Woolrec-Prozess

Woolrec-Verteidiger teilen kräftig aus

  • Steffen Hanak
    VonSteffen Hanak
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Im Woolrec-Prozess um mutmaßlich krebserregende Stoffe in Ziegelsteinen schweigen die beiden Angeklagten. Ihre Verteidiger zweifeln daran, dass das Verfahren überhaupt nötig ist.

Die Idee war zu schön, um wahr zu sein. Aus Abfällen, genauer gesagt, aus Glasfaser- und Mineralwollresten, hatte die Firma Woolrec ein neues Produkt erschaffen: »Woolit«. Es sollte die Strukturfestigkeit von Ziegelsteinen erhöhen. Müll beseitigen und Geld verdienen – Woolrec schien das zu können.

Über 13 Millionen Euro betrug der Umsatz des Unternehmens, berichtete Staatsanwalt Dr. Bernd Süß am Dienstag vor der Siebten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts. Dort müssen sich der frühere Geschäftsführer der Firma aus Braunfels-Tiefenbach – Edwin Fritsch – und sein Gutachter – Prof. Stefan Gäth – jetzt allerdings wegen unerlaubten Umgangs mit Abfällen verantworten. In über 50 Fällen.

Gäth hatte »Woolit« entwickelt und sollte später den Herstellungsprozess überwachen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass über mehr als fünf Jahre lang – von April 2007 bis Dezember 2012 – in dem Unternehmen nicht so gearbeitet wurde, wie eine Genehmigung des Regierungspräsidiums Gießen es vorgeschrieben hatte.

Gießener Wissenschaftler im Fokus

Demnach war bei der Herstellung von »Woolit« nicht genügend Ton als Bindemittel beigefügt worden. Die Zahlen, die Süß verlas, klangen erschreckend: Hätte der Anteil von Ton eigentlich rund 20 Prozent betragen müssen, lag er tatsächlich nur zwischen gut einem und knapp fünf Prozent. Ob die gefährlichen Faserreste in dieser Form noch ausreichend gebunden werden konnten, ist mehr als fraglich.

Dabei sollen diese Stoffe nicht nur hautreizend, sondern sogar krebserregend sein, sagte der Staatsanwalt. Er geht von einem »besonders schweren Fall« aus, weil die beiden mutmaßlichen Täter »aus Gewinnsucht« gehandelt haben sollen.

Für seine Gutachten hat Gäth – Wissenschaftler an der Justus-Liebig-Universität Gießen – 84 000 Euro kassiert, erläuterte der Staatsanwalt. Der 59-Jährige – er hat die Professur für Ressourcenmanagement mit dem Schwerpunkt Abfall- und Stoffstrommanagement inne – hatte den Herstellungsprozess von »Woolit« regelmäßig überprüfen sollen. Glaubt man den Ermittlern der Anklagebehörde, waren die »Qualitätssicherungsberichte«, die der Wettenberger an das Regierungspräsidium Gießen geschickt hat, aber kaum das Papier wert, auf dem sie niedergeschrieben wurden.

Dem 63-jährigen Fritsch wirft die Staatsanwaltschaft außerdem vor, im September 2012 vertuscht zu haben, dass eine Außenwand seines Unternehmensgebäudes auf einer Fläche von 25 Quadratmetern schadhaft war. Dieses Loch sei just mit großen Mengen der gesundheitsschädlichen Fasern abgedeckt gewesen. Mitarbeiter des Regierungspräsidiums entdeckten dies erst knapp zwei Wochen später.

Bis zu zehn Jahre Haft

Sowohl Fritsch als auch Gäth äußerten sich nicht zu den Vorwürfen. Dafür redeten ihre Verteidiger. Sie rügten die Besetzung des Gerichts, da aus Termingründen andere Schöffenrichter eingesetzt worden waren, als die Kammer zunächst angekündigt hatte. Außerdem kritisierten sie einzelne Medienvertreter namentlich für deren Berichterstattung über das Ermittlungsverfahren.

Nicht nachvollziehbar ist für die Verteidigung die Entscheidung des Oberlandesgerichts (OLG), das Verfahren überhaupt zuzulassen. Das Gießener Landgericht habe dies zunächst nicht getan, weil es keinen hinreichenden Tatverdacht gebe, dass wegen der veränderten Herstellung von »Woolit« wirklich eine »erhebliche« zusätzliche Schädigung der Umwelt vorliege. Die Zahlen eines Gutachters, den das OLG beauftragt hatte, seien »erfunden«. Vielmehr komme dieser Gutachter zu dem Schluss, dass wegen eines »erhöhten Wassergehalts des Produkts kein Mehr an Gefährdung« durch die in Rede stehenden Chargen von »Woolit« ausgehe.

Beiden Angeklagten drohen im Fall einer Verurteilung Haftstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Der Prozess wird am 6. Februar fortgesetzt. Bislang sind 20 Verhandlungstage vorgesehen.

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