Schule analog

Die Welten spalten sich

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Smartphone, Computer, Youtube und Konsole: Schüler leben in ihrer Freizeit in einer digitalen Welt. Die Schule kommt da nicht mit – und arbeitet weitgehend immer noch analog.

Handys, Tablets und Laptops der Schüler müssen während des Unterrichts ausgeschaltet bleiben. Smartboards hängen in manchem Klassenzimmer, doch wenige Lehrer nutzen die interaktiven Tafeln. Oft dienen diese nur als Projektionsflächen für Beamer und Power-Point-Präsentationen. "Die Digitalisierung kommt an den Schulen zu kurz", sagt Landesschulsprecher Fabian Pflume. Der Gymnasiast fordert: "In meinem Berufsleben und dem meiner Mitschüler wird Digitalisierung eine große Rolle spielen. Darauf muss uns Schule vorbereiten." Julia Behrens von der Bertelsmann Stiftung stellt fest: "Die Welten spalten sich: Schule ist und bleibt analog, und die Lebenswelt der Schüler ist lange schon digital."

Selbst wenn die Schule gut ausgestattet ist, heißt das nicht automatisch, dass guter digitaler Unterricht stattfindet.

Julia Behrens, Bertelsmann Stiftung

Das geht los mit der technischen Ausstattung und den Kenntnissen der Lehrer: Der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Stefan Wesselmann, berichtet: "Wir haben die volle Bandbreite zwischen den beiden Extremen": Schlecht ausgestattete Schulen mit Lehrern, die mehr wollen und können – und Schulen mit moderner Technik, die über den Kopf des Kollegiums hinweg angeschafft wurde.

Hessen fördert Medienbildung

Die Landesregierung hat das Problem erkannt: Zuständig für die Ausstattung sind zwar die Städte und Kreise als Schulträger. "Gleichwohl unterstützt Hessen als einziges Bundesland seine Schulträger finanziell bei der IT-Ausstattung der Schulen", sagt der Sprecher des Kultusministeriums, Stefan Löwer. Medienbildung habe in Hessen seit Jahresbeginn Vorrang bei der Lehrerfortbildung. Fachfrau Behrens gibt jedoch zu Bedenken: "Selbst wenn die Schule gut ausgestattet ist, heißt das nicht automatisch, dass guter digitaler Unterricht stattfindet." Guter Unterricht hänge von den Konzepten ab, die die Schule gemeinsam erarbeiten sollte.

Ausbildung hinkt hinterher

Die Marienschule in Fulda hat so ein Konzept. "Wir wollen die Technik, die die Schüler auch nutzen, im Unterricht", sagt der Leiter der Lehrer-Mediengruppe, Peter Bach. "Wo es Sinn macht." Die Räume der vom Bistum mitgetragenen Privatschule seien daher – je nach Bedarf – unterschiedlich ausgestattet. Es gebe auch welche mit riesigen Monitoren, die Schüler und Lehrer über WLAN mit Handys und Laptops nutzten. Für solche Konzepte fehlen nach Behrens’ Erfahrung aber oft Zeit und Ressourcen.

Viele Lehrer würden gerne mehr neue Medien im Unterricht nutzen, wüssten aber nicht wie und hätten wenig Zeit, sich darum zu kümmern. "Digitalisierung ist noch immer kein Bestandteil der Ausbildung." Bei den sehr begrenzten Fortbildungsetats hätten Fragestellungen wie Inklusion und Ganztagsschule fast immer Vorrang. Chancen zu wenig genutzt

Wesselmann stimmt zu: Die Schulen müssten für ihre Bildungs- und die zunehmenden Erziehungsaufgaben unzählige Konzepte entwickeln. "Da ist ein Medienkonzept eines unter vielen." "Dabei könnte man Themen wie Inklusion und Ganztag mit der Digitalisierung wunderbar bewältigen", sagt Behrens. So könnten Computer oder Tablets für die individuelle Förderung auch leistungsschwächerer Schüler eingesetzt werden. "Dafür braucht es aber ein didaktisches Konzept." Zugleich könnten die Geräte genutzt werden, um Kindern individuelle Stundenpläne für den Tag zu geben. "Das wäre weniger Arbeitsaufwand für die Lehrer."

Juristische und praktische Hürden

An der mangelnden Kompetenz der Nutzer liege es nur selten, wenn neue Medien nicht genutzt würden, sagt dagegen Christoph Baumann von der Lehrergewerkschaft GEW Hessen. Jede zweite bis dritte Lehrkraft sei nach 1980 geboren und daher bereits mit den Neuen Medien aufgewachsen. Baumann zählt neben inhaltlichen Bedenken eine Reihe juristischer und praktischer Hürden auf: Nur lizensierte Software dürfe benutzt werden, Lehr- und Lernprogramme kosteten aber viel Geld. Jugendschutz und Filtersoftware schränken den Einsatz vieler Filme ein. Bei Netzwerken könne es bis zu fünf Minuten dauern, bis der Lehrer Zugriff auf seinen Account habe, und es gebe immer wieder Probleme mit Zugriffsrechten. "Die Systembetreuung liegt überwiegend in Händen der Lehrkräfte, die dafür weder ausgebildet sind noch die notwendigen Stunden bekommen." Und an den Netzwerken hingen bis zu 150 PCs sowie Drucker und andere Geräte.

Wachsende Spezialisierung

Die Forderung von Landesschulsprecher Pflume nach der Vorbereitung auf die digitalisierte Arbeitswelt kann Schule nach Einschätzung der Fachleute nur bedingt erfüllen. "Es wird nie möglich sein, jeden Jugendlichen optimal auf seinen späteren Beruf vorzubereiten", sagt Baumann mit Blick auf die wachsende Spezifizierung der Arbeitswelt.

Ausstattung

Hier gibt es Hilfen

(dpa). Die hessische Landesregierung unterstützt Städte und Kreise finanziell bei der IT-Ausstattung der Schulen. Außerdem wurde die Fortbildung für Lehrer modernisiert. Über das Projekt Schule@Zukunft fließt seit 2001 Geld an die Schulträger. Es soll ein Anreiz für eine gute IT-Ausstattung an den Schulen sein. In diesem Jahr ist der Fördertopf mit 2,75 Millionen Euro gefüllt. Im Rahmen der Digitalen Strategie Hessen unterstützt das Land seit 2016 zusätzlich die Schulträger bei der Anbindung von Schulen an ein schnelles Internet. Dafür steht Geld vom Land und vom Bund bereit. Medienbildung hat in der Lehrerfortbildung Priorität bekommen. Allein im 2. Halbjahr 16/17 haben nach den Zahlen des Kultusministeriums mehr als 2800 Lehrkräfte an etwa 300 Veranstaltungen zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht teilgenommen. Über die "Checkliste Medienbildung" kann jede Schule seit diesem Schuljahr eine interne Bestandsaufnahme machen.

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