Wolfgang Wachendorff, Architekt des Hundertwasser-Hauses in Bad Soden. FOTO: SALOME ROESSLER
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Wolfgang Wachendorff, Architekt des Hundertwasser-Hauses in Bad Soden. FOTO: SALOME ROESSLER

Wohnen im eigenen Lebenswerk

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Unser vielseitiges Bundesland ist Thema der Serie "Hessisch!". Die Frage, wie die Hessen wohnen, geht weit über die Entscheidung "Mieten oder Kaufen" hinaus. Wolfgang Wachendorff hat mit dem Hundertwasser-Haus in Bad Soden seinen Traum erfüllt. Finanziell hat es ihn ruiniert. Ein Erfolg war es trotzdem.

Wolfgang Wachendorffs Ideale lassen sich kaum von denen des Architekturphilosophen Friedensreich Hundertwasser unterscheiden. Oft beginnt er Sätze mit: "Hundertwasser hat gesagt, ..." Dass die Begrünung auf den Terrassen und Dächern die Wiedergutmachung an die Natur sei. Oder: Dass es um die Harmonie zwischen Mensch und Natur gehe, weil alles andere den Menschen krank mache. Die Ideen kommen von dem Wiener Künstler Hundertwasser - Wachendorff hat sie in Bad Soden mit Leben erfüllt.

Der 70 Jahre alte Architekt mit den braunen Haaren und der großen, schlaksigen Statur im Karibikhemd führt durch seine Wohnung im Bad Sodener Hundertwasser-Haus, seinem Lebenswerk. In der rund geschnittenen Küche hängen Gemälde seiner Partnerin neben Nachdrucken von Hundertwasser-Bildern. In der Mitte steht ein schwerer Holztisch, zwei Balkone grenzen an den rundum befensterten Raum. 1988 hat er Hundertwasser kennengelernt, erzählt Wachendorff. Er kannte be- reits dessen Ideen. "Die Chemie zwischen uns stimmte", und nach wenigen Monaten kaufte er für 2,5 Millionen Euro das Grundstück mit dem alten Badehaus am Quellenpark. Es begannen die Vorbereitungen für den rund 20 Millionen Euro teuren Bau, an dessen Ende Wachendorffs Bankrott stehen wird.

"Silos" und "Gefängnisse"

Der Architekt schaut aus dem Küchenfenster über den blauen Zwiebelturm, über die Büsche und Bäume, die heute auf den Dächern und Terrassen der Anlage wachsen. Er blickt zum Wald am Horizont. Weil Bad Soden so viele Parks hat und so grün ist, habe er hier leben wollen. Er zeigt auf einen grauen Wohnblock. "Solche Silos habe ich gebaut." Damit hat er als Bauleiter sein Geld verdient. In den 70er Jahren war das. Auch den Bau eines Kölner Hochhauses hat Wachendorff geleitet. 47 Geschosse "und alle Wohnungen waren gleich geschnitten". Bei der Möblierung konnten die Käufer aus vier Stilen wählen. Solche anonyme Wohnungen meint Wachendorff, wenn er von "Silos" oder "kleinen Gefängnissen" spricht.

Hundertwasser nannte die Wohnung die "dritte Haut" des Menschen, nach der natürlichen Haut und den Kleidern, die man trägt. Und wie die eigene Haut solle sich der Mensch die Wohnung zu eigen machen. So wie Wachendorff mit seinen vielen Stühlen, die in jeder Ecke stehen. Er kennt die Perspektive, die er von jedem Platz aus hat. Den Blick über Bad Soden, auf die Küche oder auf die Balkone.

Insekten leben auf den Balkonen, Eichhörnchen sieht man, und unter dem Dach zieht gerade eine Eule ihre Kleinen auf. "Daran sieht man sich nie satt", sagt Wachendorff. Die krummen Treppenstufen führen hoch ins Schlafzimmer. In der 3000 Quadratmeter großen Wohnanlage findet man kaum geraden Linien, nicht bei den Wänden, nicht bei dem Säulengang im Erdgeschoss. Hundertwasser verabscheute gerade Linien.

Für das Bad Sodener Haus "In den Wiesen" hatte er das Modell entworfen. Der Architekt Peter Pelikan hat die Anlage geplant und ab 1990 hat Wachendorff den Bau geleitet. Die Maurer und Fliesenleger seien begeistert gewesen, weil sie ihre Kreativität einbringen konnten. Wachendorff nennt diese Zeit die wichtigste seines Lebens.

Viel Streit - und dann die Insolvenz

Nach drei Jahren steht die Märchenburg. Doch es gibt Probleme. Damals wurde Deutschland wiedervereinigt und viele investierten lieber in den neuen Bundesländern statt in Wohnungen in Bad Soden. Auch war Hundertwasser längst ein Star. Die vielen Touristen, die kamen, um das neue Hundertwasser-Haus zu sehen, erschwerten es Wachendorff, die 25 Wohnungen zu verkaufen. Sieben davon standen noch leer, als er 1997 alle Betriebe informierte, ihre letzten Forderungen zu stellen, bevor er Insolvenz anmeldete. "Am Ende schuldete ich nur der Bank Geld", sagt Wachendorff.

Er selbst musste aus seinem Hundertwasser-Haus ausziehen. Nur über einen Freund kam Wachendorff wieder an die Wohnung, in der er jetzt lebt. Über Jahre hat er sie abgezahlt. Es folgten zudem etliche juristische Streitereien mit der Stadt. Beispielsweise wegen der 100 Parkplätze in der Tiefgarage. 80 davon gehören der Stadt Bad Soden, die das Parkhaus nicht richtig pflegte, wie Wachendorff damals meinte.

Acht Jahre arbeitete er noch als Bauleiter, während der Efeu sich an den Fassaden seines Hundertwasser-Hauses nach oben rankte und auf den Terrassen die Bäume wuchsen. Über eine Wendeltreppe kommt Wachendorff ins oberste Zimmer des höchsten Turms unter einen bunten Baldachin aus Stein, Glas und bauchigen Säulen. Seit 2005 sei die Insolvenz überstanden. Auch die ganzen Gerichtsverfahren seien beendet.

Von oben sieht er das ganze Bad Sodener Panorama. Dort am Quellenpark gegenüber steht ein Haus von ihm, auf das er auch stolz ist. "Die Bewohner sagen, sie wollen das Haus nie mehr hergeben", erzählt er.

Noch stolzer macht ihn eine Liste in einem seiner Hundertwasser-Bücher. Weggefährten des Künstlers werden dort aufgeführt, darunter sein Name. Hier im obersten Zimmer habe er früher oft geschlafen. Manchmal, mitten in der Nacht, wachte er auf. Er sah ringsum die Sterne, den Mond und wusste, wie spät es war. "Hier habe ich erst gelernt, wie die Gestirne funktionieren."

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