Zweifelhafter Ruf schreckt Investoren ab

Bad Nauheim - Die Bad Nauheimer Kliniklandschaft ist in Bewegung geraten. Ein Berliner Investor streckt seine Fühler nach der Pitzer-Gruppe aus, was die heimische Gesundheitsbranche aufschreckt: Das Gesundheitszentrum Wetterau (GZW) ist an einer Übernahme der Diabetes-Klinik interessiert.

Auf der Wunschliste der Kerckhoff-Klinik GmbH steht das Kerckhoff-Rehazentrum - beide Häuser gehören zu Pitzer. Über so viel Interesse würden sich die Verantwortlichen der Parkinson-Klinik, für die am 26. Mai ein Insolvenzantrag gestellt wurde, sicherlich freuen. Fragt man nach bei möglichen Investoren, fällt unisono das Wort "marode" und gemeint ist die wirtschaftliche Lage der Träger-GmbH des Spezialkrankenhauses.

Bürgermeister Bernd Witzel, Vorsitzender des GZW-Aufsichtsrats, winkt auf Anfrage ebenso ab wie Marcus Jürgens, Geschäftsführer der Kalovida Grundbesitz GmbH, der die Gebäude in der Franz-Groedel-Straße gehören. Witzel und Jürgens halten die Unternehmensstruktur für undurchschaubar und wollen sich auch aufgrund der Geschichte des Krankenhauses, die mit zahlreichen Klagen, Ermittlungsverfahren wirtschaftlichen Flauten, Entlassungen von Spitzenpersonal und einem Gewaltverbrechen belastet ist, nicht auf ein Geschäft einlassen. Äußerst einsilbig geben sich Insolvenzverwalterin Petra Fuchs und die derzeitige Geschäftsführerin der Parkinson-Klinik, Marion Schiebel-Zuske. Unterlagen, die der Redaktion vorliegen, lassen den Verdacht zu, dass der Insolvenzantrag spät, wenn nicht sogar zu spät gestellt wurde. Insolvenzverschleppung ist strafbar.

Ein Blick ins Zeitungsarchiv genügt, um die Vergangenheit der Parkinson-Klinik, deren Existenz nun ernsthaft gefährdet ist, als bewegt bezeichnen zu können. Wobei die Verantwortlichen, allen voran die verstorbene Karin Prokein, Entscheidungen in der Öffentlichkeit als harmlos oder gar als erfolgversprechend verkauften. Ein Beispiel aus dem Jahr 2002: "Einvernehmlich", so die offizielle Sprachregelung, trennte sich die Klinik damals von der renommierten Chefärztin Prof. Alexandra Henneberg. Tatsächlich war eine handfeste Auseinandersetzung vorausgegangen. Schon damals gab es Gerüchte über ein bevorstehendes Aus der Klinik. Weniger unklar drückte sich Prokein 2007 aus, als sie erneut einen Chefarzt feuerte, diesmal fristlos. Vorwurf: Unregelmäßigkeiten bei privatärztlichen Abrechnungen. Ob es zu der angekündigten Strafanzeige gegen den Mediziner kam, ließ die Geschäftsführerin nie verlauten.

Spätestens 2006 spitzte sich die finanzielle Lage in der Franz-Groedel-Straße zu. Und wieder hatte Prokein scheinbar eine Lösung des Problems parat. Nachdem der ehemalige Eigentümer der Immobilie Insolvenz anmelden musste, zauberte die Geschäftsführerin den ägyptischen Geschäftsmann Khaled Al-Toukhy als Käufer aus dem Hut. In einer Pressemitteilung wurde der Eindruck erweckt, der Eigentümer der Kairoer Misr-University for Science und Technology habe auch die Klinik übernommen. Tatsächlich wurden nur die Immobilien veräußert - was selbst dem Käufer offenbar nicht klar war.

Käufer über den Tisch gezogen?

