Ist der Wolf in Deutschland gefährdet oder nicht? 
Die Meinungen der Fachleute gehen auseinander.	FOTO: DPA
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Ist der Wolf in Deutschland gefährdet oder nicht? Die Meinungen der Fachleute gehen auseinander. FOTO: DPA

»Wölfe sind nicht gefährdet«

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Geisenheim - Der Wolf kehrt zurück - auch nach Hessen. Nachdem im Revier der Stölzinger Wölfin in Nordhessen erstmals auch ein Rüde genetisch nachgewiesen wurde und die Bildung eines Rudels bevorstehen könnte, wird die Frage nach dem Umgang mit den Raubtieren drängender.

Isegrim ist in Deutschland und in der EU streng geschützt. Auch dann, wenn Wölfe wiederholt Schafe reißen, so wie die Stölzinger Wölfin, dürfen sie nur in Ausnahmefällen abgeschossen werden. Der Grund dafür ist, dass das Raubtier als bedrohte Art gilt. Dem widersprechen mehrere deutsche Wissenschaftler nun.

Ausdauernde Wanderer

»Es gibt schätzungsweise 1200 bis 1500 Wölfe in Deutschland. Das klingt erst mal nicht viel. Aber Wölfe sind sehr mobil und wandern extrem weite Strecken. Die Population in Deutschland ist keine eigenständige, sondern gut vernetzt mit Polen«, erklärt Prof. Eckhard Jedicke von der Hochschule Geisenheim im Rheingau. Die Zahl der Raubtiere, ihr exponentielles Wachstum und das mit der hohen Wanderfreudigkeit zusammenhängende geringe Inzuchtrisiko führe zu dem Schluss, dass Wölfe in Deutschland aus fachlicher Sicht nicht gefährdet sind. Selbst dann, wenn man nun anfangen würde »regulativ« in den Bestand einzugreifen, also zu jagen. Zu dieser Einschätzung kommt Jedicke in einem aktuellen Artikel in der Fachzeitschrift »Naturschutz und Landschaftsplanung«.

Allerdings ist fast zeitgleich in einer Zeitschrift mit fast dem gleichen Namen, der »Natur und Landschaft«, ein Artikel über den Erhaltungszustand des Wolfes in Deutschland erschienen, der dort als »ungünstig-schlecht« beschrieben wird. Das Heft wird vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegeben. Erklärtes Ziel ist die Erreichung des »günstigen Erhaltungszustands« - ein Begriff aus dem EU-Recht, genauer gesagt der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH), der seit 1992 für zahlreiche seltene oder bedrohte Pflanzen- und Tierarten angewandt wird. Auch in der BfN-Zeitschrift wird das starke Wachstum des Wolfsvorkommens in Deutschland beschrieben. Dort kommt man aber trotzdem zu dem Schluss, dass die Raubtiere »weit entfernt« von einer sich selbstständig und langfristig erhaltenden Population in Deutschland - der Erreichung des »günstigen Erhaltungszustands« seien.

Auf Nachfrage unserer Zeitung wird auf die Internet-Seite des Bundesumweltministeriums verwiesen. Dort heißt es, dass von einem »günstigen Erhaltungszustand« unter anderem erst dann ausgegangen werden könne, wenn es Wölfe »auch in bisher nicht vom Wolf besiedelten aber besiedelungsfähigen Gebieten« gibt. Das würde mit Ausnahme von Ballungsgebieten fast die ganze Republik betreffen, denn die Raubtiere können in Deutschland fast überall leben - so das Ergebnis einer im Mai veröffentlichten BfN-Studie. Ist Isegrim wirklich erst dann nicht mehr bedroht, wenn es ihn überall in Deutschland gibt?

Eckhard Jedicke, der an der Hochschule Geisenheim das Kompetenzzentrum Kulturlandschaft leitet, hat sich gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern, unter anderem der Uni Freiburg, zu einem Artikel über das Thema entschlossen, »weil wir die öffentliche Diskussion als sehr festgefahren erleben«. In der Regel stehen sich Behörden und Naturschutzverbände auf der einen und Weidetierhalter und Jäger auf der anderen Seite unversöhnlich gegenüber. Unter anderem regen die Wissenschaftler an, bei der Bewertung des Erhaltungszustandes von bedrohten Arten stärker auf deren jeweilige Biologie einzugehen - also zum Beispiel darauf, wie weit sich Wölfe auf der Suche nach einem Partner fortbewegen. Die Kriterien passten nicht bei allen Arten zur Realität.

Christopher Ziermann

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