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Wo Marmor, Stein und Eisen spricht

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Die glattgeschliffene Wand des Villmarer Unica-Bruchs bietet einen einmaligen Einblick in ein Stromatoporen-Riff aus dem Mitteldevon. © Red

Warum Hessen einst am Äquator lag, Kalkstein aus der Lahnmulde weltberühmt wurde und die Region auch ansonsten geologisch äußerst interessant ist, erzählt das Lahn-Marmor-Museum in Villmar.

Ob im Empire State Building in New York, in der Eremitage in St. Petersburg, im Bahnhof Haydarpasa in Istanbul oder im Palast des Maharadschas von Tagore in Indien: Auf der ganzen Welt stehen Bauwerke, in denen ein mehr oder weniger großes Stück Hessen steckt. Wobei diese Stücke entstanden, als unser Planet noch ganz anders aussah. Europa lag auf Äquatorhöhe und war zu weiten Teilen von Meer bedeckt. Damals, vor rund 385 Millionen Jahren, im Zeitalter des Devon. Unter Wasser brodelten Vulkane, allerlei Getier wogte durchs devonische Meer, darunter Stromatoporen, eine ausgestorbene, schwammartige Lebensform, die besonders eifrig Riffe bildete. Die Erde ruckelte sich zurecht und so findet sich eines dieser Riffe heute in der Gemeinde Villmar nahe Limburg wieder - und damit mitten in Hessen, weit entfernt von jeglichem Meer. Dafür fließt in der Nähe die Lahn vorbei, von ihr hat das Gestein, das dort vier Jahrhunderte lang abgebaut wurde, seinen Namen: Lahnmarmor.

»Als Hessen am Äquator lag«: Unter diesem Titel hat Rudolf Conrads früher Vorträge gehalten über den geologischen Schatz, der sich zwischen Taunus, Vogelsberg und Westerwald durchs Erdreich zieht. »Dieses Stromatoporen-Riff gehört zu den bedeutendsten seiner Art weltweit.« Conrads ist einer der Gründungsväter des Lahn-Marmor-Museums, das seit 2005 über Entstehung, Geschichte, Abbau und Verwendung des für seine Farbigkeit geschätzten Werksteins informiert.

Träger des Museums ist seit 2016 eine gemeinnützige Stiftung, die 2015 aus einem bereits 1997 gegründeten Verein hervorging. Dieser legte vor 25 Jahren den Grundstein für das Lahn-Marmor-Museum, kurz LMM. Im Jubiläumsjahr 2022 blicke man zurück auf eine Erfolgsgeschichte, sagt Conrads, der Vorsitzender des Stiftungsbeirats ist. Gerade wurde die neue Sonderausstellung »Die drei Leben des Unica« eröffnet.

Der Villmarer Unica-Bruch ist etwa sechs Meter hoch sowie 15 Meter breit und gewährt »einen einzigartigen Einblick in ein Stromatoporen-Riff in Lebendstellung«. Museumsführer Gerold Alban steht vor der geschliffenen Wand, Gäste streichen mit den Händen über die glatte Fläche, in der neben Stromatoporen auch Korallen, Seelilien, Kopffüßler und Schnecken zu erkennen sind. Und dann all diese Farben: Die Rottöne gehen auf Vulkanismus und oxidiertes Eisen zurück, Schwarz und Grau auf dunklen Ton und Kohlenstoff, Gelb und Ocker auf Limonit. »Wo Marmor, Stein und Eisen spricht«, verheißt ein Kurzfilm, in dem sich das LMM vorstellt.

Das Museumsgebäude ist etwa 385 Meter vom Unica-Bruch entfernt. Auf dieser Strecke wurde ein »erdgeschichtlicher Weg« gestaltet, der die geologischen Zeiträume vom Mitteldevon bis heute abbildet. »385 Meter entsprechen 385 Millionen Jahren«, sagt Bernold Feuerstein vom Stiftungsvorstand. »Mit jedem Schritt gehen wir eine Millionen Jahre durch die Erdgeschichte.« Info-Tafeln erläutern die Zeitalter, ein kleiner Globus zeigt, wie die Lahnregion im Laufe der Jahrmillionen von 20 Grad südlich bis 50 Grad nördlich des Äquators gewandert ist. »Der ganze mittelhessische Raum«, betont Feuerstein, »ist eine geologisch sehr interessante Gegend.«

Bereits im 12. Jahrhundert wurde der schmucke, polierfähige Kalkstein nicht nur zum Kalkbrennen genutzt, sondern auch als Werkstoff für Bauten wie dem Limburger Dom entdeckt. Der im 16. Jahrhundert zunehmende Bedarf speziell der katholischen Kirche wurde wesentlich mit Stein aus Italien gedeckt. Die Beschaffung war jedoch zeit- und kostenaufwendig und so wurde nach heimischen Materialien gesucht. »Der Lahnkalkstein als Marmor wird erstmals 1594 urkundlich erwähnt«, sagt Rudolf Conrads. Und so begann bald der Abbau im großen Stil. Von Wetzlar bis Balduinstein wurde Lahnmarmor gefördert und bearbeitet. Villmar wurde zu einem Zentrum, »wahre Bildhauer-Dynastien« habe der Ort hervorgebracht, sagt Bernold Feuerstein.

»Entlang der Lahn gab es etwa 100 Steinbrüche«, berichtet Rudolf Conrads. Skulpturen, Stelen, Säulen, Altäre und Objekte wie Schüsseln oder Tischplatten wurden aus Lahnmarmor gefertigt, vielfach fand er Einsatz in Sakral- und Prachtbauten. In der Region etwa in den Epitaphien des Mainzer Doms, in Wiesbaden im Kurhaus und im Biebricher Schloss, in Bad Nauheim im Fürstenbad und Sprudelhof oder im barocken Bad des Weilburger Schlosses. Ferner gibt es Lahnmarmor in den Domen von Berlin, Köln, Würzburg und Trier, in den Schlössern von Brühl, Benrath und Schwetzingen, in der Universität von Zürich und sogar im Kreml in Moskau. Prominentestes Beispiel aber ist das Empire State Building. »Die Eingangshalle ist an den Wänden komplett mit Lahnmarmor verkleidet«, sagt Feuerstein.

Doch auch die weniger glorreichen Kapitel in der Historie des Lahnmarmors beleuchtet das Museum. Die Arbeit in den Steinbrüchen sei hart und gefährlich gewesen und Arbeitsschutz bis ins 20. Jahrhundert quasi unbekannt. In den 1930er Jahren war das NS-Regime emsiger Abnehmer von Lahnmarmor, um damit seine Protzbauten auszustatten.

Wer sich heute für Lahnmarmor interessiert, muss suchen, er wird seit gut 30 Jahren nicht mehr gefördert. Übrigens: Lahnmarmor - das muss zum Schluss noch verraten werden - ist aus geologischer Sicht überhaupt kein Marmor, sondern sogenannter Massenkalk. »Ihm fehlt ein metamorpher Prozess, der die kristallinen Strukturen so verändert hat wie etwa beim Carraramarmor.« Doch genau das mache seinen Reiz aus. Eine Carrarawand sei einfach weiß, der Unica-Bruch mit all den eingeschlossenen Relikten aus der Urzeit »hat viel mehr zu erzählen«.

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