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Zauberer mit Biss

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Eine Begegnung mit dem "Zwergfalken" in freier Natur ist sicherlich den wenigsten von uns vergönnt. Vielmehr kennen wir ihn namensgleich als den weisen Zauberer aus der britisch-keltischen Artus-Sage: Der Merlin ist klein, aber oho.

Der Merlin brütet nicht in Mitteleuropa, jedoch kann er regelmäßig auf dem Durchzug ab September mit einem Höhepunkt im Oktober und November aber auch als regelmäßiger Überwinterer bei uns beobachtet werden. Ende März/Anfang April zieht der Merlin wieder zurück in seine nordischen Brutgebiete. Dort bewohnt er am liebsten weites, offenes Gelände und ist vor allem auf den Hochmooren und Zwergstrauchheiden der Tundra als Brutvogel zu finden. In Schottland brütet der Merlin meist auf dem Boden und in Norwegen sehr regelmäßig in verlassenen Nestern von Wacholderdrosseln. Diese genießen den Schutz des Merlins, da er in die Kolonien eindringende Nebelkrähen energisch vertreibt aber selbst innerhalb der Kolonie keine Beute macht.

Als Überwinterungslebensraum bevorzugt der Merlin bei uns in Mittelhessen ebenfalls offene, wenig bewaldete Landschaften. In schnellem Flug jagt er oft dicht über dem Boden dahin und wird infolge seiner geringen Größe häufig übersehen. Als spezialisierter Kleinvogeljäger ist der Merlin in seinen mittelhessischen Überwinterungsgebieten vor allem auf ein reiches Kleinvogelangebot angewiesen. Dies trifft er am ehesten in tiefer gelegenen Auenlandschaften mit abwechslungsreichen Strukturen. Dabei nutzt er für seine Jagdflüge besonders gerne Brachflächen, Grabensysteme mit Altgrasstreifen sowie Böschungen von Bahndämmen, wenn stehen gebliebene Pflanzen noch Samen für Körner fressende Singvögel in ausreichendem Maße vorhalten.

Der Merlin schlägt seine Beute zum Teil wie der viel größere Wanderfalke im Sturzflug von oben im hohen Luftraum, oder er nutzt im niedrigen Flug über dem Boden jagend den Überraschungsangriff. Mitunter scheint er die Flugweise seiner Beutevögel nachzuahmen, um unerkannt möglichst nahe an sie heranzukommen. Während Bussarde und Habicht ihre Beute mit den Fängen töten, ist der Merlin wie alle Falken ein "Biss-Töter". Der relativ kleine Schnabel hat messerscharfe Kanten und die kräftigen Kiefermuskeln sorgen für den äußerst festen Biss. Verstärkt wird die Schneidewirkung noch durch je einen Zacken an jeder Seite des Oberschnabels, der genau in die entsprechende Vertiefung im Unterschnabel passt. Dieser sogenannte Falkenzahn ist typisch für alle Falken.

Lahnaue und Wetterau beliebt

Die Lahnaue südlich von Marburg und zwischen Gießen und Wetzlar sowie die offenen Grün- und Ackerbaugebiete der Wetterau sind regelmäßige Aufenthaltsorte des Merlins im Winterhalbjahr. Hier kann der schnittige Falke mit etwas Glück beobachtet werden. Nur sehr selten nutzt er Bäume als Ansitzwarte, meist sitzt er in der offenen Kulturlandschaft am Erdboden auf einer etwas erhöhten Stelle, etwa einer Ackerscholle oder einem Weidepfosten. Vor dort aus beobachtet er sein Jagdrevier. Mit eine Körperlänge von etwa 30 Zentimetern (davon zwölf Zentimeter Schwanz) und einem Gewicht von etwa 170 Gramm - die Weibchen sind etwas größer und schwerer - ist der männliche Merlin der kleinste "Greifvogel" Europas. Er ist nur unwesentlich größer als eine Amsel und deutlich kleiner als der bei uns häufig vorkommende Turmfalke. Das Männchen ist oberseits blaugrau, unterseits rostgelb mit feinen dunklen Längsstreifen. Die Weibchen sind oberseits graubraun. Vom Jagdverhalten kann er am ehesten mit einem Sperber verwechselt werden.

Eher ein Papagei als ein Greifvogel

Der Merlin als "Kleinausgabe" des Wanderfalken hat alle Eigenschaften, die wir an den Falken unter den Greifvögeln bewundern: Schnelligkeit, Eleganz, Kraft und Geschwindigkeit.

Er ist ein geschickter, tagaktiver Flieger mit sehr scharfen Augen. Körperbau oder Lebensstil scheinen eindeutige Indizien zu sein, um den Merlin und seine Falkenverwandtschaft - in Europa gibt es elf Arten - den Greifvögeln zuordnen zu können, wie dies lange auch geschah. Mittlerweile haben Molekularbiologen am Erbgut des Wanderfalken allerdings festgestellt, dass Falken viel näher mit Papageien oder Singvögeln verwandt sind als etwa mit Adlern oder Bussarden.

Die typische Greifvogelgestalt der kleinen Falken scheint also kein Erbe eines gemeinsamen Vorfahren zu sein, sondern ein Anpassung an einen ähnlichen Lebensstil. Der weltweit 70 Arten umfassenden Falkenverwandtschaft wurde inzwischen eine eigene Ordnung "Falconiformes" gewidmet.

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