Eine Bechstein-Fledermaus während der Untersuchung. Seit rund 20 Jahren untersuchen Biologen regelmäßig in einem Waldareal bei Mörfelden-Walldorf, wie sich die Fledermauspopulation dort entwickelt. FOTOS: DPA
+
Eine Bechstein-Fledermaus während der Untersuchung. Seit rund 20 Jahren untersuchen Biologen regelmäßig in einem Waldareal bei Mörfelden-Walldorf, wie sich die Fledermauspopulation dort entwickelt. FOTOS: DPA

Wenn es Nacht wird...

  • vonDPA
    schließen

Wie sehen Fledermäuse ihre Welt, wenn sie nachts im Wald auf die Jagd gehen? Scheinbar mühelos gleiten sie im Dunkeln zwischen den Bäumen umher. Biologe Markus Dietz erforscht die Tiere seit vielen Jahren. Oft auch nachts.

Es bricht gerade die Dämmerung an, als der Biologe Markus Dietz seinen nächtlichen Einsatz im Wald beginnt. In robusten Outdoor-Klamotten läuft er in der Nähe des Frankfurter Flughafens zwischen alten Buchen umher, mit einem Arm hält er eine Antenne in die Höhe. Der 53-Jährige sucht den Schlafbaum einer Kolonie von Bechsteinfledermäusen. Eines der Tiere trägt einen winzigen Sender im Fell und weist dem Forscher den Weg.

Dietz ist seit rund 20 Jahren regelmäßig in dem Waldareal bei Mörfelden-Walldorf unterwegs, einem europäischen Schutzgebiet. Gemeinsam mit Kollegen untersucht er, wie sich die Fledermauspopulation entwickelt. Der Plan für diese Nacht: Möglichst viele Tiere einer Kolonie fangen, untersuchen und mit einem kleinen Reif individuell markieren.

Die Peilantenne verrät Dietz, dass die Bechsteinfledermäuse sehr wahrscheinlich in einer alten Spechthöhle in etwa acht Metern Höhe den Tag verschlafen haben. Oft leben mehrere Dutzend Weibchen, die mehr oder weniger miteinander verwandt sind, in Gruppen zusammen. Bei Einbruch der Dunkelheit fliegen die Säugetiere aus und jagen Insekten.

Diesen Moment wollen sich die Forscher zunutze machen, um die Kolonie untersuchen zu können. Vor das Höhlenloch wird ein spezieller Fangkorb gehängt, bei dem die Fledermäuse beim Weg in die Nacht unversehrt in einem Stoffbeutel landen.

Das bedeutet einen Einsatz für Josia Ohlig: Behände zieht sich der Baumkletterer an einem Seil nach oben und platziert den Korb, während die Sonne langsam untergeht. Eineinhalb Stunden später ist bereits Geflatter und Zetern im Stoffbeutel zu hören. Diesmal nur im Schein der Stirnlampen, klettert Ohlig wieder in den Baum und lässt die gefangenen Tiere langsam nach unten.

Nun beginnt für Dietz die eigentliche Arbeit, inzwischen ist es bis auf schwachen Mondschein stockdunkel im Wald: Vorsichtig holt der Biologe die Fledermäuse aus dem Fangkorb und setzt sie in kleinere Stoffbeutel um. Anschließend wird jedes Tier gewogen, vermessen und unter anderem das Geschlecht notiert. Am Schluss befestigt er einen kleinen Reif an der Flughaut - und die Tiere dürfen wieder in die Nacht entschwinden.

Bechsteinfledermäuse gehören mit einer Spannweite von rund 30 Zentimetern und einem Gewicht von etwa neun Gramm zu den mittelgroßen Arten. "In Hessen nachgewiesen sind insgesamt 20 Fledermausarten, die aber nicht alle auch in Hessen reproduzieren", erläutert die Biologin Susanne Jokisch vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Beispielsweise gebe es bisher nur vereinzelt Hinweise auf die Nymphenfledermaus. Zu den Arten, die häufig vorkommen, zählten Zwergfledermaus, Wasserfledermaus, Fransenfledermaus, Braunes Langohr, Großes Mausohr und die Kleine Bartfledermaus. Markus Dietz erforscht seit Jahrzehnten Fledermäuse, ist von den kleinen Säugern fasziniert. "Sie sind hübscher, als die meisten Menschen denken", erzählt er. Außerdem seien es sehr soziale Tiere mit beeindruckenden Sinnesleistungen, wenn sie nachts mit Ultraschall durch den Wald fliegen. "Die Arbeit mit Fledermäusen bereichert meine Lebenswelt ganz enorm", sagt Dietz. "Ich glaube inzwischen zu verstehen, wie Fledermäuse ihre Welt sehen."

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Dass er oft nachts im Wald unterwegs ist, habe seine Wahrnehmung verändert, Nase und Ohren trainiert. "Ich komme riechend und hörend anders zurecht", sagt der Biologe. Angst allein im Wald kennt er nicht. "Ich begegne auch mal einer Rotte von Wildschweinen - und gehe einfach ruhig vorbei, sie sind sehr friedlich."

Als Dietz in den 1990er Jahren mit der Fledermausforschung begann, stand es sehr schlecht um die Tiergruppe. Vor allem die hohe Belastung der Umwelt mit Pestiziden und der Verlust von Lebensraum setzte ihnen zu. Inzwischen hätten sich viele Arten wegen der zahlreichen Schutzmaßnahmen zwar wieder erholt, sagt Dietz.

Allerdings sieht er sorgenvoll in die Zukunft. "Das Insektensterben wird sich ganz dramatisch auf Fledermäuse auswirken", sagt er. Ein Tier müsse pro Nacht eine Beute machen, die zwei Drittel des eigenen Körpergewichts entspricht. Zusätzlich setzt vielerorts die intensive Forstwirtschaft den nachtaktiven Jägern zu: Ohne einen alten Baumbestand finden sie keine Schlafhöhlen.

Vor allem weltweit betrachtet seien Fledermäuse derzeit zusätzlich in Gefahr, weil sie mit dem Coronavirus in Verbindung gebracht würden, obwohl es keinen Nachweis über eine direkte Übertragung auf den Menschen gebe, sagt Dietz. Der Biologe hat bei der Arbeit mit den Tieren Handschuhe und Mundschutz an - dabei geht es jedoch um den Schutz der Fledermäuse vor einer SARS-CoV-2-Infektion.

28 Bechsteinfledermäuse haben Dietz und seine Kollegen in der Nacht gefangen und registriert. Für diese Art trage Deutschland eine besondere Verantwortung, betont der Biologe. Rund 20 Prozent der weltweiten Population leben hierzulande.

Je mehr die Menschen über Fledermäuse wissen, umso besser könne man die Tiere schützen. Sie seien außerdem ein wichtiger Indikator dafür, in welchem Maße ein Wald ökologisch wertvoll ist. Das heißt, dass von einem Schutz der Fledermäuse in bestimmten Arealen viele weitere Arten profitieren, darunter Insekten und Vögel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare