Warten auf das Urteil

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Hinter hohen Mauern warten Mörder und Terroristen auf ihr Urteil. Der mutmaßlich rechtsextreme Soldat Franco A. und der terrorverdächtige Haikel S. sitzen im selben Gefängnis. Die beiden Männer dürften sich aber nie begegnen. Frankfurt I ist eine Hochsicherheitshaftanstalt.

Konstantin Müller hat hinter schlagfestem Glas vier Monitore und zwei Flure im Blick. Der Justizvollzugsbedienstete überwacht eins der vier Stockwerke in Haus B des Frankfurter Hochsicherheitsgefängnisses sowie einen Teil des Treppenhauses. Kurz nach Beginn seines Dienstes um 5.45 Uhr öffnet er jeden Haftraum und schaut, ob die Insassen vollzählig und wohlauf sind. "Das dauert normalerweise keine zehn Minuten", sagt er. 40 der insgesamt bis zu 564 Gefangenen sind in der Etage untergebracht, überwiegend in Einzelzellen. Frankfurt I ist das größte Gefängnis für Untersuchungshäftlinge in Hessen.

Unter den rund 6000 Gefangenen pro Jahr, die auf ihre Anklage, ihren Prozess oder ihre Verurteilung warten, sind mutmaßliche Mörder, Terroristen, Rechtsextreme, Mafiosi und Rocker. Den meisten werden Rauschgiftdelikte und Einbruch vorgeworfen – gefolgt von schwerer und gefährlicher Körperverletzung sowie Raub, wie Sicherheitsdienstleiter Jürgen Gesell sagt. Manche kommen immer wieder – gerade wenn es um Drogen und Beschaffungskriminalität geht, bis zu zehnmal in zehn Jahren.

Alle Inhaftierten sind Männer, die meisten Erwachsene bis Mitte 30. Es gibt aber auch 80-Jährige: In dieser Altersgruppe geht es vergleichsweise häufig um Betrug oder Sexualdelikte mit Kindern. Der Ausländeranteil ist hoch, wegen der Nähe zum größten deutschen Flughafen und weil viele der Beschuldigten keinen festen Wohnsitz haben.

Notrufknopf in den Zellen

Über einen Notrufknopf können sich die U-Häftlinge bei den Vollzugsbediensteten melden. Einer bittet Müller auf Englisch um eine Kopfschmerztablette, ein anderer fragt auf Französisch nach Putzsachen für seine Zelle. Die meisten der rund 200 Beschäftigten im Vollzugsdienst können auch mehrere Sprachen.

Ein halbes bis ein dreiviertel Jahr bleiben die Häftlinge in der Regel in der Justizvollzugsanstalt (JVA). Am längsten saß ein wegen Völkermords angeklagter ehemaliger Bürgermeister aus Ruanda: rund sieben Jahre. Bis zu 15 Meter sind die Stahlbeton- mauern der JVA hoch und zusätzlich mit drei Rollen Stacheldraht gesichert. Damit es aber keiner der U-Häftlinge überhaupt bis zu der Außenmauer schafft, gibt es noch einen Sicherheitszaun. "Wir können bis zu fünf Bandenmitglieder so unterbringen, dass sie sich nicht sehen und hören können", sagt Anstaltsleiter Frank Lob.

Verbindungen zwischen den Häusern gibt es nur unterirdisch. Das verwirrende Labyrinth gehört zum Sicherheitskonzept.

Bewegungsmelder sowie fast 400 Videokameras garantieren neben den Vollzugsbediensteten die Sicherheit. Fahrzeuge von außen kommen nicht auf das Gelände. Sogar gegen Befreiungsversuche aus der Luft ist die JVA gesichert: Ein Helikopter-Sicherheitsnetz überspannt den Hof, in dem die Inhaftierten Luft schnappen und Sport treiben. "Hier bricht man nicht aus", sagt Lob.

Für sehr aggressive und hoch selbstmordgefährdete Häftlinge gibt es sieben "besonders gesicherte Hafträume" (bgH). Die auch "Bunker" genannten Zellen können durch zwei Türen betreten werden. Innen gibt es nur eine feuerfeste Matratze und ein französisches Stehklo aus Edelstahl. Die Unterwäsche ist aus Papier. Die Gefangenen sollen weder sich noch andere verletzen können. Trotzdem ist es einigen gelungen, ein paar Wörter in die Farbe der schweren Sicherheitstüren zu ritzen: "Inchallah Al Qaida" steht da etwa.

Der terrorverdächtige Tunesier Haikel S. war nach dpa-Informationen zu Beginn seiner U-Haft in einem solchen Raum. Der 36-Jährige ist aber kein U-Häftling mehr, seit der Bundesgerichtshof den Haftbefehl aufgehoben hat. Jetzt sitzt er als Abschiebehäftling in der hoch gesicherten JVA. Wer in Frankfurt I seine Untersuchungshaft verbüßt, verraten weder die Gefängnisleitung noch das Justizministerium. Nach dpa-Informationen gehört der mutmaßliche rechtsextreme Bundeswehrsoldat Franco A. dazu, der sich als syrischer Flüchtling tarnte und möglicherweise einen Anschlag plante.

In den kameraüberwachten bgH soll ein Häftling maximal drei Tage bleiben. Wenn er sich darin nicht beruhigt, kann er für einige Stunden auf einer Fixierliege festgemacht werden. "Das passiert durchschnittlich einmal im Monat", sagt Lob. Mit Infrarotkameras können gefährliche und selbstmordgefährdete Häftlinge in den bgH und sieben anderen Zellen auch nachts überwacht werden. Es gibt auch Zellen mit einer zusätzlichen schlagfesten Schutztür. Diese verhindern Spuckangriffe oder Attacken mit heißem Wasser auf die Bediensteten, die immer hellwach sein müssen. Drohungen und üble Beschimpfungen hören sie oft, auch geschubst und angerempelt werden sie mitunter. "Richtige tätliche Angriffe gibt es etwa ein- bis zweimal im Jahr", sagt Sicherheitsdienstleiter Gesell.

In welchen Zeitabständen eine Zelle tagsüber kontrolliert wird, hängt von den Gefangenen ab und ist nicht berechenbar. Die Vollzugsbediensteten achten auch darauf, dass die Häftlinge keinen Gerichtstermin verpassen. Einige werden aus ihren Zellen geholt, um am Deutschkurs mit einer externen Lehrerin teilzunehmen. "Die Gefangenen sind dankbar, dass sich jemand mit ihnen beschäftigt", sagt Müller. U-Häftlinge dürfen ihre eigene Kleidung tragen. Die meisten entscheiden sich dennoch für die roten Oberteile und die grauen Hosen, die sie bei der Ankunft bekommen können.

Für Neulinge ist das Gefängnis oft ein Schock: "Viele, denen fünf Jahre und mehr drohen, sehen keine Lebensperspektive", berichtet Lob. Ansprache, psychologische Betreuung und Beschäftigung würden daher großgeschrieben. Fünf Suizide konnten in den sechs Jahren trotzdem nicht verhindert werden. Es gebe aber auch immer wieder Gefangene, die mit Selbstmorddrohungen etwa einen Fernseher erpressen wollen.

Neben den Vollzugsbediensteten arbeiten etwa 100 andere Menschen in der JVA: Ärzte, Krankenpfleger, Pädagogen, Psychologen und Verwaltungsangestellte. Es gibt einen Andachtsraum, Krafträume, Sport-, Computer- und Kreativangebote. "Wir müssen die Gefangenen beschäftigen, sonst beschäftigen sie uns", sagt Müller. (Foto: dpa)

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