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Engpass beim Impfstoff: Viele Hausärzte müssen derzeit Impftermine ihrer Patienten wieder absagen.

Was bremst den Impfexpress aus?

Verzweifelte Impfwillige, keine Termine, frustrierte Ärzte und niemand will schuld sein: Hessen stöhnt unter dem Engpass bei den Corona-Impfstoffen. Wer sich endlich doch zur Impfung gegen Covid-19 entschlossen hat oder seine Impfung auffrischen lassen will, braucht derzeit viel Geduld. Eine riesige Nachfrage trifft auf eine geschrumpfte Liefermenge.

Woran liegt es, wie geht es weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

?Wie kommt der Impfstoff zum Kunden?

Die Praxen und der öffentliche Gesundheitsdienst bestellen einmal die Woche Impfstoff für die Woche darauf. Sie ordern die gewünschte Anzahl an Dosen bei der für sie zuständigen Apotheke. Die Apotheken geben die Bestellungen dann gebündelt an die Großhändler weiter. Mehr als 100 Großhandelsniederlassungen, verteilt über ganz Deutschland, beliefern die Apotheken. Sie werden vom Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (PHAGRO) vertreten. Bestellt wird dienstags, wie Katja Förster vom Hessischen Apothekerverband erklärt. Am Mittwoch gibt es eine Rückmeldung zur Verfügbarkeit. Am Montag der neuen Woche wird die Ware geliefert. Laut PHAGRO wurden in der letzten Woche sieben, in dieser Woche neun Millionen Impfstoffdosen ausgeliefert - »so viel wie nie zuvor«.

?Was ist die Ursache für den aktuellen Mangel?

»Grundsätzlich kann der Pharmagroßhandel nur so viel Impfstoffdosen ausliefern, wie ihm vom Bund zur Verfügung gestellt werden«, teilte Phagro auf Anfrage mit. »Für diese Woche hatten Apotheken weitaus mehr Comirnaty (Biontech) bestellt, als der Großhandel vom Bund erhalten hat.« Das Bundesgesundheitsministerium hatte für die nächsten Wochen Begrenzungen bei Bestellmengen für den Biontech-Impfstoff angekündigt. Dafür soll das Präparat von Moderna bei den Auffrischungsimpfungen vermehrt zum Einsatz kommen. Zur Begründung wurde auch darauf verwiesen, dass andernfalls eingelagerte Moderna-Dosen zu verfallen drohten. Laut hessischem Apothekerverband durfte jeder Arzt in Hessen für diese Woche maximal 30 Dosen Comirnaty ordern. »Ende vergangener Woche kam dann die Info, dass auch die bereits kontingentierte Menge nicht vollständig geliefert werden kann«, erklärt die Verbandssprecherin. Für Ärzte und Apotheken sei diese Info zu spät gekommen, um noch den Impfstoff von Moderna nachzuordern.

?Nach welchen Kriterien wird bei Knappheit entschieden?

»In diesem Fall verteilt der Großhandel die Impfstoffe gemäß den Vorgaben des Bundesgesundheitsministeriums fair und anteilig auf die Bestellungen der Apotheken«, heißt es beim PHAGRO. »Die Kriterien sind komplett intransparent«, kritisiert der Vorsitzende des Hausärzteverbands Hessen, Armin Beck. Ärzte haben verschiedene Apotheken, Apotheken haben verschiedene Großhändler. »Wie es vom Zentrallager aus weitergeht, weiß keiner«, sagt Beck.

?Wie gehen Ärzte jetzt damit um?

Der Engpass kommt zur Unzeit: Spätentschlossene haben sich erst jetzt zur Impfung durchgerungen, früh geimpfte Menschen wollen eine Auffrischung. Dass ausgerechnet jetzt nicht genug Corona-Impfstoff in den Praxen ankommt, »das ist eine vollständige Ka- tastrophe«, sagt Beck. »Das ist ein organisatorischer Super-GAU.« Die Stimmung sei angespannt, »man könnte auch sagen, beschissen«.

?Gibt es eine Priorisierung nach Alter und Gefährdung?

