Reihe an Reihe stehen die Reben am Hang. Die meisten sind abgeerntet und machen neugierig darauf, wie die Strecke wohl im nächsten Herbst schmecken wird. FOTOS: KAN
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Reihe an Reihe stehen die Reben am Hang. Die meisten sind abgeerntet und machen neugierig darauf, wie die Strecke wohl im nächsten Herbst schmecken wird. FOTOS: KAN

Wein im Blick und im Gepäck

  • vonKatrin Hanitsch
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Leuchtend grün-gelbes Weinlaub, Blicke über steile Hänge und den Rhein unten im Tal, dazu am besten eine Flasche Riesling im Rucksack: Eine Wanderung durch die hessischen Weinberge gehört zu den schönsten Ausflügen, die man im Herbst machen kann.

Eltville am Rhein trägt nicht nur die meisten Städtetitel Deutschlands - Weinstadt, Sektstadt, Rosenstadt und Gutenbergstadt -, normalerweise ist in den schmucken Straßen auch das ganze Jahr über etwas los: Rosentage, Sektfest oder Kappeskerb in der Kernstadt, Erdbeerfest in Erbach oder die Rauenthaler und Martinsthaler Weinfeste, um nur ein paar der Veranstaltungen zu nennen. Doch in diesem Jahr ist es hier wie überall ruhiger. Eine gute Gelegenheit, die Rheingau-Stadt mal aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen: von oben, aus den Weinbergen.

Fantastischer Blick in alle Richtungen

Ausgeschilderte Wanderwege gibt es hier zwar auch, auf denen geht es diesmal aber nicht entlang. Startpunkt ist am Rande von Eltville in der Nähe des Sportplatzes. Gleich hinter dem Sportplatz steht man der ersten Reihe Reben gegenüber. Und von nun an geht es erst einmal bergauf. Bald schon kann man einen Blick auf den Gutsausschank Baiken werfen, der malerisch in den Weinbergen eingebettet liegt und zu den Staatsweingütern Kloster Eberbach gehört. Wer hungrig ist, kann hier einkehren - oder sich nach rechts dem Anbaugebiet Wülfen zuwenden und den dazu passenden Riesling aus dem Rucksack holen.

Jetzt wird der Weg richtig steil, die Herbstsonne heizt zusätzlich ein. Links und rechts ist der Weg von Steinmauern eingeschlossen, die immer höher werden, darüber reihen sich die Weinstöcke auf. Oben am Hang thront das Tempelchen Bubenhäuser Höhe. Das Tempelchen streifen wir nur mit dem Blick, die 267 Meter hoch gelegene Bubenhäuser Höhe mit ihrem Gipfelstein aber erklimmen wir. Von hier aus bietet sich ein fantastischer Blick in alle Himmelsrichtungen. Gelegenheit, sich zu orientieren. Ganz im Süden liegt Eltville. Am Ufer des Rheins kann man das Riesenrad erspähen, das in diesem Sommer aufgestellt wurde, gegen die Langeweile durch coronabedingt abgesagte Feste. Erbach schließt sich an, westlich des Aussichtspunktes liegt Kiedrich, im Norden Martinsthal und Rauenthal, östlich Walluf. In Richtung Rhein ist die Bubenhäuser Höhe gesäumt von Weinlagen, eine davon ist das Langenstück. Auch dazu findet sich der passende Riesling im Gepäck.

Von hier aus läuft es sich leichter, es geht ein Stück bergab, weg vom Rhein, nach Rauenthal. Ziel für die Mittagspause ist der Weinprobierstand am Ortsrand. Wer am Nachmittag hier aufschlägt, kann aus der Karte wählen, wer zu früh ist, nimmt den Federweißen aus dem Rucksack, dazu ein Stück Zwiebelkuchen, ebenfalls aus dem Proviant, und genießt die Pause.

Wir streifen Rauenthal nur kurz und wenden uns nach links. Durch den Wald geht es steil hinab bis zur Gaststätte Rausch. Kaum unten angekommen, beginnt der nächste Aufstieg, weiter durch den Wald. Zwischendurch öffnet sich das Blätterdach und gibt den Blick frei auf steile Hänge. Schließlich endet der Waldweg, trifft auf den Rheinsteig und den nächsten beeindruckenden Aussichtspunkt. Hier gibt es auch ein Wiedersehen mit den Weinstöcken. Oberhalb von Kiedrich und der Weinlage Wasseros wird ein Weißherbst ausgeschenkt.

60 Jahre alte Reben am Gräfenberg

Am Waldrand entlang geht es hinunter nach Kiedrich. Beim Heraustreten aus den letzten Baumreihen fällt der Blick direkt auf den Turm der Ruine Scharfenstein. Sie ist das Wahrzeichen Kiedrichs und das Wappensymbol der Gemeinde. Die Burganlage wurde 1160 gebaut, sie war Regierungssitz des Scharfensteiner Adelgeschlechts, Residenz von Erzbischöfen und Schutz der Straße von Eltville über die Höhe. Seit dem 16. Jahrhundert verfällt die Burg jedoch. Wer näher an den Turm heran möchte, muss sich rechts halten und einen Umweg in Kauf nehmen. Wir wenden uns nach links auf den kinderwagenfreundlicheren Weg und gehen zwischen den Reben hinunter ins Tal.

Rechts vom Weg blickt man nun auf Kiedrich mit dem markanten Turm der katholischen Pfarrkirche St. Valentius, links erhebt sich der Gräfenberg mit seinen über 60 Jahre alten Reben. Zeit für einen Riesling aus eben jenen Trauben.

In Kiedrich liegt auch der zweite Weinprobierstand auf der Strecke, inzwischen ist es so spät, dass er geöffnet hat. Das letzte Stück des Weges führt wieder mitten durch die Weinhänge in Richtung Eltville. Dort bietet sich zum Abschluss der Tour eine Einkehr in der Klostermühle an. Wer unterwegs nicht genug hatte, kann sich noch "en Maul voll Wein" bestellen. Die Mittagspause mit Zwiebelkuchen liegt auch schon einige Stunden zurück, sodass Platz sein sollte für die Interpretation hessischer Köstlichkeiten, die die Küche hier anbietet: Rieslingcremesüppchen, Rheingau-Tapas, Zweierlei vom Handkäs und - für besonders Experimentierfreudige - Grüne-Soße-Eis.

Der letzte der insgesamt zwölf Kilometer auf den gut befestigten Wegen läuft dann noch wie von selbst. Als wir ihn gehen, ist es schon dunkel, mit der Aussicht ist es also vorbei. Doch das macht nichts. Die Eindrücke vom Tag wirken nach. Auch wenn es mal wieder losgeht mit den Veranstaltungen in den Weinorten: Eine Wanderung durch die Weinberge lohnt sich allemal. Vor allem jetzt im Herbst.

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