Waschbärenjagd

Wildtierfelle wegwerfen oder anziehen?

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Felle von gejagten Wildtieren wie Fuchs oder Waschbär landen meist im Müll. Geht es nach Jägern werden sie künftig für Bekleidung und Accessoires genutzt – ab Winter auch in Hessen.

Sie sehen niedlich aus und wirken mit ihrer dunklen "Augenbinde" ein bisschen wie die tierischen Verwandten der Disney’schen Panzerknacker. Doch sie vermehren sich immer stärker und stellen für viele Menschen eine Plage dar, die auf Futtersuche nicht zuletzt Singvögeln nachstellt und Gärten verwüstet. Daher sind Forstbehörden und Jäger zunehmend gefordert, Waschbären zu bejagen. So wie Füchse oder Marder.

Doch wohin mit den Fellen? Sie landen zumeist im Abfall. Das soll sich jetzt ändern. Im Herbst startet ein bundesweites Pilotprojekt zur Verarbeitung von Bälgen (die Haut, die einem getöteten Tier abgezogen wurde) der in heimischen Wäldern erlegten Tiere zum Beispiel für Bekleidungsstücke. Dem widmet sich eine vom deutschen und baden-württembergischen Jagdverband gegründete GmbH, die den für Tierschützer etwas provokanten Namen "Fellwechsel" trägt. Die Abbalganlage steht in Rastatt.  

Für eine Verwendung der Tiere zu anderen Zwecken als der menschlichen Ernährung … gibt es keinen vernünftigen Grund.

Lea Schmitz, Tierschutzbund

Mitinitiator ist der hessische Jagdverband. "Wir informieren unsere hessischen Mitgliedsvereine, Hege- und Pächtergemeinschaften, geben Hilfestellung zur Organisation und beraten zum Beispiel bei der Anschaffung und Platzierung von Tiefkühltruhen für erlegtes Raubwild", erklärt der Sprecher des Landesjagdverbands, Markus Stifter. Auch bisher seien Raubwildbälge sinnvoll verwertet worden, nur gelinge es für den einzelnen Jäger in einer koordinierten Gemeinschaftsaktion besser und mit geringerem Aufwand. Rund 55000 Tiere in der letzten Jagdsaison erlegt

Die hessischen Jägerinnen und Jäger können ab der Wintersaison 2017/2018 erlegte Tiere sammeln. Die Abbalgstation organisiert dann die Abholung. Derzeit werden von den Hegegemeinschaften mit Unterstützung des Landesjagdverbandes regionale Sammelstellen initiiert, die möglichst geringe Anfahrtswege für die Jäger nach sich ziehen.

Im Jagdjahr 2015/2016 wurden in Hessen 55 793 Stück Raubwild erlegt, davon 33 000 Füchse, 18 000 Waschbären, 3500 Dachse und 370 Steinmarder. Nur die besten Winterfelle können verwertet werden. Im Sommer erlegte oder sichtlich kranke Tiere – die Räude spielt auch in Hessen eine immer größere Rolle – fallen heraus.

Naturschützer sehen die Initiative mit gemischten Gefühlen: Einerseits sei eine Verwertung sinnvoller als die Vernichtung, andererseits werde das Tragen von Pelzen in der Öffentlichkeit damit wieder salonfähig gemacht. Der Deutsche Tierschutzbund äußert sich komplett ablehnend – und das aus mehreren Gründen. Tierschutzbund: Unnötiges Leid Zum einen werfen die Tierschützer den Jägern vor, auf Totschlagfallen zurückzugreifen oder Füchse und Dachse beispielsweise durch Hunde im Bau bejagen zu lassen. Den Tieren würde dabei unnötig Leid zugefügt, oftmals würden Jagdhunde verletzt oder getötet. Auch die Bejagung aus Artenschutzgründen sehen die Tierschützer nicht: "Jährlich werden fast eine halbe Million Füchse durch die Jagd getötet, ohne dass dies beispielsweise bedrohten Vogelarten wie Kiebitz, Bekassine oder Auerhuhn nutzen würde. Der Grund ist, dass die Ursachen für die Bedrohung dieser Tierarten vor allem in der Lebensraumzerstörung liegen und Beutegreifer nur eine untergeordnete Rolle spielen. Bei als invasiv eingestuften Tieren wie dem Waschbären hält die Ausbreitung dieser Tierart unverändert an, ohne dass die Jagd die Population regulieren könnte", sagt Pressesprecherin Lea Schmitz des Deutschen Tierschutzbundes.

