RP: "Wir reden seit 30 Jahren aneinander vorbei"

Gießen (süd). Ländlicher Raum kontra Metropolregion!? Dieses Thema treibt Regierungspräsident Dr. Lars Witteck um, weil es die Debatten der nächsten Jahre bestimmen wird.

Witteck will als Vertreter Mittelhessens den Dialog mit der Region Frankfurt/Rhein-Main suchen, und zwar "auf Augenhöhe", wie er im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung erläuterte. Fragen wie "Was tut ihr für uns? Was tun wir für euch? Wo sind Ausgleichsfunktionen?" stehen dabei auf der Agenda.

Die Metropole ziehe Arbeitskräfte an, die auf dem Land wohnen, kriege das Wasser aus dem Vogelsberg, "saubere Luft von uns", profitiere von den Windrädern in Mittelhessen - eine Aufzählung von Beispielen und lange nicht erschöpfend. Der ländliche Raum bekomme zu wenig zurück, meint Witteck. Ganze Ortskerne - zum Beispiel im Vogelsberg - veröden, weil immer mehr Menschen in Richtung Großstadt ziehen, gleichwohl müssen Feuerwehren und Feuerwehrhäuser, Bürgerhäuser und Sportplätze, Kanäle und Straßen vorgehalten werden, in gutem Zustand selbstredend, um möglichste viele Leute hier zu halten. Aber die Gebühren steigen dennoch, vieles wird teurer, weil von wenigen genutzt. Der RP führte weitere negative Auswirkungen auf den ländlichen Raum an. Menschen, die in der Metropolregion arbeiten, würden dort auch einkaufen. Und weil sie abends noch auf der Autobahn stehen oder im Zug sitzen, könnten sie sich auch nicht im örtlichen Verein engagieren, zum Beispiel ein Vorstandsamt übernehmen.

Debatte wird sich verschärfen

Die Metropolregion halte entgegen: Wir haben den Lärm, die Emissionen, Kriminalität, hohe Mieten, machen Kulturangebote. "So geht es seit 30 Jahren, wir reden aneinander vorbei", meinte Witteck. Er ist überzeugt, dass sich die Debatte in den kommenden Jahren noch verschärfen wird, deutschland- und hessenweit, siehe Neuordnung des kommunalen Finanzausgleichs, die bereits zu Protesten reicher Kommunen geführt habe, die sich dafür aussprechen, besser den "Herzmuskel des Landes" zu stärken als die Fläche. Aber eigentlich ergänzen und bedingen sich große Städte und der ländliche Raum, ist eine Kooperationsstruktur gefragt.

Witteck sieht hier eine wichtige Aufgabe für seine Behörde, spricht von Scharnierfunktion. Er will mitreden, wenn in der Landeshauptstadt Wiesbaden über Strategien für den ländlichen Raum diskutiert wird, "denn wir wissen, worum es geht".

Gleichzeitig will der RP den ländlichen Kommunen im Rahmen eines gezielten Regionalmanagements Konzepte zur Verfügung stellen, was sie gegen die Landflucht tun können, denn nicht jede Gemeinde müsse das Rad neu erfinden. Das werde die Regionalität, den Zusammenhalt in der Region stärken, glaubt der RP. In seiner Behörde stecke entsprechende Kompetenz, zum Beispiel in der vor eineinhalb Jahren gegründeten Stabsstelle "Entwicklung ländlicher Raum".

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