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Routinierte Scherer benötigen pro Schaf nur wenige Minuten, um das Tier von seiner kiloschweren Wolle zu befreien.

Wohin mit der Wolle?

Zeit für die Sommerfrisur: Beim Scheren verliert ein Schaf drei bis vier Kilogramm Wolle, die an heißen Tagen dem Tier ordentlich einheizen würden. Doch wohin damit? Preisverfall macht den Bauern zu schaffen.

Das Schaf zappelt, strampelt und blökt, doch Widerstand ist zwecklos: Michael Hümmer hält das Tier mit einem Arm im festen Griff, mit dem anderen setzt er den Scherapparat an - erst hinter dem Kopf, dann an Rücken und Bauch wird die seit dem vergangenen Jahr gewachsene Wolle von der Haut getrennt, und schon nach wenigen Minuten kann das buchstäblich erleichterte Tier im jetzt ein wenig nackt wirkenden Sommerlook in den Pferch zu den anderen bereits geschorenen Tieren der Herde von Volker Schuhmacher springen.

Ein Helfer sammelt die Wolle auf und trägt sie zum Sammelpunkt, ein anderer zieht bereits das nächste Schaf zu Hümmer oder einem der vier Schafscherer, die seit dem frühen Morgen ein Schaf nach dem anderen um seine Wolle erleichtern, darunter sein Vater Jürgen Hümmer. Der macht den Job schon seit Jahrzehnten und ist normalerweise nach zwei Minuten mit der Schur eines Schafs fertig. Der 17-jährige Jonas Endres bei seinem ersten Vollzeit-Einsatz benötigt deutlich länger. »Diesen Tag wirst du nie vergessen!«, prophezeit Hümmer dem jungen Mann in einer Pause.

So idyllisch das Bild einer weidenden Schafsherde in den Hügeln des Taunus auch wirken mag - die Schafschur ist ein Knochenjob für alle Beteiligten, vor allem für die Schafscherer. »Es sieht ja keiner, was da an Arbeit hinter steckt«, meint Hümmer. »So ein Schaf hält ja meist nicht brav still.« Und 85 bis 100 Kilo zappelndes Tier müssen erst mal sicher gehalten werden, damit es zu einer schnittfreien Schur kommt.

Der Wollberg treibt Schafhalter Schuhmacher Sorgenfalten ins Gesicht. »Das wird man ja nicht los!« seufzt er. Pro Schaf fallen bei der Schur etwa vier Kilogramm Wolle an, bei der Herde insgesamt würden es etwa 3500 bis 4000 Kilogramm sein, schätzt er. Nur die Lämmer bleiben ungeschoren, ihre Wolle ist noch nicht so dick. Geschoren wird aus Gründen des Tierschutzes - im Sommer würde dieses Wollgewicht den Tieren zu schaffen machen. Wirtschaftlich lohnt sich die Schur hingegen nicht, ist sogar ein Verlustgeschäft für den Landwirt.

»Ich habe ja noch die Wolle vom letzten Jahr«, klagt Schuhmacher. Die werde zwar zu Ballen zusammengepresst, nehme aber trotzdem Platz ein. »Geld gibt’s dafür einfach nicht. Ich wäre ja schon froh, wenn das jemand für einen kleinen Unkostenfaktor nimmt. Zwar sei immer wieder mal davon die Rede, dass Schafswolle ein guter Dämmstoff sei. Schuhmacher wartet allerdings immer noch auf Abnehmer. Das Geschäft macht der Landwirt ausschließlich mit Fleisch.

Industrie sucht gleiche Qualität

Immerhin, mit dem Wetter hatte er Glück: Viel blauer Himmel, strahlender Sonnenschein. »Wenn es regnet, kommen die Scherer nicht«, sagt Schuhmacher. Denn wenn die Wolle nass wird, könne sie schimmeln. Und auch die Temperaturen stimmen für die Schafe. »Wenn es kühl ist und die sind nackig, ist das nicht so gut, die müssen sich erst gewöhnen an die Temperaturen ohne ihre Wolle. Aber bei dem Wetter jetzt ist das kein Problem.«

Arnd Ritter, Berater beim Landesbetrieb des Landes Hessen zum Thema Schafhaltung, ist mit dem Problem der Wolle vertraut. »Schafwolle findet zurzeit keinen Absatz«, sagt er. »Die nachgelagerte Industrie sucht große Mengen gleicher Qualität.« Denn ein Merkmal in Deutschland sei die Vielfalt der gehaltenen Schafrassen - die allerdings unterschiedliche Wollqualitäten haben. Für einheitliche Wollballen werde daher lieber Wolle aus großen Schafhalter-Nationen wie Australien, China oder Neuseeland importiert, deren Herden einheitlich zusammengesetzt seien.

Für zusätzliche Kosten beim Transport deutscher Wolle sorgten EU-Auflagen, die Wolle ähnlich wie Schlachtabfälle einstuften. »Wolle ist eine Katastrophe!« seufzt auch ein Sprecher des Hessischen Bauernverbands. »Das einzige, was den Bauern etwas bringt, ist Lammfleisch.«

Düngepellets aus Wolle

»Da Handarbeiten wieder im Trend liegen, gibt es Leute, die auch wieder selber spinnen und von den Bauern Wolle kaufen - aber das sind halt nur geringe Mengen«, so Ritter. Der Preis für Rohwolle liege schon seit Jahren deutlich unter den Produktions- und Schurkosten. »Es gibt einfach null Interesse vom Handel«. Immerhin - es gebe Initiativen, etwa zur Vermarktung von Düngepellets aus Schafswolle, an der sich auch das Biosphärenreservat Rhön beteilige. »Das ist auf jeden Fall eine Option in die Zukunft.«

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