Markus H. ist im Prozess um den Mord an Walter Lübcke wegen Beihilfe angeklagt. Der Hauptangeklagte Stephan Ernst sagte in seiner zweiten Vernehmung bei der Polizei jedoch, H. habe Lübcke erschossen und zwar aus Versehen. FOTO: DPA
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Markus H. ist im Prozess um den Mord an Walter Lübcke wegen Beihilfe angeklagt. Der Hauptangeklagte Stephan Ernst sagte in seiner zweiten Vernehmung bei der Polizei jedoch, H. habe Lübcke erschossen und zwar aus Versehen. FOTO: DPA

Zwei Versionen einer Tat

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Der Angeklagte im Prozess um den Mord an Walter Lübcke hat den Ermittlern zwei verschiedene Abläufe der Tat geschildert. Das Gericht hat nun auch die zweite, per Video dokumentierte Vernehmung zeigen lassen. Doch welche Version stimmt?

Wann sagte Stephan Ernst die Wahrheit? Im Juni 2019, als er in seiner Vernehmung durch die Polizei gestand, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke auf der Terrasse seines Wohnhauses erschossen zu haben - oder in der richterlichen Vernehmung im Januar, als er den Tod des Politikers als Versehen schilderte? Die Videoaufnahme dieser Vernehmung wurde am Dienstag in dem Prozess vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt in Augenschein genommen. Darin hatte der mutmaßliche Täter Stephan Ernst eine ganz andere Tatversion als nach seiner Festnahme geschildert: Der tödliche Schuss haben sich aus Versehen gelöst.

Zusammen mit dem ebenfalls angeklagten Markus H. habe er bereits im April 2019 beschlossen, Lübcke aufzusuchen und einzuschüchtern, sagte der in einen schwarz- gelben Trainingsanzug gekleidete Ernst vor einem Richter des Bundesgerichtshofes. Zunächst ist auf dem Video eine knappe, eher stockend verlesene Erklärung von Ernst zu sehen. H. habe, "glaube ich, Herrn Lübcke aus Versehen erschossen", heißt es darin.

In der Vernehmung durch den Richter äußerte sich Ernst dann erneut, wie die beiden Männer am 1. Juni in einem Wagen mit manipulierten Nummernschildern zu Lübckes Wohnort gefahren seien und gewartet hätten, bis es dunkel war.

Lübcke habe im Garten seines Hauses auf der Terrasse gesessen, eine Zigarette geraucht und auf sein Smartphone geschaut, sagte Ernst in der Vernehmung. Diese Situation hatte er in beiden Vernehmungen geschildert. In der Version vom Januar war er allerdings nicht alleine da. Markus H. und er hätten sich Lübcke aus zwei Richtungen genähert. Als der Politiker Anstalten machte, sich zu erheben, habe er ihn in den Stuhl zurück gedrückt, schilderte Ernst in der Videoaufnahme. "Für so was wie dich gehe ich jeden Tag arbeiten", habe er dem Politiker vorgehalten. Er sei dann zurückgetreten, um nach Lübcke zu treten, der noch gerufen habe: "Verschwinden Sie!" Markus H. habe mit der Waffe Lübcke einschüchtern wollen, der Schuss habe sich aus Versehen gelöst.

Seltsam teilnahmslos schildere Ernst diesen Verlauf der Tatnacht, hielt ihm der vernehmende Richter in dem Video vor: "Sie sitzen seit sieben Monaten in Untersuchungshaft wegen Mordes." Angesichts dieser Lage berichte er sehr unaufgeregt über die Rolle seines "Kumpels", wandte der Richter ein. Ganz anders war die Atmosphäre in dem am vorangegangen Prozesstag gezeigten Vernehmungsvideo gewesen: Ein emotionaler, in Tränen ausbrechender Angeklagter war da zu sehen, der beschrieb, wie er immer wieder zum Wohnort Lübckes gefahren war und eine Waffe bei sich hatte. Zu diesem ersten Vernehmungsvideo nahmen die Verteidiger von Markus H. am Dienstag Stellung: H. sei darin nicht belastet worden, sei eine "untergeordnete Randfigur" gewesen, die nicht im Zusammenhang mit der Politisierung von Ernst zu verstehen sei.

Die Bundesanwaltschaft wirft dem Deutschen Stephan Ernst vor, aus rechtsextremistischer Gesinnung heraus gehandelt zu haben. Das zweifelte Björn Clemens, einer der Anwälte von Markus H., an: Er sagte über das Video der Vernehmung vom Juni 2019, das sei ein "gebrochener Mann" gewesen: "So spricht niemand, der politisch tötet."

Womöglich schildert Ernst im Laufe des Verfahrens noch einmal eine ganz neue Version: Am Dienstag ließ er über seine Anwälte eine ausführliche Einlassung ankündigen. Dazu werde es aber frühestens nach der Sommerpause kommen.

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