Dem Verbraucher muss vermittelt werden, dass Echtpelz aus heimischer Jagd mit gutem Gewissen getragen werden kann.

Markus Stifter, Landesjagdverband

Reh und Wildschwein könnten zudem verzehrt werden, Füchse und andere Beutegreifer dagegen nicht. Sie wanderten daher komplett in den Müll. "Für eine Verwendung der Tiere zu anderen Zwecken als der menschlichen Ernährung – als Pelz, Modeartikel, Trophäe oder Luxusgut – gibt es keinen vernünftigen Grund. Denn ein solcher greift nur, wenn es um menschliche Erhaltungsinteressen und elementare Bedürfnisse geht. Dies ist hier nicht gegeben", meint Schmitz.

Jagdverband: Heimische Pelze sind ökologisch

Dass sieht der Jagdverband völlig anders: Das Tragen von Pelzen aus der heimischer Jagd sei aus mehreren Gründen sinnvoll und ökologisch: "Die Bejagung von nicht heimischen Arten wie Marderhund, Mink und Waschbär dient der Umsetzung der EU-Verordnung zum Management invasiver gebietsfremder Arten. Pelz ist ein natürlicher Rohstoff, der langlebig und biologisch abbaubar ist – und damit ressourcenschonend im Gegensatz zu Textilfasern aus Erdöl." Es gehe den Jägern auch darum, ein Gegengewicht zu fragwürdigen Haltungsformen in Pelzfarmen aufzubauen. Stifter: "Dem Verbraucher muss vermittelt werden, dass Echtpelz aus heimischer Jagd mit gutem Gewissen getragen werden kann."

Sind "Ökopelze" Etikettenschwindel? Einspruch von Tierschützern: Solche "Ökopelze" seien letztlich nur ein Etikettenschwindel auf Kosten der Tiere, denn auch für diese Pelze müssten Tiere leiden und sterben. Zumal bei der Verarbeitung, zum Beispiel dem Gerben, keinesfalls nur natürliche Stoffe eingesetzt würden. "Insofern ist auch das Argument einer ökologischen Alternative zu Fellen aus Pelzfarmen nicht zu halten. Ein Tierleid kann durch ein anderes nicht aufgewogen werden", meint Schmitz.

Während Tierschützer Widerstand gegen das Projekt ankündigen, führen die Organisatoren derzeit Gespräche mit großen Abnehmern und Kooperationspartnern. Sollte das Pilotprojekt sich als wirtschaftlich erweisen, soll es zur Dauereinrichtung werden.

Info

Kontroverse Interessenvertreter

Deutscher Jagdverband (DJV): Er ist der Dachverband der 15 Landesjagdverbände mit 245 000 Jägern mit Ausnahme von Bayern. "Seine Aufgabe ist der Erhalt, die zukunftsgewandte Weiterentwicklung und der Schutz von Wild, Jagd und Natur", sagt er über sich selbst.

Landesjagdverband (LJV) Hessen: Der LJV ist ein Zusammenschluss von 52 hessischen Jagdvereinen und sechs Vereinen als fördernde Mitglieder. Er vertritt rund 20 000 hessische Jägerinnen und Jäger in Staat und Gesellschaft. Deutscher Tierschutzbund: Er wurde 1881 als Dachorganisation der Tierschutzvereine und Tierheime in Deutschland gegründet. Heute sind ihm 16 Landesverbände und mehr als 740 Tierschutzvereine mit über 550 vereinseigenen Tierheimen oder Auffangstationen und über 800 000 Mitglieder aus allen Teilen der Bundesrepublik angeschlossen. Er ist damit Europas größte Tier- und Naturschutzdachorganisation.

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