Landwirtschaft

Wenn die Speicher leer sind

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Hitze und Trockenheit in diesem Sommer haben den Bauern hart zugesetzt. Verdorrte Wiesen, mickrige Ackerfrüchte, hohe Ernteausfälle. Für viele ist die Ursache klar: der Klimawandel.

Nach dem zunächst sehr nassen und Ende Februar noch einmal richtig kalten Winter 2017/18 kam der Sommer im April sehr früh und hielt sich bis weit in den Oktober.

Ausbleibende Niederschläge sorgten für Ernteeinbußen von teilweise weit über 30 Prozent und mehr in der Landwirtschaft. Die Klimaveränderung macht sich bemerkbar.

Mit welchen Folgen muss die Landwirtschaft in Zukunft rechnen? Fragen an Dr. Lutz Breuer, Professor für Landschafts-, Wasser- und Stoffhaushalt im Institut für Landschaftsökologie und Ressourcenmanagement der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Welche Auswirkungen des Klimawandels sind bei uns in der Landwirtschaft schon wahrnehmbar?

Prof. Lutz Breuer: Was wir allgemein sehen ist, dass sich die Vegetationsperioden verändern. Wir haben häufiger Sommer- und Frühjahrstrockenheiten. Das heißt: Die Böden sind zum Teil gar nicht gesättigt, bevor es in die Phase geht, in der die Pflanzen keimen und Wasser brauchen, wenn sie sich voll entwickeln sollen. Wir können nicht mehr mit Sicherheit davon ausgehen, dass wir jedes Jahr wieder gute Ausgangsbedingungen für den Start in die Vegetationsperiode haben.

Haben wir dieses Jahr einen Jahrhundertsommer erlebt?

Breuer: Es gibt natürlich solche Extreme wie die Sommer 2018, 2015 oder 2003, die – das muss man auch sagen – für dieses Jahrhundert besonders extrem waren. Aber im letzten Jahrhundert gab es durchaus auch Phasen, in denen wir eine noch längere Trockenheit hatten. Da wäre 2018 einer von mehreren Jahrhundertsommern gewesen.

Welche Wirkung hatte der heiße und trockene Sommer dieses Jahres?

Breuer: Wie jeder sicher gemerkt hat – im eigenen Garten oder beim Spazierengehen draußen in der Landschaft: Die Pflanzen waren einfach unterversorgt mit Wasser. Für viele Landwirte war es so, dass die Erträge regelrecht eingebrochen sind – je nachdem, welchen Standort man hatte. Extrem haben es auch die Tierhalter gemerkt, deren erster Grünschnitt im Jahr noch ganz gut war. Der zweite ist aber bei vielen schon ausgefallen, weil die Biomasse nicht nachgewachsen ist. Man kann sagen: Dort wo die Böden mehr Feuchtigkeit speichern können, können die Pflanzen langfristig besser mit Trockenheit umgehen, wie zum Beispiel in der Wetterau. Aber auch hier gilt: Regnen muss es dafür auch irgendwann mal.

Was ist für die Zukunft zu erwarten?

Breuer: Die Prognosen sagen, dass wir in der Gesamtsumme über das Jahr bei den Niederschlägen gar nicht so viele Änderungen wahrnehmen werden. Aber die Verteilung wird eine ganz andere. Zum einen werden die Wintermonate wohl feuchter. Das kann man die letzten hundert Jahre schon in allen Bundesländern beobachten, da diese Niederschläge um die 20 und zum Teil schon 30 Prozent zugenommen haben. Und dass die Art der Niederschläge anders wird. Den Zwischenspeicher Schnee werden wir immer weniger haben. Die Niederschläge, die fallen, werden somit auch schneller wieder abfließen. Und auf der anderen Seite sind die Sommerniederschläge, die abnehmen, bislang so um die fünf bis zehn Prozent, sodass wir insgesamt zwar genug Wasser hätten, nur eben zur falschen Jahreszeit.

Was muss die Landwirtschaft tun, um sich dem Wandel anzupassen?

Breuer: Die erste Maßnahme, an die man da denken würde, wäre Bewässerung, wie sie in vielen Ländern der Erde intensiv betrieben wird. Die Prognosen gehen davon aus, dass wir weltweit deutlich mehr Bewässerungslandwirtschaft bekommen werden. Von derzeit weltweit etwa 20 Prozent gehen die Prognosen auf 40 Prozent bis Mitte des Jahrhunderts. In Deutschland wird das allerdings nicht so einfach möglich sein, weil wir gar nicht die Wassermengen haben. Hier sind es derzeit etwa vier Prozent der Fläche, auf denen bewässert wird. Das wird sich aber nicht so stark erhöhen, weil wir nicht das Grundwasser leerpumpen können, um landwirtschaftliche Betriebe zu unterstützen.

Man wird mit Sicherheit mehr Pflanzen anbauen, die trockenresistenter sind, zum Beispiel Hirsesorten – auch als Biomasse oder für Biogasanlagen.

Prof. Lutz Breuer, Universität Gießen

Was wäre eine Alternative?

