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Im Frankfurter Bahnhofsviertel sind die Bordelle und Tanzbars wegen des Lockdowns geschlossen. Das Geschäft mit dem käuflichen Sex findet aber weiterhin statt. ARCHIVFOTO: DPA

Zappenduster statt Rotlicht

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Von wegen verrucht: Im Frankfurter Bahnhofsviertel sind derzeit die Lichter der Rotlichtbetriebe aus. Ein Ende des Lockdowns für die Branche ist nicht in Sicht.

Table-Dance-Bars, Sexkinos und natürlich Laufhäuser - das Frankfurter Bahnhofsviertel ist nicht nur als Szene-, sondern auch als Rotlichtviertel bekannt. Momentan flackert dort allerdings nicht viel an einschlägiger Neonbeleuchtung und schummrigem Licht hinter roten Vorhängen. Statt Nachtschwärmern bevölkern obdachlose Drogenabhängige die Straßen des Viertels. Viele, die mit Sex und Erotik ihren Lebensunterhalt verdienen, warten seit Monaten auf ein Ende des Corona-Lockdowns.

Nadine Maletzki, die Betreiberin des seit Mitte März geschlossenen Laufhauses »Sex Inn«, war sogar vor den Hessischen Verwaltungsgerichtshof gezogen, um Einspruch gegen die zwangsweise Schließung zu erheben - vergeblich. »Das ist völlig unverständlich«, sagte Maletzki. Die Prostituierten arbeiten hier als Selbstständige, sie mieten die Zimmer im Haus stunden- oder tageweise, um dort ihre Dienste anzubieten.

Stattdessen kann Maletzki beim Blick aus ihrem Bürofenster sehen, wie die Frauen weiter dem Gewerbe nachgehen - auf dem Straßenstrich. Hier ist der käufliche Sex auch weiterhin zu haben, ohne die Hygienekonzepte und Maßnahmen, über die die Betreiber von Laufhäusern und Bordellen in den vergangenen Monaten nachgedacht haben. Zwar sei eine Reihe ausländischer Prostituierter, etwa aus Bulgarien oder Rumänien, wegen des anhaltenden Lockdowns zurück in die Heimat gereist. Doch andere arbeiten nun auf der Straße. »Die verschwinden dann mit den Freiern in den Hotels, in denen sie leben«, so schilderte sie vor wenigen Wochen auf einer Online-Veranstaltung die Lage.

Verabredungen mit Stammkunden

Einige Frauen, die keine andere Unterkunft hatten, leben seit dem Lockdown mit Genehmigung der Behörden mietfrei im Laufhaus. »Sie warten und warten«, so Maletzki über die Situation der Frauen. Einige arbeiteten zwischendurch - »natürlich nicht im Haus, denn das ist ja verboten«. Stattdessen komme es zu Verabredungen mit Stammkunden.

Auch vor dem Flachbau von »Lauras Girls« in einem Gewerbegebiet in Speyer herrscht auf dem Parkplatz gähnende Leere. Zwar räkelt sich auf einem der breiten Betten im Inneren gerade eine schnurrende Mieze und fährt mit rosiger Zunge über die pelzige Schulter - doch die vier Katzen der Betreiberin haben die Räumlichkeiten derzeit ganz für sich. Laura W. blickt missmutig auf den Desinfektionsspender neben der Tür. Wenn hier von Hygienemaßnahmen die Rede ist, dann geht es derzeit in erster Linie um die Vermeidung einer Corona-Infektion, um Mund-Nase-Masken statt um Kondome.

Zwischenzeitlich Barbetrieb

»Fiebermessung am Eingang, Kontaktverfolgung, das ist doch alles machbar«, sagt Laura W. Abgesehen davon, dass es zahlreiche Stammkunden gebe - oder zumindest bis zum Lockdown gegeben habe - könne der Personalausweis als Nachweis für eine eventuelle Infektionskettenverfolgung dienen. Doch ähnlich wie bei ihrer Frankfurter Kollegin ruht das Geschäft seit Monaten. »Zwischendurch hatten wir zumindest den Barbetrieb aufnehmen können - aber dann kam der zweite Lockdown«, sagt die langhaarige blonde Frau. Am Bartresen weisen Schilder auf den einzuhaltenden Mindestabstand hin - für einen Rotlichtbetrieb wohl nicht gerade geschäftsfördernd.

Dass viele Sexarbeiterinnen nun auf den Straßenstrich ausweichen, findet die Bordellbetreiberin nicht nur wegen der Mietausfälle besorgniserregend. »Hier können die Frauen in Sicherheit arbeiten, in jedem Zimmer gibt es einen Alarmknopf. Auf der Straße herrscht ein ganz anderes Risiko.«

Lilith, eine der Prostituierten, die regelmäßig in dem Bordell gearbeitet hat, ist vorbeigekommen, um von ihrer derzeitigen Lage zu berichten. Die schwarzhaarige Frau nennt nur ihren »Künstlernamen«. Anders als viele ihrer Kolleginnen stammt sie aus der Region, arbeitet eigentlich in einer sozialen Einrichtung. Eine Bekannte hatte die alleinerziehende Mutter, nach eigenen Angaben 39 Jahre, auf den Rotlicht-Job gebracht. »Meine Kinder gehen auf eine Privatschule, ich hatte einen Zweit- und Drittjob, um über die Runden zu kommen.«

Manche Bordellbetreiber, so war vor wenigen Wochen auf einer Online-Pressekonferenz zu hören, haben in den Vergangenheit sogar versucht, durch gänzlich betriebsferne Aktivitäten ein paar Einnahmen zu erzielen: So hatte ein Bordellbetreiber aus Nordrhein-Westfalen bereits Hotdogs verkauft und war auf dem Parkplatz seines Betriebs ins Weihnachtsbaumgeschäft eingestiegen.

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