So schildert es heute zumindest Kalovida-Geschäftsführer Marcus Jürgens: "Al-Toukhy hat in dem guten Glauben gehandelt, für 5,5 Millionen Euro Gebäude und Betriebs GmbH zu erwerben." Heißt auf gut Deutsch: Der Ägypter sei über den Tisch gezogen worden. Und Jürgens glaubt auch zu wissen wie. Der Mitarbeiter Prokeins - ebenfalls Ägypter und heute wegen Totschlag an seiner Chefin im Gefängnis - habe den Vertrag falsch übersetzt. Weiterer schwerer Vorwurf des Kalovida-Geschäftsführers: Damals sei von der Klinikleitung ein Gutachten vorgelegt worden, wonach die Immobilie in gutem Zustand sei, was sich als falsch erwiesen habe.

Wie Jürgens erklärte, seien Gerichtsprozesse die Folge dieser "Partnerschaft" gewesen. Al-Toukhy sei unterlegen, weil er den Kauf der Betreiber GmbH nicht habe nachweisen können. Prokein tat ein Übriges, um den Käufer zu verärgern: Die Parkinsonklinik zahlte lange Zeit keine Miete, weil die Gebäude angeblich trotz Zusage nicht saniert worden seien. Jürgens: "De facto lag kein Grund zur Mietminderung vor."

Vor ihrem gewaltsamen Tod versuchte Prokein, mit dem Gesundheitszentrum Wetterau ins Geschäft zu kommen, wollte mit ihrer Klinik in Räumlichkeiten des GZW unterkommen. Das scheiterte, in Sachen Beteiligung an der Parkinson-Klinik winkte die GZW-Chefetage damals ebenfalls ab. Und dabei bleibt es: Nach Aussage des Aufsichtsratsvorsitzenden Witzel hat das Gesundheitszentrum kein Interesse an einer Übernahme der Klinik. "Die Träger GmbH dürfte völlig verschuldet sein. Zudem handelt es sich um eine total verschachtelte Betreibergesellschaft", sagt der Bad Nauheimer Bürgermeister. Das GZW habe allerdings ein Interesse daran, zumindest einen Teil der 160 Akut- und Rehabetten für Parkinsonkranke in der Region zu halten.

Al-Toukhy hatte zunächst über eine Übernahme nachgedacht, obwohl er nicht nur die 5,5 Millionen Euro fürs Gebäude bezahlt, sondern auch viel Geld in die Sanierung gesteckt hat. Inzwischen winkt die Kalovida GmbH allerdings ab. Jürgens: "Die Klinik ist marode. Wir haben kein Interesse zu investieren." Dem Geschäftsführer schwebt nach möglichem Auszug oder dem Aus für die Parkinson-Klinik eine Umnutzung der Gebäude vor. Insolvenzverwalterin Fuchs will zu Übernahmeinteressenten nichts sagen. "Es gibt keine Neuigkeiten", lässt sie auf Anfrage lediglich ausrichten. Klinik-Geschäftsführerin Schiebel-Zuske spricht von "mehreren Anfragen".

"Letzte Mahnungen"

Zu Vorgängen in der Vergangenheit macht die heutige Klinik-Chefin keine näheren Angaben. Begründung: "Ich könnte viel sagen, aber es geht um die Zukunft des Hauses, seiner 120 Mitarbeiter und der Patienten, denen damit nicht gedient wäre." In einem Punkt ist sich Schiebel-Zuske sicher. Ein Fall von Insolvenzverschleppung liege nicht vor: "Sonst wäre ich wohl kaum noch Geschäftsführerin." Der Redaktion liegen allerdings Kopien von Mahnungen und "Letzten Mahnungen" von Lieferanten vor, die aus dem Februar stammen. Darin sind unbezahlte Rechnungen aufgeführt, die zum Teil bis in den Mai 2009 zurückreichen.

Das ist ein Indiz dafür, dass sich die GmbH lange vor dem Insolvenzantrag vom 26. Mai 2010 in Zahlungsschwierigkeiten befand. Ob aus dem vorläufigen ein endgültiges Insolvenzverfahren wird, entscheidet sich spätestens Anfang August. Bernd Klühs

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