Breuer: Die Landwirte werden sich in der Form anpassen müssen und vielfältiger anbauen, um dem Risiko entgegenzuwirken, alles auf eine Karte zu setzen, wie beispielsweise auf den Mais. Man wird mit Sicherheit mehr Pflanzen anbauen, die trockenresistenter sind, zum Beispiel Hirsesorten – auch als Biomasse oder für Biogasanlagen. Die Züchter werden mehr in Richtung trockenheitsresistent züchten. Und dann gibt es noch das Bodenmanagement. Gerade der ökologische Landbau macht das ja vor, dass er viel mit Mulch arbeitet – die Abdeckung des Bodens damit weniger Wasser verdunstet.

Welche Möglichkeiten bieten sich in der Pflanzenzucht, den erwarteten klimatischen Veränderungen zu begegnen?

Breuer: Das sind Pflanzen, die man eher aus dem trockenen Bereich der Erde kennt. Das sind aber gerade nicht die Pflanzen, die Ottonormalverbraucher gerne als Lebensmittel konsumiert. Also, Hirsebrei als Mittagessen, können sich die meisten hier nicht vorstellen. Ich gehe davon aus, dass solche Pflanzen dann eher als Tierfutter genutzt werden oder auch in Biogasanlagen. Ich sehe aber nicht, dass wir Pflanzen aus den Subtropen anbauen, um das Nahrungsmittelangebot bei uns zu erweitern.

Müssen wir um unsere gewohnten Nutzpflanzen wie Gerste oder Weizen fürchten?

Breuer: Eher nicht. Wir sprechen ja immer noch von hohen Erträgen, die wir haben. Und dann gibt es immer noch den Effekt, dass solche Klimaextreme durch den Handel abgepuffert werden. Wenn es jetzt bei uns diesen Sommer ziemlich trocken war, heißt das ja nicht, dass Ernteerträge überall auf der Welt eingebrochen sind.

Konventionell oder ökologisch: Welches Produktionsmodell in der Landwirtschaft ist eher zukunftsträchtig?

Breuer: Der ökologische Landbau schafft es schon, mit dem Boden nachhaltiger umzugehen. Und der Boden ist bei der Produktion die Schlüsselstelle. Man kann zwar hervorragendes Saatgut produzieren, aber wenn der Boden das Wasser nicht speichern kann, dann kann auch die beste Pflanze dort nicht gedeihen. Man kann mit nachhaltigen Methoden schon erreichen, dass der Boden das Wasser besser zurückhalten kann. Da muss der konventionelle Landbau sicher vom ökologischen lernen. Andererseits kann man auch sagen, dass gerade im Ökolandbau mehr in die Zucht und Auswahl von besseren und produktiveren Pflanzen gesteckt werden müsste.

Die Weinbauern sind sehr zufrieden mit dem diesjährigen Sommer. Gibt es noch andere Klimagewinner?

Breuer: Von den landwirtschaftlichen Nutzern sind die Weinbauern schon diejenigen, die in diesem Sommer sehr gut zurechtgekommen sind. Im Obstbau war es natürlich auch nicht schlecht. Da gab es in vielen Bereichen sehr gute Ernten. Aber das ist natürlich nicht die große Flächendominanz. Wir reden da über Sonderkulturen, wobei der Wein schon mit an erster Stelle zu nennen ist. Aber die Apfel- und Kirschbauern haben auch gute Erträge gehabt im Vergleich zum letzten Jahr, das aber auch besonders schlecht war. Was man sich über längere Sicht schon überlegen kann, ob wir nicht mal irgendwann über solche Pflanzen nachdenken wie Avocado, die wir bislang ausschließlich importieren. Mancherorts sieht man schon Bananenpflanzen in Vorgärten, die auch hier überwintern können. Oder die Kiwi, die bei uns in vielen Regionen gut angebaut werden könnte. Und wir importieren sie trotzdem noch. (Foto: dpa)

Info

Neue Schädlinge aus Exoten

(rüg). Zu heiß, zu kalt, zu trocken, zu nass: Die Landwirte schauen nicht nur aufs Wetter, wenn es um Aussaat und Ernte geht. Auch der Pflanzenschutz und die Bekämpfung von Schädlingen ist für sie ein beständiges Thema. Schon viele Exoten aus südlichen Ländern haben den Weg nach Mitteleuropa gefunden. Müssen wir auch mit neuen landwirtschaftlichen Schädlingen rechnen? "Ja, mit Sicherheit", sagt Prof. Lutz Breuer von der Universität Gießen. "Wobei das nicht nur durch den Klimawandel stattfindet." Die Veränderung des Weltklimas sei ein indirekter Treiber, weil er Erregern ermögliche, besser zu überleben als vor 50 oder 100 Jahren, als es noch ein bisschen kühler war. "Das große Problem, was Schaderreger angeht, ist meiner Ansicht nach der Import von land- und forstwirtschaftlichen Produkten aus anderen Regionen, die den Erreger mitbringen", meint der Experte. Aber auch der Tourismus sei zu nennen, durch das Einschleppen von Krankheiten oder das Mitbringen von Pflanzen, Obst und Holzprodukten aus dem Urlaub. "Erreger, mit denen wir bisher in der Landwirtschaft nicht konfrontiert waren, wird es in Zukunft mehr geben", sagt Prof. Breuer.

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