In der ersten Phase der Impfkampagne gab es eine Priorisierung nach Alter und Gefährdung - nun empfiehlt die Ständige Impfkommission Booster-Impfungen für alle. Die Ärzte müssen also selbst priorisieren. Der Vorsitzende des Hausärzteverbands geht davon aus, dass die meisten Kollegen zuerst die stärker gefährdeten Patienten drannehmen, also zuerst die Älteren, Vorerkrankten oder die, deren Impfung länger zurückliegt.

?Was bedeutet das für Impfzentren und Sonderaktionen?

Frankfurt hatte schon am Montag Sonderimpfaktionen abgesagt. Damit sollte sichergestellt werden, dass genug Impfstoff für das Impfzentrum übrig bleibt - aber auch das ist nicht für die ganze Woche gesichert. Man werde das Impfzentrum an der Messe »so lange wie möglich« offen halten, sagt das Gesundheitsamt. »Je nach Verfügbarkeit des nötigen Impfstoffes kann es aber auch hier zu einer zeitweisen Schließung kommen.« Hessens größte Stadt Frankfurt hatte nach eigenen Angaben für diese Woche knapp 20 000 Dosen bestellt, aber nur rund 6000 Impfdosen Comirnaty (Biontech) plus maximal 4000 Dosen Spikevax (Moderna) bekommen. Der Plan der hessenweiten »Impfallianz« sieht vor, dass die Stadt pro Woche rund 19 000 Menschen impft. Niedergelassene Ärzte sollen weitere rund 31 000 Impfungen pro Woche durchführen.

?Wie reagiert das Land auf den Engpass?

Hessen verweist auf Berlin. Der Bund habe vergangene Woche - über die bereits bekannte Rationierung des Biontech-Impfstoffs hinaus - die zugesagten Liefermengen sowohl für Biontech als auch Moderna überraschend nochmals reduziert. »Das ist inakzeptabel. Wir verlangen vom Bund eine klare Kommunikation zu den Gründen und vor allem die zeitnahe Auslieferung des benötigten Impfstoffs«, hatte Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) am Freitag mitgeteilt. »Ich hoffe und erwarte, dass der Bund nachliefert«, sagte Klose.

?Was sagt der Bund zu den Vorwürfen?

Laut Bundesgesundheitsministerium ist genug Impfstoff verfügbar. Eine Knappheit sei nicht zu sehen, sagte ein Sprecher gestern in Berlin. Es hänge aber auch vom Bestellverhalten von Praxen und Impfstellen ab, dass Impfstoff sie erreiche. In der vergangenen Woche habe es einzelne Nachbestellungen gegeben, die dann häufig nicht mehr bedienbar gewesen seien. Den Bund hätten Rückmeldungen aus zehn Ländern erreicht, dass es Probleme gebe - Hessen sei nicht dabei gewesen.

?Wie reagieren die Hersteller auf die Lage?

Biontech zieht angesichts der Nachfrage die Lieferung von Millionen Impfdosen an Deutschland vor. In dieser Woche werde der Bund 5,8 Millionen Impfdosen erhalten, weil eine eigentlich erst für kommende Woche vorgesehene Liefercharge von 2,9 Millionen Dosen auf diese Woche vorgezogen werde, teilte eine Unternehmenssprecherin am Montag mit. Im Laufe des Dezembers will Biontech nochmals 2,9 Millionen Dosen liefern.

?Wie geht es jetzt mit den Lieferungen weiter?

In dieser und der vergangenen Woche seien insgesamt 18 Millionen Dosen vom Bund ausgeliefert worden, hieß es gestern aus dem Bundesgesundheitsministerium. Weitere zehn Millionen Dosen sollen kommende Woche folgen. Darüber hinaus stünden noch weitere 25 Millionen Dosen für Booster zur Verfügung. In Hessen wurden laut Sozialministerium in der vergangene Woche 280 000 Impfungen durchgeführt - mehr als zu den Zeiten, als die Impfzentren noch in Betrieb waren. Ab nächster Woche lautet das Ziel 400 000 Impfungen pro Woche. »Aufgrund der vom Gesundheitsministerium bereits angekündigten Mengenbegrenzung auf drei Millionen Impfstoffdosen Comirnaty ist es möglich, dass auch in der nächste Woche nicht alle Bestellungen bedient werden können«, dämpft PHAGRO die Erwartungen.

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