Forschungsprojekt

Wenn die Eltern psychisch krank sind

  • schließen
  • Gerd Chmeliczek
    schließen

Mama möchte nicht mit den Kindern spielen, Papa kapselt sich ab. Sind Eltern psychisch krank, ist das für Kinder belastend. Forscher in der Region widmen sich diesem Thema.

Zentrum des Projekts ist Mittelhessen: Federführend ist die Philipps-Universität Marburg mit Prof. Dr. Hanna Christiansen. Ebenfalls an Bord sind die Justus-Liebig-Universität Gießen sowie Kollegen aus München, Dortmund, Bochum, Landau, Braunschweig und Bielefeld. Seit dem 1. Januar dieses Jahres suche man Familien, die sich auf das Projekt einlassen, erklärt Christiansen. Bislang hätten sich fünf dazu bereit erklärt. "Insgesamt 634 Familien in vier Jahren sind für die Studie notwendig", sagt die Projektleiterin.

Mit "Compare-family", das vom Bundesforschungsministerium mit über zwei Millionen Euro in den kommenden vier Jahren gefördert wird, will das Team herausfinden, ob sich ein spezielles Elterntraining positiv auf die Kinder auswirkt. Der etwas schleppende Beginns schreckt die Experten nicht: "Das ist nicht ungewöhnlich", erklärt Prof. Dr. Christina Schwenck, der am Standort Gießen die Leitung obliegt. Erkrankte hätten nicht selten Schwierigkeiten, die Energie für eine zusätzliche Aufgabe aufzubringen. Mittlerweile häuften sich aber die Anfragen, zudem rühre man verstärkt die Werbetrommel, arbeite unter anderem mit den Krankenkassen zusammen. "Das Interesse in der Fachwelt an diesem Projekt ist riesig", sagt Christiansen. Geschätzt hätten etwa 25 Prozent der Minderjährigen in Deutschland ein psychisch krankes Elternteil. Häufig müssten die Mädchen und Jungen mehr Verantwortung übernehmen, als es ihrem Alter angemessen sei. Zusätzliche Belastungen, die dann auch bei den Kindern zu psychischen Störungen führen können – sei es genetisch bedingt oder durch die elterliche Erkrankung ausgelöst.

Präventiv arbeiten

Daher sei es dringend notwendig, präventiv tätig zu werden. Es gebe jedoch im Gesundheitssystem kaum Möglichkeiten, sich diesen Kindern zu widmen, wenn sie noch nicht erkrankt sind. Das soll sich nun ändern. Eltern, die unter einer psychischen Störung leiden und Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren haben, sollen im Rahmen der Studie psychotherapeutisch behandelt werden.

Zwei Voruntersuchungen sind notwendig, um sicher zu gehen, dass die Voraussetzungen passen, erläutert Markus Stracke, klinischer Projekkoordinator. Es folgt eine Einzel-Verhaltenstherapie für das erkrankte Elternteil im Umfang von 25 bis 45 Sitzungen. Die Hälfte der Teilnehmer erhält zusätzlich noch ein spezielles Erziehungstraining (Triple P – das steht für "Positive Parenting Program", also für ein Positives Erziehungsprogramm). "Dann untersuchen wir, ob und wie sich das Zusammenwirken der beiden Therapieformen auswirkt", erklärt Christiansen. Wer ein zusätzliches Training erhält, wird ausgelost. "Wir wollen bei den Erwachsenen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es den Kindern besser geht, wenn den Eltern geholfen wird. Viele sehen das nicht und denken, der Nachwuchs bekommt davon nichts mit. Und: Das Kind soll nicht mitkriegen, dass ich schwach bin. Zudem ist die Scham sehr groß", erklärt Dr. Karoline Pieritz, klinische Projektmanagerin in Gießen, das Problemfeld.

Keine Kosten für die Teilnehmer

"Selber wieder Luft bekommen – das ist das Ziel", ergänzt Christiansen. Damit man wieder seinen Aufgaben nachkommen kann. Kinder sollten Kinder sein dürfen und nicht damit beschäftigt sein, die Schwester zu wecken, Pausenbrote zu schmieren und sich wie Erwachsene um den Haushalt kümmern zu müssen. "Kurz: Spielen, toben und lachen."

Für die Teilnehmer entstehen keine Kosten, die werden von der Krankenkasse bezahlt. Bis Mitte 2019 kann noch mit der Therapie begonnen werden. Sollte das Zusammenspiel mit dem Erziehungstraining erfolgreich sein, haben Kassen bereits angekündigt, es in den Leistungskatalog aufzunehmen. Die Forscher wollen ein Bewusstsein für das Problem bei den Betroffenen schaffen – aber auch in der Fachwelt, wie sie unisono betonen.

Ziel: Teufelskreis durchbrechen

Und auch die Politik hat das Thema auf die Tagesordnung genommen: Im aktuellen Koalitionsvertrag von Union und Sozialdemokraten heißt es dazu: "Wir wollen die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern verbessern. Die Schnittstellenprobleme bei ihrer Unterstützung werden wir mit dem Ziel einer besseren Kooperation und Koordination der unterschiedlichen Hilfesysteme beseitigen."

Das "Compare"-Projekt kann dazu beitragen. "Wir wollen den Teufelskreis durchbrechen und verhindern, dass Kinder selbst erkranken", fasst Christiansen das Ziel des Projekts zusammen. Und um das zu erreichen, brauchen die Wissenschaftler die Unterstützung von Betroffenen.

Info

Wer teilnehmen kann

Teilnehmen können Eltern, die unter einer psychischen Störung leiden und Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren haben. Sie müssen bereit sein, an einer ambulanten Psychotherapie teilzunehmen. Die Diagnose wird vom jeweiligen Team an den Universitäten gestellt. Es können aber auch Menschen teilnehmen, bei denen bereits eine psychische Störung diagnostiziert wurde, die sich aktuell aber nicht in psychotherapeutischer Behandlung befinden. Gearbeitet wird hauptsächlich mit den Erwachsenen, die Kinder nehmen an verschiedenen Befragungen teil. Weitere Informationen unter www.uni-marburg.de/compare.de oder www.compare-giessen.de. E-Mail: compare@staff.uni-marburg.de oder compare@psychol.uni-giessen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare