Ohne Elektro

Westernhagen unplugged in Frankfurter Festhalle

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Für ein Unplugged-Konzert beginnt der Abend in der Frankfurter Festhalle ganz schön rockig. 5000 Fans sind gekommen, um Marius Müller-Westernhagen zu hören.

Mit "Baby, lass uns Liebe machen für ’ne bessere Welt" umreißt Westernhagen schon im ersten Song das gewohnte Spektrum zwischen Liebe, Sex und zunehmend Sorge um den Zustand unserer Welt – und die vielköpfige Band macht auch ohne E-Gitarren vom ersten Takt an ordentlich Dampf. Westernhagen hat den auch bei Maffay und Lindenberg in Diensten stehenden Gitarrenhelden Carl Carlton an Bord, und dessen akustische Klampfe tönt durchweg nicht weniger dreckig als eine E-Gitarre. Auch der triefende Blues "Hass mich oder lieb mich" glänzt mit Carlton an der Slide-Gitarre. Roh und rockig geht es weiter mit "Ladykiller", wo MMW sein typisch gurgelndes Röhren erklingen lässt, und "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz", das die 5000 Fans sofort aus ihren Sitzen holt.

Dass man in dieser ersten Runde des gut zweistündigen Konzerts kaum Unterschiede zu elektrischen Shows bemerkt, liegt wohl an dem großen Besteck, das Marius Müller-Westernhagen aufgefahren hat: Neben MMW und seiner Frau Lindiwe – die "Luft um zu atmen" singt – sitzen oder stehen noch weitere 13 Musiker und Backgroundsänger, darunter der auch schon bei Maffay unplugged überragende Saxofonist Frank Mead, auf der Bühne. Pianist Kevin Bents ist seit Jahren der musikalische Direktor der weitgehend amerikanischen Band. Geigerin Gillian Rivers darf die erste typische Marius-Ballade "Weil ich dich liebe" veredeln, aber schon geht es mit "Wir haben die Schnauze voll" – Slidegitarre und Bluesharp (Frank Mead) – kraftstrotzend weiter.

Schnell wird klar, dass die Band nicht einfach das Programm des Berliner Unplugged-Auftritts von 2016 wiederholt, sondern viele Stücke ausgewechselt hat und selbst während der aktuellen Tour etliche Titel variiert. Es scheint, dass dem Sänger doch viele Songs am Herzen liegen, die er präsentieren möchte. Schließlich hat er ja auch zu Protokoll gegeben, dass der Sinn eines Unplugged-Projekts für ihn nicht darin bestehe, seine größten Hits einfach ohne Stromstecker zu spielen.

"Sexy" und "Mit 18"

Dass er aber an "Pfefferminz" mit seinem Nonsens-Text oder "Sexy" nicht vorbeikommt, gehört zu den Regeln des Rock: Give the people what they want. Aber notengetreues Herunternudeln ist zum Glück nicht Westernhagens Sache: "Sexy" beginnt im Shuffle-Rhythmus, bekommt einen neuen "Power of soul/Anything is possible"-Mittelteil, der die Fans beim Mitsingen überfordert, und wechselt zum Schluss in den bekannten Geradeaus-Modus. Auch dem noch chansonhaften "Taximann" (1975) wird ein Arrangement mit Mandoline und Slide sowie ein rockiger Schluss à la Allman Brothers verpasst. Lediglich der Partyrocker "Mit 18" ertönt in einem Tempo, das eher nach achtzig als nach achtzehn klingt.

Gelungen ist "Es geht mir gut" mit einem mitmuckenden Akkordeon. Wie fast alle alten Lieder singt MMW es einen Ton tiefer als damals, aber das juckt natürlich niemanden – zumal er es stimmlich immer noch draufhat und sein charakteristisches Organ auch und vor allem in den Balladen meisterhaft einsetzt.

Eine lange Rede über die Gefährdung der Demokratie durch Trump und andere Populisten, aber auch durch eigene Gleichgültigkeit in unserer verwöhnten Gesellschaft führt zu "Liebe (um der Freiheit willen)" vom letzten Album "Alphatier" (2014). Es steigert sich zu einer Hymne auf Demokratie, Liebe und Freiheit – potenziell kitschig, aber durch Westernhagens’ engagiert-emotionales Röhren eine Gänsehautnummer.

Dass "Johnny W." und "Freiheit" in den Zugaben enthalten sind, überrascht niemanden, aber die einzige Coverversion des Abends, Bowies unsterbliches "Heroes" mit deutsch-englischem Text und in einem völlig eigenständigen Arrangement, sorgt für einen weiteren Höhepunkt des Abends mit einem gut gelaunten, den Fans zugewandten Westernhagen.

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