Symbol der Teilung: An der hessisch-thüringischen Grenze haben im Juni 1962 Arbeiter unter Bewachung uniformierter Einheiten am Ufer der Werra zwischen Philippsthal und dem Grenzstädtchen Vacha mit dem Abriss von 800 Metern Stacheldraht und dem Bau einer Mauer begonnen.
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Symbol der Teilung: An der hessisch-thüringischen Grenze haben im Juni 1962 Arbeiter unter Bewachung uniformierter Einheiten am Ufer der Werra zwischen Philippsthal und dem Grenzstädtchen Vacha mit dem Abriss von 800 Metern Stacheldraht und dem Bau einer Mauer begonnen.

75 Jahre GIeßener Allgemeine Zeitung

Vom Leben in einem geteilten Land: Wie der Ost-West-Konflikt lange die Zeitungsseiten beherrschte

  • Burkhard Bräuning
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Die Welt von heute besteht aus vielen Puzzleteilen. Von 1945 bis 1989 teilte man den Globus eher holzschnittartig in zwei Lager. An der Schnittstelle - in der Mitte Europas - teilte der »Eiserne Vorhang« auch Deutschland in Ost und West.

»Das politisch interessierte Gießen hatte am Donnerstagabend Gelegenheit, sich gleich in zwei Versammlungen über die Frage der Wiederherstellung unserer nationalen Einheit zu unterrichten. Oder sagen wir genauer: es hätte fast diese Möglichkeit gehabt.« Dr. Hans Rempel, damals Chefredakteur der Gießener Allgemeinen Zeitung, schrieb diese Zeilen in der Wochenendausgabe 1./2. April 1950. Warum das Publikum ohne Hoffnung nach Hause gehen musste, lag laut Dr. Rempel vor allem daran, dass der erste Redner ein Gesandter der SED war, der andere gehörte der Nationaldemokratischen Partei (NDP) an, einer nationalkonservativen Bewegung, die nur in Hessen vertreten war und sich noch im selben Jahr mangels Zuspruch auflöste. »In beiden Fällen waren die Redner … nicht in der Lage, einen wirklich gangbaren Weg, der aus der verzweifelten Situation hinausführen könnte, aufzuzeigen. Man kann mit dem Schlag auf die nationale Pauke zwar sehr leicht Versammlungslokale füllen, aber es ist sehr schwer, den suchenden Menschen eine auch nur einigermaßen befriedigende Antwort mit nach Haus zu geben«, schrieb der Chefredakteur. Und das sollte leider auch noch lange so bleiben.

Kein überregionales Thema hat in der deutschen Nachkriegsgeschichte so großen Raum in der Berichterstattung eingenommen wie das Leben in dem geteilten Land - und wie der globale Ost-West-Konflikt. Wenn man in alten Zeitungsbänden blättert oder im digitalen Archiv recherchiert, stellt man schnell fest: Es gibt nur wenige Ausgaben, in denen sich nicht mindestens ein Text mit dem Kalten Krieg und seinen bis in die heutige Zeit reichenden Folgen beschäftigt.

Täter und Opfer im Unrechtsstaat DDR

Nüchtern gesagt, war die Teilung Deutschlands ein Ergebnis des Zweiten Weltkriegs, eine politische Neuordnung in der Mitte Europas. Aber für viele Menschen waren die Folgen schmerzhaft, sie wurden zum Trauma ihres Lebens. Die direkt nach dem Krieg faktisch schon geschaffene Grenze war zwar anfangs noch durchlässig. Allein durch das Nadelöhr Berlin waren bis 1961 rund 1,6 Millionen Ostdeutsche in den Westen gegangen. Das änderte sich aber am 13. August 1961, als die DDR begann, das letzte »Schlupfloch« in den Westen zu schließen. Im Laufe der Jahre baute die SED-Führung die Sperranlagen immer weiter aus. Trotzdem versuchten Tausende die Flucht. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen starben mindestens 138 Menschen durch das DDR-Grenzregime. Nach mehr als 28 Jahren der Teilung fiel die Mauer am 9. November 1989 unter dem massiven Druck vieler DDR-Bürger. Ein Mitarbeiter unserer Zeitung schrieb einige Jahre später: »Die Mauer gibt es immer noch - bemalt, in Fläschchen oder mit Magnet, in Miniformat oder als riesigen Brocken. In allen Preisklassen. Reste der Berliner Mauer sind auch 25 Jahre nach ihrem Fall ein Verkaufsschlager. Weltweit stehen Segmente von ›The Wall‹, zum Beispiel in Museen.«

