen wir auf unsere Erfahrung und Menschenkenntnis«, sagt Pech. »Damit sind wir bisher eigentlich immer gut gefahren.«

Manchmal werden Pech und die anderen Pflegemütter gefragt, ob es nicht zu früh sei, Kitten mit acht Wochen abzugeben. Das komme natürlich immer auf den Zustand des Babys an, erzählt die Tierschützerin. »Ist die Fellnase gesund, können wir auch nicht mehr tun, als die neuen Besitzer im neuen Zuhause. Und wir können dann die nächsten Waisenkinder aufnehmen und aufpäppeln«, sagt sie. »Einige Kätzchen müssen wir länger in unserer Obhut lassen, bis ihr Gesundheitszustand stabil ist.«

Seit Mitte Juli hat die Katzenbabyrettung zwei mobile Intensivstationen, die den Tierschützern die Aufzucht von kränkelnden Kitten erleichtern. In den tragbaren Boxen könne man die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit regulieren, erzählt Pech, deren Verein sich ausschließlich über Spenden finanziert. »Wir sind froh über jede Spende«, sagt die Tierschützerin. Die Kosten für Tierarzt und Futter sind sehr hoch. Vom hessischen Finanzminister Thomas Schäfer gab es auch schon mal einen Scheck von 1000 Euro – für zehn Kastrationen, die zwar teuer, aber unbedingt notwendig seien, betont Pech. »Wir freuen uns aber nicht nur über Spenden, sondern auch über Leute, die uns bei unserem Fahrdienst unterstützen«, sagt Pech. Denn die verwaisten Babys müssen ja zu ihrer Pflegestelle kommen. Die Kitten kommen aus dem ganzen Land nach Mittelhessen. Auch neue Pflegestellen würden immer gebraucht. Alle Informationen dazu und rund um die Arbeit der Katzenbabyrettung findet man im Internet unter www.katzenbabyrettung-mittelhessen.de .

Hört und sieht die 40-Jährige eigentlich immer mal wieder etwas von ihren Zöglingen? »Ja – Gott sei Dank«, sagt sie freudestrahlend. »Die meisten neuen Besitzer schicken mir öfter Fotos und berichten, wie es den Kätzchen geht und was sie so treiben. Vor allem zu Weihnachten bekommt sie ganz viele Karten mit aktuellen Bildern der einst so winzigen Kitten. »Das ist so schön zu sehen, wie sich die Babys entwickelt haben. « Und Keinöhrchen? »Von meinem besonderen Schützling bekomme ich nicht nur Fotos, ich besuche sie sogar ab und zu«, sagt die Tierschützerin lächelnd, als ein leises Weinen zu hören ist. Das ist Elfriede. Ein paar Tage alt. Hilflos. Verwaist. Und bei Conny Pech in den besten Händen. Zum Glück.

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