In der Rechtsprechung deutscher Gerichte wurde die DDR nach der Wende als Unrechtsstaat bezeichnet. Gleichwohl ist das bis heute unter Juristen und Politikern umstritten. Für viele Menschen, die unter der Staatsmacht gelitten haben, ist das sicher wie ein Schlag ins Gesicht. Wenn man allein an die Taten der Stasi denkt, wirkt die Debatte nicht nur auf juristische Laien mehr als ein bisschen verlogen. Zum Thema Stasi kommentierte unser damaliger Hauptstadt-Korrespondent Martin Ferber 20 Jahre nach dem Fall der Mauer: »Und doch sind die Stasi-Akten nicht mit dem normalen Archivgut zu vergleichen. Sie dokumentieren keine nüchternen Verwaltungsabläufe. Sie handeln von Menschen. Von Tätern und Opfern, von Unterdrückern und Unterdrückten - von einer kleinen Elite, die ihre Macht und ihre Privilegien durch Repression und Überwachung sicherte. Das macht die Akten so einzigartig. Einschränkungen bei der Akteneinsicht, gar einen Schlussstrich bei der Aufarbeitung, kann und darf es nicht geben.«

Vor der Aufarbeitung solcher Akten drücken sich viele, die selbst etwas zu verbergen haben. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht anders. Und nach dem Zusammenbruch der DDR waren wieder viele, die zu den Gewinnern des Systems zählten, nicht daran interessiert, dass ihre Schandtaten ans Licht der Öffentlichkeit kamen.

Nach dem Mauerfall: Die Lebensbedingungen gleichen sich an

50 Jahre nach dem Bau der Mauer war in einem Kommentar in dieser Zeitung zu lesen: »Junge Menschen kennen die Mauer und die innerdeutsche Zonengrenze nur aus Erzählungen, Zeitungen, Filmen und Büchern. Für sie, die heute an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen, ist all das Normalität, was sich ihre Väter und Mütter, ihre Großeltern in Ost und West nicht mehr vorstellen konnten. Zum Beispiel ohne Visum, Wartezeit und üble Schikane einfach so von Köln nach Dresden oder von Dresden nach Köln zu fahren. Bayern machen Urlaub an der Ostsee, und Schweriner fahren in die Alpen. Wenn heute in der Schule deutsche Städte aufgezählt werden sollen, dann nennen die Schüler ganz selbstverständlich Leipzig, Stuttgart, Stralsund und Bremen. Bauern in der Märkischen Heide pflügen wieder ihren eigenen Acker. Statt maroder ›volkseigener‹ Betriebe bieten engagierte Unternehmer moderne Arbeitsplätze.

Die Lebensbedingungen gleichen sich immer mehr an. Unterschiede werden aber bleiben, so wie es im Westen auch schon vor der Wende reichere und ärmere Länder gab. Es ist nicht alles gut im Osten (und im Westen), nicht alle Felder blühen, nicht jede Altstadt glänzt wie neu, nicht jeder hat einen Job, nicht alle haben die gleichen Startbedingungen. Es gibt strukturelle Probleme. Aber es wird besser. Und die Mauern in den Köpfen werden Stein für Stein abgebaut.« So ist es!

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